Die Queen des Social-Media-Pop: Miley Cyrus | Pop-Zeitschrift

Seit Oktober gibt es auf der Webseite der Pop-Zeitschrift monatlich eine Social-Media-Kolumne. Ich habe den Dezember-Beitrag über Miley Cyrus, #fanart und Social-Media-Pop verfasst. Er wurde zuerst hier veröffentlicht.

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Miley Cyrus’ Instagram Account ist jetzt schon legendär, von der Boulevardpresse werden ihre Bilder nicht selten so besprochen wie früher unvorteilhafte Paparazzi-Fotos. Nur dass Miley Cyrus diese selber abliefert. Doch wie und wann hat sie damit begonnen?

Der Weg zu den ersten Einträgen von Miley Cyrus’ Instagram Account gestaltet sich wie ein labyrinthisches Kuriositätenkabinett. Man sieht Schweine, Regenbögen, bunte Dildos, Pizzen, überdimensionierte Joints, Katzenbabys und pink eingefärbte Achselhaare. Es wimmelt nur so von psychedelischen Collagen, Emojis, Mash-Ups und Memen. In diesem Account scheint sich die Motivwelt des Internets konzentriert zu haben.

Während der Infinite Scroll dabei behilflich sein soll, möglichst umstandslos zu den ersten Bildern zu gelangen – eine Archivfunktion gibt es bei Instagram nicht –, regt der nackte Körper von Miley Cyrus immer wieder zum Anhalten und Vergrößern an: Wie viel ist auf den Bildern eigentlich zu sehen? Was wird verdeckt? „This is a woman with nothing to hide“, schreibt der Rolling Stone.

Und tatsächlich: Wo einst Paparazzi alles daran setzten, in die Intimsphäre der Stars zu gelangen, dürfte manch einer von der Freizügigkeit Miley Cyrus’ überfordert sein. Doch spätestens die immer wieder zum Vorschein tretenden Flüssigkeiten, seien sie auf Miley Cyrus’ Gesicht, seien sie das zentrale Motiv einer psychedelischen Collage, animieren zum Mitfließen im endlos erscheinenden stream of consciousness. In diesem Fluss werden Nacktheit und Pornografisches zur Übersteigerung und Grenzüberschreitungen zur Selbstverständlichkeit.

Vom Rollenklischee zum „gender fluid“

Haben Fans von Britney Spears in den späten neunziger Jahren noch nach geheimen Informationen über das Privatleben des Stars gelechzt, dürften sie heute von deren Banalität erschüttert sein. Auf ihrem Instagram-Account sieht man sie mit ihren Kindern in einer Schokoladenfabrik oder bei Yoga-Übungen im Garten ihrer Villa. Zwischendurch werden altmodische Spruchbilder hochgeladen, die man höchstens im Poesiealbum einer Achtjährigen erwartet hätte: „I didn’t find my friends – God gave them to me.“ Im Grunde erfüllen sich jedoch einfach die in ihrer früheren Rolle angelegten Erwartungen. Diedrich Diederichsen charakterisierte ihre Rolle als die einer Frau, welche „Sex-Fantasie und dufter Kumpel in einem“ ist – so dass man sie später auch heiraten kann („Supergirls biologische Hardware – Keine Frage des Genies: Britney Spears` Identität zwischen Vamp und Preisvergleicherin im Supermarkt“, in: SZ, 6./7. Mai 2000, S. 17).

Heute ist Britney Spears erwachsen geworden und verheiratet. Dass sie sich eines Nachts betrunken die Haare abrasiert hat, war ein sogenannter Ausrutscher. Jetzt hat sie sich besonnen, ist zwar kein braves Mädchen mehr, wohl aber eine brave Mutter. In einem solchen Narrativ drückt sich die Vorstellung einer kohärenten Persönlichkeit aus – die lediglich kurzzeitig irritiert wurde. Doch seitens der Medien stellte sich ihre Karriere nicht selten als Verfallsgeschichte dar: eines Kinderstars oder des Showbusiness selbst.

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Auf den ersten Blick fügt sich auch Miley Cyrus in den Mythos, der besagt, dass Kinderstars früher oder später zu Opfern ihres vorschnellen Erfolges werden. Vor dem Abend der Video Music Awards 2013 kannte man Miley Cyrus vorwiegend als Hauptdarstellerin der Disney-Serie „Hanna Montana“, mit blondem oder brünettem Haar, süßem Gesicht und lieblicher Stimme. Eben ganz die Rolle des „Mädchens von nebenan“, die einst auch ihre älteren Kolleginnen eingenommen hatten.

