deutsch und hässlich: Über Georg Baselitz

Mit achtzehn verließ ich meine Heimatstadt Weida und ging nach Dresden. Eigentlich wollte ich, zumindest fand ich das in einem ausgedehnten „Schnupperstudium“ heraus, nach Weimar, aber da ich an der Bauhaus-Universität nicht angenommen wurde, weshalb ich die Geschichte heute auch nicht mehr erzähle, verschlug es mich nach Dresden. Ich mochte Dresden, mir imponierten die großen Barockbauten, weshalb ich in meinem ersten Jahr die Altstadt auf- und ablief, um die Gebäude auf mich wirken zu lassen. Einige Jahre später, in Karlsruhe, konfrontierte mich jemand mit der Tatsache, dass Dresden ja so „dunkel“ und „schmutzig“ sei, seitdem kann auch ich den schwermütigen Ruß nicht mehr wegdenken – im doppelten Sinne, schade eigentlich.

Eine der ersten größeren Ausstellungen, die ich zu Beginn meines Kunstgeschichtsstudiums in Dresden gesehen habe, waren die „Dresdner Frauen“ von Georg Baselitz. Ich hatte bis dahin noch wenig Kontakt zu zeitgenössischer Kunst gehabt. Denn da, wo ich aufgewachsen bin, in dem kleinen thüringischen Ort, geboren – zumindest noch für einige Monate – in der DDR, gab es das nicht. Natürlich lebten in Weida auch Künstler, sie malten überwiegend Landschaften und unser Wahrzeichen, die Osterburg. Außer Horst Sakulowski, der zeichnete Jesus am Kreuz. Die Bilder dieser Künstler waren zwar manchmal düster, aber doch meistens schön, sofern sie durch ihr virtuoses Handwerk viel Eindruck schinden konnten.

Ein Maler aus Weida: Kurt Pesl – Holz im Gewitter, 1991

An der Universität in Dresden gab es nicht gerade viele Seminare zu zeitgenössischer Kunst, und selbst wenn es sie gegeben hat und ich mich nur nicht mehr daran erinnern kann, so hätte ich sie zu Beginn meines Studiums wahrscheinlich nicht besucht, da ich noch nicht viel damit anfangen konnte. In dem aus vielen kleinen Modulen bestehenden Bachelor-Studium (von dem ich mir nie vorstellen konnte, dass es gute Wissenschaftlerinnen hervorzubringen vermag) durfte man immer aus sehr unterschiedlichen Seminaren wählen. Es ist bezeichnend, dass eines der ersten Seminare, das ich mir freiwillig ausgesucht hatte, über griechische Vasen war. Ich denke fröhlich daran zurück, weil ich dort gelernt habe, dass die kühle unnahbare Kunst, die ich aus den Museen kannte, irgendwann mal heiß und praktisch war – und vor allem auch witzig sein konnte. Ich erzähle das nur, damit deutlich wird, wer hier spricht.

„Entsetzlich, ganz entsetzlich!“ – ‚Hässlich‘ als Qualitätsbegriff

Aber nun zu Georg Baselitz, um den es hier eigentlich gehen soll: In einem Künstlergespräch, dem ich kürzlich in der Fondation Beyeler und anlässlich seiner großen Retrospektive in Basel beiwohnte, erzählte der Künstler, dass er lange Zeit keinen Gefallen an zeitgenössischer Musik finden konnte („Entsetzlich, ganz entsetzlich…“); nun aber, da er wisse, worum es bei dieser Musik gehe, habe sich seine Meinung geändert: „Man hat keine Empfindung von ‚schlecht‘ und ‚recht‘ und ‚böse‘, wenn man überrascht wird von solchen Tönen. Sondern man muss bildungsmäßig in der Lage sein, das zu begreifen.“ Um solche – „entsetzlichen“ –, gleichsam hässlichen Werke gut, ja um sie schön finden zu können, muss man gebildet sein. Daher ist der Zugang zu ihnen ja so beschränkt, so elitär. Das gleiche gilt freilich auch für Bildende Kunst. Als ich nach dem Abitur in Dresden ankam und in der Ausstellung mit den großen gelben Baselitz-Skulpturen stand, war ich bildungsmäßig noch nicht unbedingt in der Lage, Gegenwartskunst zu beurteilen.

