Hashtag Flatness: Sebastian Späth

„Mit Kunst kann und hat man in der Welt noch nie etwas verändern können und wird es auch in Zukunft niemals können. […] aber als Künstler.“ Sebastian Späth

„Kunst [ist] nicht das Kunstwerk, sondern eine Lebensweise, ein Lifestyle.“ Sebastian Späth

Ich möchte Ihnen einen Künstler vorstellen, der aus fast allem, was ich in der letzten Zeit und im Bereich der Kunst gesehen habe, heraussticht. Das liest sich nach einer Übertreibung, ist aber keine. Und das kann ich mit Gewissheit sagen, da es nur selten vorkommt, dass ich mit Begeisterung ein künstlerisches Schaffen verfolge.

Es ist auch nicht immer möglich, ein solches Schaffen zu verfolgen. Bei Sebastian Späth, um den es hier gehen soll, ist es sehr leicht. Denn er schreibt einen Blog mit Texten zur Kunst, die manchmal Manifesten gleichen. Er veröffentlicht Filme auf YouTube, bespielt seinen Instagram-Account mit zahlreichen Bildern, und auch auf Facebook und Twitter kommentiert er das gut beobachtete Welt- und Kunstgeschehen mit sehr eigenen Inhalten. Dabei ist er immer mutig und experimentell, auch etwas manisch und verrückt – und nutzt alles, was ihm zur Verfügung steht. Es ist gar nicht leicht, zu beantworten: wozu? Denn er arbeitet nicht an Kunstwerken, sondern an sich selbst. Er arbeitet an der Inszenierung einer Künstlerpersönlichkeit und eines Lifestyles, wobei Inszenierung zu steif klingt, zu unflexibel, und auch nicht richtig stimmt.

Sebastian Späth hat viele Muskeln, in kurzen Instagram-Videos sieht man ihn Klimmzüge machen und Gewichte heben. Er hat großflächige Tattoos und gelt sein Haar streng nach hinten. Dabei ist er aber nicht so clean, nicht so perfekt, nicht so professionell. Er imitiert nicht einfach – Werbebilder oder die sonst so üblichen Inhalte der sozialen Medien – wie es andere Künstler und Künstlerinnen tun, bricht sie aber auch nicht bloß. Er macht kein teuer produziertes Künstlerbuch in einem coolen Künstlerbuchverlag, mit aufregender Typografie, verschiedenen Papieren und möglichst keiner Einheitsgröße – sondern ein billig produziertes ‚Book on Demand’-Heft in DIN A5. 

Mit dem Titel „Wir können euch nicht helfen. Ein Künstler über die Grenzen der Kunst“ zitiert Späth den umstrittenen Grünen-Poltiker Boris Palmer, dessen Buch „Wir können nicht allen helfen: Ein Grüner über Integration und die Grenzen der Belastbarkeit“ eine Kritik an der Asylpolitik formulierte – aus einer politischen Richtung, von der man es nicht erwartet hätte. Auf dem Cover inszeniert Späth sich mit einem entsprechenden Anzug und Tier-Krawatte im Stil des AfD-Politikers Alexander Gauland. Andererseits wirkt er mit gegelten Haaren und Hornbrille als smarter Start-Up-Unternehmer. Das Heft ist voller Statements zum aktuellen politischen Welt- und Kunstgeschehen und zu der heiklen, aber ehrlichen Frage, was Kunst angesichts dessen eigentlich kann. Da heißt es zum Beispiel: „Wenn irgendwo auf der Welt etwas Schreckliches passiert, wie in Paris, Nizza, Berlin, London oder Stockholm, also ein Attentat in meinem Umfeld, auf Angehörige meines Kulturkreises, […] dann ist mein erstes Empfinden, um ehrlich zu sein, nicht Mitgefühl für die vielen Opfer und Verletzten […], sondern ich fühle mich als Künstler auf einmal ziemlich nutzlos und habe vor allem Mitleid mit mir selbst.“