Doch während sich Britney Spears und Christina Aguilera eher schleichend zu Sex-Idolen verwandelten – zwischen „Born to make you happy“ und „I’m a Slave 4U“ brachte erstere immerhin noch „I’m not a girl not yet a women“ heraus –, machte Miley Cyrus ihre Komplett-Verwandlung am Abend der VMAs publik. Plötzlich war das Haar nahezu abgeschoren, das Outfit knapp und hautfarben, die Zunge nicht mehr im Mund, sondern ausgestreckt. In pornographischen Posen interagiert sie mit dem Kollegen Robin Thicke, adaptiert bevorzugt Sex-Stellungen.

Sie zitierte damit indirekt die Karrieren ihrer beiden Kolleginnen und das Rollenklischee weiblicher Popstars. Ihr Auftritt ist als Absage an die Welt des Pop der Jahrhundertwende zu verstehen. Miley Cyrus ist dafür ganz und gar in der Netzkultur angekommen. Nicht nur deshalb, weil sie ihr aktuelles Album von Beginn an kostenlos im Internet streamen ließ. Sie hat die Welt der sozialen Medien verinnerlicht, sie reagiert offensiv auf die neuen Medien und stilisiert ihre Privatsphäre zu Recht als Freizügigkeit, die im Grunde keine ist. Da Intimbereiche auf Instagram zensiert werden, bekleidet Miley Cyrus ihre Bilder mit Emojis. Sie selbst muss sich dafür zwar nichts anziehen, Wesentliches bleibt aber trotzdem verborgen.

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Aus ihrer Bildwelt tritt keine kohärente Person hervor, und das soll es auch nicht, schließlich ist sie ein selbsternanntes „gender fluid“. Dies wird weniger in ihrem Engagement gegen jede Form von Intoleranz und ihrer ästhetischen Adaption von Subkulturen wie den Drag Queens deutlich als in der Bildpolitik ihres Instagram-Accounts. Und auch dort schreibt sich Miley Cyrus nicht selbst in die Geschichte der Popmusik ein. Sondern ihre Fans.

„my art + your art = collab (let’s do it for realz)“

Ihren Instagram-Account begann Miley Cyrus im April 2013 mit einem Bild, das zuvor im Männermagazin „Maxim“ veröffentlicht wurde. Das Bild hat heute mehr als 47.000 Kommentare, hunderte kommen wöchentlich neu hinzu: „I made it!!!“, liest man am häufigsten. Es wird sich darüber ausgetauscht, wie viel Zeit mit Scrollen verbracht wurde und ob es sich bei dem Foto wirklich um Miley Cyrusʼ erstes Bild handelt. Zeugen beschreiben frühere Fotos, andere zweifeln diese Berichte an. Manche hinterlassen das Datum ihrer Ankunft am „Boden“ des Accounts und stilisieren das Bild und ihren Kommentar als historisches Ereignis. Viele ärgern sich jedoch, dass es keine Bilder von der Hannah-Montana-Miley-Cyrus gibt: „Anyone else scrolled through her pictures to find the one where she suddenly became how she is now?“

Die frühen Einträge sind überraschend harmlos. Miley Cyrus stellt ihre Hunde vor, fotografiert ihre Fingernägel und trägt eine biedere Brille. Es folgen Bilder mit anderen Stars, Making-Of-Momente und erste Verkleidungen. Dann die Ankündigung: „Miley Cyrus will perform at the 2013 VMAs“. Geschrieben mit den Buchstaben aus einer Buchstabensuppe. „Boo The Bear“ wird für einige Tage ihr Instagram-Maskottchen. Miley Cyrus beginnt Bilder zu bearbeiten. Einem Glitzer-Effekt gilt ihre erste Aufmerksamkeit. Es folgen Sticker, Emojis, Regenbögen, Hanfblätter. Sie überträgt die Symbolwelt auf ihren Körper, beklebt sich mit Stickern, fotografiert ab, bearbeitet und lädt hoch.

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Aus den Geschenken von Fans bastelt Miley Cyrus plötzlich auch Skulpturen, fotografiert und collagiert sie wieder für das Internet. Mit immer neuen eigenen Mash-Ups überrascht sie ihre Follower. Sie beginnt die Fan-Post abzufotografieren und hochzuladen. Fans wiederum reagieren mit noch mehr Post, diesmal allerdings digital: indem sie Miley Cyrus auf ihren Bildern markieren. Diese lädt unter dem Hashtag #fanart die Bilder wieder auf ihre Seite. Unter eine Zeichnung kommentiert Miley Cyrus: „my art + your art = collab (let’s do it for realz).“