Nichtsdestotrotz (oder deswegen?) haben mich Baselitz’ „Dresdner Frauen“ damals umgehauen. Diese großen in zweifacher Hinsicht verstümmelten Gesichter zeigen vom Krieg geschädigte Trümmerfrauen, aber auch vom Künstler geschändete Skulpturen. Sie erschienen mir unheimlich groß. Dass es so viele waren und weil sie von Baselitz leuchtgelb angepinselt wurden, verlieh ihnen aber zugleich eine popartige Schönheit. Es war so ein plastisches 1990er-Jahre-Gelb, vielleicht mochte ich die Arbeit deshalb so gern, weil sie mich an meine Kindheit erinnerte, an die Farbe meines Gameboys und das Gestell einer Sonnenbrille, die ich mal besessen hatte. 

Je mehr ich mich in den folgenden Jahren diesbezüglich weiterbildete, außerdem (oder deshalb) begann, mich mehr für Gegenwartskunst zu interessieren, desto stärker empfand ich Baselitz und seine Kunst als altmodisch. Ich hatte die Postmoderne verstehen gelernt, und dagegen erschienen mir seine Arbeiten zu grob – inhaltlich, nicht vom Ausdruck her. Ich sah in seinen Arbeiten weder Konzept noch Ironie und es befremdete mich, wie vehement er sich durch Kataloge, Interviews und dergleichen in eine künstlerische Tradition, noch mehr: in die eine große Kunstgeschichte einzuschreiben versuchte, von der wir im Studium gelernt hatten, dass es sie gar nicht gebe, ja dass wir an ein Ende der großen Erzählungen, wie Jean-François Lyotard es formulierte, gelangt seien. 

Als Baselitz nun im Künstlergespräch mit Martin Schwander über sein ewiges Dasein als Außenseiter, über seine Nonkonformität und die Hässlichkeit seiner Kunst sprach, die er ganz besonders oft betonte, rief er meiner Ansicht nach wieder eine große Erzählung auf, nämlich die von der Idee, dass ‚schöne‘ Kunst gefällig sei (so gefällig wie Design oder Popkultur) und dass „hässlich“ sei, so ein Zitat von Auguste Rodin, „was keinen Charakter“ besitze. Dass Baselitz von ‚hässlich’ sprach, interpretierte ich als gewollte Provokation, als Statement: denn insofern ‚hässlich‘ der Gegenbegriff zu ‚schön’ ist, kann er leichter als anspruchsvoll und komplex gelten. ‚Hässlich’ zu malen kann zudem bedeuten, frei zu sein bzw. sich frei zu machen: von künstlerischen Regeln, aber auch vom Zwang, gefallen zu müssen. Um das ‚Hässliche‘ zu verstehen, muss man gebildet sein und ‚anders‘ denken. ‚Hässlich‘ ist – im Sinne von Nonkonformität – positiv besetzt und wird, so meine Annahme, von Baselitz zur Aufwertung verwendet. Und da er nicht nur seine Kunst, sondern betont häufig die ‚deutsche Kunst‘ hässlich nannte, schien er auch nicht nur sich selbst zu loben, sondern das ‚Deutsche‘ insgesamt. Worin natürlich wiederum eine gewisse Provokation besteht, weil sich das nicht gehört. Und worin auch wiederum keine Provokation besteht, weil diese Haltung so erwartbar ist.

Moralisch verwerflich: Der hässliche Deutsche

Im Anschluss an das Künstlergespräch habe ich mit Sebastian Späth, der auch eingeladen war, über die Verbindung von ‚deutsch‘ und ‚hässlich‘ gesprochen. Er sagte, und das überraschte mich, dass für ihn ‚deutsch’ und ‚hässlich’ auch irgendwie zusammengehören. Und damit meinte er nicht jenes Hässlich, das mir anfänglich vorschwebte, nicht das Gegenteil vom Gefälligen. Er meinte, so glaube ich im Nachhinein, den ‚hässlichen Deutschen’. Ich sagte schließlich noch schnell zu ihm, beides sei wahrscheinlich der Fall: Baselitz nutzt ‚hässlich‘ zur Aufwertung, aber es stecken auch noch die deutschen Gräueltaten des 20. Jahrhunderts drin. Dann fuhr Sebastian Späth wieder nach Karlsruhe und ich ging ins Hotel, wo ich eigentlich fernsehen wollte, dann aber weiter über die Hässlichkeit und das Deutschsein sinnierte. Ich durchsuchte online die Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration“, die es von 1897 bis 1932 gab, auf die Stichworte ‚deutsch‘ und ‚hässlich‘ und ‚plump‘ und ‚unelegant‘. In den ersten Jahren finden sich dort hauptsächlich schnippische Bemerkungen zum Ornament, besonders anschaulich ist ein Text des Dichters Richard Schaukal, in dem es heißt: „Der böse Feind ist das Ornament. […] Daß es unangenehm wirke, darüber herrscht unter bessern Europäern keine Meinungsverschiedenheit. […] Das Ornament ist äußerlich ein Mehr, ein Überflüssiges, innerlich ein ‚Zweckloses’.“ Das Ornament, so Schaukal, will schön sein, ist es aber nicht. Es sei trügerisch, da Äußeres und Inneres – das, wie es scheint, und das, was es ist – nicht zusammenfallen. „Das Schöne hat keinen andern Zweck als schön zu sein. Aber es hat nicht die Absicht, schön zu sein. Es ist schön.“

