„Mein Jahr ohne Udo Jürgens“ | Ein Leserbrief an Andreas Maier

Lieber Andreas Maier,

mir ist einmal aufgefallen, dass Fans ihre Stars oft nur mit dem Vornamen ansprechen. Sie wollen damit beweisen, dass ihre Beziehung irgendwie intimer oder zumindest intensiver oder sogar gegenseitiger ist als die anderer Fans.

Mit Udo Jürgens kann man das nicht machen. Wenn man Udo Jürgens einfach nur „Udo“ nennen würde, wäre er nicht mehr Udo Jürgens. Er würde in ein Extrem ausschlagen, wovon Sie ihn in Ihrem Buch so wunderbar freizusprechen versuchen. Er würde plötzlich das ältere Publikum repräsentieren, weil man nur dort Freunde hat, die Udo heißen. Und wenn nicht, dann würde Udo für etwas stehen. Zum Beispiel für ein bestimmtes Augenzwinkern, das man macht, wenn einem Dinge gefallen, die eigentlich uncool sind. Und wahrscheinlich würden die meisten Menschen sowieso zuerst an Udo Lindenberg denken, weil man ihn nämlich ohne Weiteres duzen kann, denn er ist eben keine „Nicht-Partei“, sondern repräsentiert eine relativ bestimmbare Gruppe von Menschen.

Wenn Sie mich gefragt hätten, wie es war, als Udo Jürgens starb: Am 21. Dezember 2014 schrieb mir eine Freundin, dass „duo jürgens“ gestorben sei. Ich habe mich nicht über den Tippfehler geärgert (im Gegenteil, er zeugte von großer Aufgewühltheit) und ich kann mich auch nicht erinnern, was an diesem Tag passiert ist. Wahrscheinlich war ich mit meiner Mutti zusammen, ebenfalls eine Verehrerin von Udo Jürgens (aber anders als Sie und auch anders als ich), denn wenn wir nicht zusammen gewesen wären, hätte sie mir „Udo Jürgens ist tot“ geschrieben. Ich konnte keine Nachricht von ihr in meinem Handy finden.

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Meine „Udo-Jürgens-Vita“ beginnt 2010, als ich in einem Zum-Verschenken-Karton auf der Straße eine alte Kassette von ihm gefunden hatte. Etwas über ein Jahr hörte ich sie jeden Abend. Es war eine Best-Of. Wahrscheinlich war am Ende „Mein Bruder ist ein Maler“ mein Lieblingslied auf der Kassette. Als ich am 17. November 2014 im hinteren Teil der Leipziger Arena am Waldplatz stand, kamen mir bei diesem Lied die Tränen. Ich trug mein bestes Kleid und kann Ihnen trotzdem nur beipflichten: „Ich stand nackt da.“

Der NDR findet, dass Sie das Phänomen Udo Jürgens nicht richtig zu fassen kriegen. Aber das ist nicht wahr. Gerade in Ihrer (auch mancherorts kritisierten) ausgiebigen Interpretation von „Merci Chérie“ wird das Bewusstsein dafür geschärft, wie viel und wenig zugleich man von Udo Jürgens wusste, wohl weil er genauso abstrakt und präzise zugleich von etwas sang, das jeder kennt. Ihn nicht richtig zu fassen kriegen – das bedeutet also, ihn gefasst zu haben – und das ist Ihnen gelungen.

Ich musste lachen, als Sie Helene Fischers Version von „Merci Chérie“ als Hochleistungssport-Variante identifizierten. Udo Jürgens brauchte das nicht: Hochleistungssport. Ich war gerührt, zumindest ein bisschen, von radikaler Emotionalität zu lesen. Ich habe gegoogelt, wer „Stefanie Sühner“ ist, und herausgefunden, dass es Stefanie Suhner heißt. Die Frage aber bleibt.

#andreasmaier s liebevolles Buch über #udojuergens @suhrkampverlag

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Ich würde es, anders als Udo Jürgens und Sie, nicht tun: kalt duschen. Vielleicht würde ich mich aber von speziellen Nahrungsmitteln ernähren, nur weil Udo Jürgens es getan hat und damit ein Erfolgsversprechen einhergeht. Womöglich bin ich Ihr idealer Leser, ja, das bin ich. Aber Ihr Buch gefällt mir nicht nur deshalb, weil ich auf eine ähnliche Weise Udo-Jürgens-Fan bin, wie Sie es sind.

Ich habe auch das „Buchscheer“ (Ihre Lieblingskneipe) gegoogelt und mir überlegt, was ich dort bestellen würde (Tartar „Buchscheer“ & Kultapfel). Das Autobiografische an einer Hommage an Udo Jürgens durchzuexerzieren, ist Ihnen wahrlich gelungen. Den Anspruch, dem Sie „uj“ unterstellen, erfüllen Sie in Ihren Assoziationen und Verknüpfungen selbst: bei aller Ironie auch eine tiefgreifende Wahrheit aufkommen zu lassen, jede Abstraktheit mit Präzision zu benennen.

Nur die „Kunst des Nichts-Sagens“ beherrschen Sie nicht, sondern haben Udo Jürgens in Ihrem Buch zu dem gemacht, was er ist: Udo Jürgens. Vielleicht wird er sogar für Sie, was der Flieder oder die Forsythie einst für Gottfried Benn geworden sind. Auch diese Passage Ihres Buches ist eine meiner liebsten.

Ihre

Annekathrin Kohout

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