Dann wundert sich Späth etwa, dass obwohl „Kunst für Künstler das Allergrößte ist“ und es deshalb „unvermeidlich um die großen Fragen“ gehen muss, die „Auseinandersetzung mit diesen Fragen“ nicht so intensiv ist, wie „man angesichts der Schwere der Themen erwarten würde. Die Qualität der Kunst ist der Tragweite der Themen […] nicht angemessen.“ Diese Sätze beziehen sich vor allem auf politische Kunst, „wenn Ai Weiwei ein 70 Meter langes Flüchtlingsboot mit 258 überlebensgroßen Flüchtlingspuppen als Insassen in der Prager Nationalgalerie von der Decke hängen lässt“. Jetzt denken Sie sich vielleicht, dass es etwas dreist ist, dass dieser junge, 1991 geborene Künstler, noch nicht einmal fertig mit dem Studium (oder gerade erst), sich anmaßt, über eine der bekanntesten Künstlerpersönlichkeiten weltweit zu urteilen. Ich finde es jedoch erfrischend (da es eigentlich kaum noch vorkommt), wenn ein Künstler sich zu den Werken von Kollegen – egal ob positiv oder negativ – äußert. Wenn ein Künstler in einen Diskurs einsteigt oder diesen auslöst.

Wer das Buch in den Händen hält, der könnte meinen, es sei doch etwas zu billig und schludrig, auch ein Lektorat hätte den darin versammelten Texten nicht geschadet. Da aber 1. diese Schludrigkeit Ausdruck einer Ungeduld ist, die die Dringlichkeit des Themas vor Augen führt und 2. das Buch nicht als für sich stehendes Werk zu verstehen ist, darf man Späth diese Flüchtigkeitsfehler nachsehen. Wieso das kein Werk sein soll, werden Sie sich fragen. Weil mindestens die Präsentation und penetrante Bewerbung auf allen Sozialen Netzwerken des Künstlers zur Arbeit dazugehört. Aber dazu später mehr.

Was macht nun die ungewöhnliche Arbeit – oder Herangehensweise – von Sebastian Späth aus? Weder ist nur die Inszenierung im Internet sein Thema, noch dienen ihm die sozialen Medien lediglich als Ausstellungsraum für seine Kunst. Vielleicht kann man es, etwas abstrakt wie folgt formulieren: Er lebt und arbeitet öffentlich und zwar am öffentlichen Arbeiten und Leben. Das erinnert, wenn man es unbedingt einordnen wollte, an die Bohème des 19. Jahrhunderts. Erst kürzlich las ich nach längerer Zeit wieder Henry Murgers „Boheme. Szenen aus dem Pariser Leben“ von 1851. In diesem hervorragenden Genrebild der Pariser Künstlerlandschaft unterscheidet er drei Typen: den unbekannten, armen Künstler (ein ewiger Träumer, ein Idealist, der die Kunst etwas zu ernst nimmt); den Liebhaber, der sich dem Bohème-Leben widmet, weil es angesagt ist (und dabei die Kunst zu wenig ernst nimmt) und schließlich den „offiziellen“ Künstler (eigentlich spricht Murger von Zigeuner, eine Erklärung führte hier aber zu weit), der einen starken Willen besitzt und unerschütterlich ist. Diese offiziellen Künstler „kennen alles und gehen überall hin“, sie ziehen aus den „Zufälligkeiten des Lebens Nutzen“. Wenn ich schreibe, Sebastian Späth lebt und arbeitet öffentlich und zwar am öffentlichen Arbeiten und Leben, dann meine ich genau das: Er ist präsent in den Sozialen Netzwerken (= heutiges Leben), arbeitet mit dem, was dort auf ihn zukommt (Zufälligkeiten). Und wie der Bohemien schafft auch Späth fragmentarische oder bloß projektierte Werke. Nur dass er nicht in einer Großstadt des 19. Jahrhunderts (re)agiert, sondern im globalen sozialen Netzwerk des 21. Jahrhunderts.

Doch gibt es auch einen entscheidenden Unterschied: Während sich Späth über einen sportlichen Leistungsbegriff definiert, wenn er seinen Körper formt und seinen Online-Auftritt organisiert, ist der Bohemien stets in Versuchung, Leistung zu verweigern. Das mag der Zeit geschuldet sein, führt mich aber dennoch dazu, nach anderen Referenzen zu suchen.

Andy Warhol schrieb in „From A to B and Back Again“ 1975: „During the hippie era people put down the idea of business – they’d say, ‚Money is bad‘, and ‚Working is bad‘, but making money is art and working is art and good business is the best art.“ Aber auch darüber hinaus, etwa in seiner Factory, hat er den Begriff der Leistung in der Kunst etabliert. Ich wähle diese Referenz nicht zufällig, stellt sich Späth doch selbst, etwa auf seinem Instagram-Account, immer wieder in die Tradition von Warhol, wenn er etwa Doppelportraits mit ihm erstellt: „Andy & me“. Auch sein bevorzugter Hashtag „#flatness“ weist in diese Richtung. Doch während Andy Warhol Arbeit und Leistung als Strategie begreift, um einen veralteten Künstlertopos (den unbekannten Künstler bei Murger) zu verabschieden, versteht Sebastian Späth Kunst als Arbeit an sich selbst – um vielmehr einem überkommenen Kunstbegriff abzuschwören. 