Schöne hässliche Füße. Georg Baselitz: P.D. Füße, 1960-1963.

Für Schaukal gibt es demnach echte Schönheit und falsche Schönheit (die nur so tut, als ob). Zur gleichen Zeit (auch das kann man in der Zeitschrift gut nachvollziehen) wird auch in anderen Bereichen Künstlichkeit beklagt und Authentizität eingefordert – auch wenn darüber nicht immer ein ästhetischer Diskurs geführt wird, manchmal sogar ein medizinischer (so wird beispielsweise das Korsett folgender Kritik unterzogen: zwar sei es erstmal schön, führe aber dazu, dass sich der Körper nach der Schwangerschaft negativ verforme, hässlich werde).

Schließlich ist es auch das Streben nach Authentizität, das Bewegungen wie den Expressionismus hervorgebracht hat. Nicht zuletzt mit seiner bewusst antibürgerlichen Haltung haben der Expressionismus und die Avantgarde insgesamt radikale Authentizität für sich beansprucht. Und genau darum geht es Georg Baselitz noch heute, wenn er sich als Nonkonformist bezeichnet (obwohl er mehr als fast jeder andere zum künstlerischen Establishment gehört), lautstark betont, dass er Bücher über den Existentialismus liest und sich explizit in die Traditionslinie des Expressionismus einreiht.

Auch schön hässlich. Georg Baselitz: Modell für eine Skulptur, 1979/80.

‚Hässlich‘, darin sehe ich meine erste Vermutung also bestätigt, ist als Aufwertung zu verstehen, da damit, anders als mit dem ‚schönen Schein‘, Echtheit geltend gemacht werden kann. Das hat man, nebenbei bemerkt, auch schon recht früh als affektiert empfunden: „Die deutschen Künstler, insoweit sie nicht von französischer Kunst beeinflußt sind, fürchten den Kitsch so sehr, daß sie bis zu seinem Gegenpol fliehen und das Häßliche, den häßlichen Gegenstand und die häßliche Bildoberfläche suchen, um nur ja sicher zu sein, nicht dem Gefälligen zu verfallen.“ schreibt Julius Wolfgang Schülein 1931.

Bezeichnend an den „Dresdner Frauen“ von Baselitz, die vermutlich nicht zufällig im Herzen der Basler Ausstellung stehen, ist, dass sie von zweierlei Hässlichkeit zeugen: dem ‚hässlich‘ des ästhetischen Diskurses (grob gehacktes Holz) und dem körperlichen ‚hässlich‘ (deformierte Gesichter) als Ausdruck und Folge moralischer Hässlichkeit. Hier geht es also nicht nur um die hässliche deutsche Kunst, sondern auch um den hässlichen – den moralisch verwerflichen – Deutschen. Der hässliche Deutsche ist ein deutschlandfeindliches Klischeebild, das sich nicht erst nach dem zweiten Weltkrieg etablierte, sondern bereits zur Propaganda im ersten Weltkrieg eingesetzt wurde. Allerdings verfestigte der systematische Massenmord unter den Nazis das Bild des hässlichen Deutschen.