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Immer mehr Follower beginnen unmittelbar auf die Bilder von Miley Cyrus zu reagieren. Sie postet eine Spinne, ein Follower collagiert sie mit Cyrus’ Gesicht. „shiiiiit that was fast #quickassfanart“ kommentiert sie. Seither ist ihr Instagram-Account tatsächlich ein „collab“, die wilden Collagen sind auch ästhetisch nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

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Das erste Mem, das aus einem ihrer Bilder hervorging, kombinierte Miley Cyrus mit einer Pizza. Es folgen immer wieder neue, die auch mit alten Memen gemixt werden. Sicher, Fans waren schon immer wichtig für die Popkultur. Neu ist aber nun, dass Miley Cyrus ihre Fans zu Insidern macht, indem sie Meme und Bildwitze initiiert. Sie erzeugt einen gemeinsamen Konsens, auf den sich bildlich alle beziehen können.

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Links: Der originale Post von Miley Cyrus; Rechts: Collagen von Fans, die Cyrus auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht und kommentiert hat.
Links: Der originale Post von Miley Cyrus;
Rechts: Collagen von Fans, die Cyrus auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht und kommentiert hat.

 

Popstar versus Internetstar

In ihrem Aufsatz „Fernsehen, Pop, Ereignis“ stellt Michaela Krützen für das Format Popmusik die Wiederholung heraus: „Zum einen zeichnet sich ein Hit gerade dadurch aus, dass er ständig gespielt wird […] Zum anderen beinhaltet der Popsong selber repetitive Elemente [Refrain]“ (in: Dies./Walter Grasskamp/Stephan Schmitt: „Was ist Pop? Zehn Versuche“. Frankfurt am Main 2004, S. 211-241, hier 215).

Das darf zugleich als Charakteristikum sämtlicher popkultureller Phänomene gelten, davon zeugt nicht nur die massenkulturelle, am Konsum orientierte Dimension der Wiederholung, sondern gleichermaßen die Pop Art, die sich inhaltlich mit dem Zitat auseinandersetzt und oft durch die serielle Reproduktion Autorschaft und Originalität in Frage stellte. Popkultur schafft sich eigene Kontexte, auf die ihre Protagonisten verweisen können. Wenn Britney Spears Madonna zitiert – oder küsst –, signalisiert sie damit, den Status der Queen of Pop eines Tages auch für sich in Anspruch nehmen zu wollen. Auch hier wird eine kohärente Narration, mehr noch, eine Genealogie entfaltet. Nicht zuletzt deshalb hat man dieser Popkultur oft Banalität zum Vorwurf gemacht.

Gerade eine solche Genealogie und Kohärenz ist es, in die Miley Cyrus nicht eingeschrieben werden will. Dafür sind nicht zuletzt die Social Media mitverantwortlich, die neue Bildkulturen ermöglicht haben. Meme sind zwar auch eine Art Zitat und entfalten entsprechende Bedeutungen. Doch wird diese Bedeutung mit jedem weiteren Mem überschrieben und damit unkenntlich gemacht: Wird sie in einer Collage als fluides Hybridwesen dargestellt, das auf ihr neues Musikvideo anspielt, krönt man sie in der nächsten zur britischen Queen und macht aus ihr in einem dritten das Kind von Kim Kardashian. Im Gegensatz zu den Repräsentationsformen ihrer VorgängerInnen, die durch Bilder an feste Bedeutungen geknüpft waren, ist das Verhältnis von Miley Cyrus zu ihren Bilder relativ, ja, man könnte auch hier von fluid sprechen.

Die Social Media haben neue Bildtypen produziert. Die schiere Masse an Bildern lässt uns nicht mehr über das einzelne nachdenken, komplexe Bildtypen stoßen immer seltener auf Resonanz. Bilder werden zusehends auf einfache Motive reduziert – das ist einerseits das Resultat der Kommunikationsfunktion von Bildern, die wieder verständlich sein müssen, andererseits aber auch dem Phänomen geschuldet, dass Bilder in den Social Media möglichst vielen Kontexten standhalten müssen und international auf Zustimmung stoßen sollen.

Niemand hat es besser verstanden als Miley Cyrus, Bilder zu produzieren und zu verbreiten, welche zu Memen anregen. So besteht auch ihre wesentliche Aufgabe als Internetstar darin, Kick-Off-Bilder zu produzieren, die ihre Follower inspirieren und zur eigenen Bildproduktion anregen. Cyrus liefert den Startschuss zu Umcodierungen und Neuinszenierung – Genealogien und Kohärenz lässt sie hinter sich. Damit hat sie sich als Queen des Social-Media-Pop etabliert.

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