Dieser neue Kunstbegriff, den Späth in seinen Texten als Lebensweise oder Lifestyle und damit prozessual definiert  – und nicht länger als abgeschlossenes Werk –, wird vor allem durch sein Performen in den Sozialen Netzwerken umgesetzt. Häufig wird dort der Lifestyle durch völlige Übertreibung erzeugt. Zum Beispiel, wenn er sein Buch auf Instagram wie folgt bewirbt: „Der Mann war Nummer eins auf der Frankfurter Buchmesse. Das lässt sich einfach nicht weghöhnen. 230.000 Exemplare seines Buches ‚Wir können euch nicht helfen‘ hat Sebastian Späth nach Verlagsangaben bereits verkauft. Kein Buchtitel der vergangenen Jahrzehnte hat innerhalb weniger Tage einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht. 500.000 Deutsche, so ermittelte ein Düsseldorfer Marktforschungsinstitut, wollen das Werk ‚auf jeden Fall‘ haben. Ohne Zweifel, Sebastian Späth hat den Trend zum Erstbuch ausgelöst. Und ‚Bild‘ hat mitgebohrt.“

Das erinnert an die Strategie von Rafael Horzon, der seit Jahren als Person eine einzige Autofiktion darstellt. Dreh- und Angelpunkt dieser Autofiktion ist sein Roman „Das weiße Buch“ von 2010, in dem mit ebensolchen Übertreibungen gearbeitet wird, insbesondere in dessen Bildteil – regelrecht ein Vorbote von Instagram, insofern quadratische Bilder mit werbenden Texten versehen werden. Da wird etwa das Foto einer Geschäftseröffnung mit den Worten kommentiert: „Es war die wohl größte Menschenmasse, die sich jemals in Berlin-Mitte versammelt hatte.“ Nur als kleines, dezentes Beispiel… (Mittlerweile ist Rafael Horzon auch auf Instagram, ein empfehlenswertes Profil.)

Doch während Horzon, wie es heißt, die „Idee der Kunst als obsolet“ erkannt hat und umgekehrt vorgeht: nicht Alltagsobjekte zu Kunst erklärt, sondern Kunst zu Alltagsobjekten, hält Späth an der Idee der Kunst fest, möchte sie nur neu definiert wissen – und zwar (und ich nehme an, dass das todernst gemeint ist) als „Kraft“: „Die Entscheidung, ob etwas Kunst ist, hängt am stärksten davon ab, ob ich mich erfolgreich so verhalten habe, dass am Ende mein Selbstwertgefühl und meine Selbstzufriedenheit ausreichen, um eine Sache zur Kunst zu erklären. Der einzig nützliche Künstler ist also nicht der moralisierende […], aber auch nicht der verspielte, verträumte, […] sondern der sich selbst hinterfragende Künstler, der immer wieder sich selbst etwas beweisen muss, seinen Künstlerstatus in Zweifel zieht, seine Nützlichkeit unter Beweis stellen muss.“

Dass Späth in seinem Buch die Gegenwartskunst (beziehungsweise Tendenzen in der Gegenwartskunst) kritisiert, dabei aber verständnisvoll ist und am Künstlersein leidenschaftlich festhält, macht ihn glaubwürdig und sympathisch. Das beste an der Arbeit von Sebastian Späth ist aber, dass ich – dass man – sie nicht bis ins Detail durchschaut. Dass sie ‚flat‘ und tiefgründig zugleich ist: „Wir können euch nicht helfen“ ist erst nur eine einfache Referenz auf Palmer, dann aber der Ausspruch eines Künstlers, der mit den hohen Ansprüchen an die hehre Kunst abzuschließen versucht. Späth ist ein Künstler, der sehr viel preiszugeben hat von seiner Meinung und Haltung, fast manisch, manchmal widersprüchlich, selten berechenbar. Wenn ich durch meine Newsfeeds und Timelines scrolle, werde ich von Sebastian Späth sogar oft überrascht: eine Erfahrung, die ich ‚rar‘ nennen würde. Und so verbleibe ich mit der Empfehlung an Sie, Sebastian Späth zu verfolgen. Zum Beispiel auf Facebook oder Instagram.

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