Sich nach dem zweiten Weltkrieg zu entscheiden, an den Expressionismus anzuknüpfen, wie Baselitz es tat, ist nicht nur künstlerischer Nonkonformismus. Im Künstlergespräch in der Fondation Beyeler äußert sich Baselitz kritisch zur Kunst seiner Kollegen aus dieser Zeit, wenn sie sich etwa an der amerikanischen Pop-Art orientierten. Baselitz hat nicht nur anders gemalt, er hat sich zudem, anders als die meisten Kollegen, in der Nachkriegszeit mit seinen ‚hässlichen‘ Bildern zum hässlichen Deutschen bekannt. Es hat etwas mit Stolz zu tun und durchaus etwas Heroisches an sich, die damit verbundenen Vorurteile (gegenüber der Kunst, aber auch gegenüber dem Deutschsein) auszuhalten. Es ist aber auch ein Schuldeingeständnis und Masochismus – und war insofern eine ziemlich schlagfertige Coolness-Geste. Nicht zuletzt ist das Kokettieren mit dem Bösen eine überwiegend männliche Macho-Geste.

„Der hässliche Deutsche ist wieder da“ titelte man in der ZEIT 2015, als die Debatten um die sogenannte „Flüchtlingskrise“ besonders hitzig waren. Und Baselitz? Identifiziert sich im Interview mit Hanno Rauterberg erneut mit dem hässlichen Deutschen, sprich den Mitgliedern und Sympathisanten der AfD. Dabei geht es weniger um die Inhalte, sondern vielmehr um die Errettung des Bösen an sich: „Mit der AfD haben wir eine Partei, die im neuen Bundestag stark vertreten ist, aber sie wird absolut nicht berücksichtigt. Das ist vollständig undemokratisch. Als Demokrat gehe ich davon aus, dass eine Partei, die Wahlen gewinnt, demokratisch legitimiert ist. Damit muss ich ihre Inhalte noch lange nicht teilen.“ Denn das Böse zuzulassen, sich zum Bösen zu bekennen, bedarf einer Ambivalenz, einer Tiefe, eines Existentialismus, der besonders wirksam durch und mit Heidegger tief im Deutschen verortet wurde – wo wir wieder bei der Frage sind, warum ‚deutsch‘ und das (moralisch) ‚Hässliche‘ so eng zusammen gedacht werden.

Die Bilder von Baselitz sowie seine politischen Äußerungen können ihr Ziel heute nur noch verfehlen, da man sich entschied, den sogenannten „alten weißen Mann“ zu entthronen. Und dieser alte weiße Mann ist eben jene ambivalente Figur, die ihren Erfolg gerade aus dem Bekenntnis zum Bösen, aus ihrer offen ausgelebten Liebe zu sich selbst und zur Macht bezog. Ja, als Wunsch- und Schreckbild der Gesellschaft wurde das sogar von ihm erwartet. Heute ist das allerdings – zumindest scheinbar – nicht mehr so.

Ausstellungsansicht in der Fondation Beyeler.

Apropos große Erzählungen: 2014 erschien das Buch „Mythos Trümmerfrauen“ von Leonie Treber, in dem sie die These aufstellt, dass das Bild der selbstlosen, tatkräftigen und optimistischen Trümmerfrau nach dem Zweiten Weltkrieg eine Medienkampagne aus gestellten Fotos gewesen sei, das keinesfalls dem Selbstbild der Frauen entsprach. In der DDR wurde die Trümmerfrau schließlich zum Prototyp der sozialistischen arbeitenden Frau, zur positiven Identifikationsfigur, während sie im Westen keine Rolle mehr spielte. Nach der Wende, auch das zeigt Treber in ihrem Buch, wurden die Trümmerfrauen trotz unterschiedlicher Traditionen in Ost und West zu einem gesamtdeutschen Erinnerungsort. Unmittelbar nach der Wende, 1990, entstehen Baselitz „Dresdner Frauen“.

Wegen Baselitz, der immer präsent war, wegen der überbordenden Identitätspolitik, seiner Geschichtslastigkeit habe ich Dresden verlassen. Aber die „Dresdner Frauen“ finde ich mittlerweile doch wieder interessant. Möglicherweise aus dem simplen Grund, dass die Infragestellung der großen Erzählungen selbst eine große Erzählung geworden ist.

Die Ausstellung in der Fondation Beyeler ist übrigens sehr gelungen: Chronologisch geht es durch das Werk von Baselitz, mit vielen Hauptwerken, und die Arbeiten sind fantastisch kuratiert.m Weiter Informationen zur Retrospektiv gibt es auf der Website des Museums: https://www.fondationbeyeler.ch 

Georg Baselitz: Avignon ade, 2017.

 

Zum Hören: PODCAST

 

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