Kommentar | Monument von Manaf Halbouni in Dresden

Die Angst vieler Dresdner vor Weltoffenheit ist eine Angst davor, nicht nur die Vorzüge sondern auch die Konflikte der „Welt“ in einer Stadt, sagen wir in einem Land austragen zu müssen, von dem sie glauben, dass es das ihrige ist. Daher war mein erster Gedanke, als ich von der Umsetzung des temporären Mahnmals erfuhr, ein sorgenvoller: Die Sorge, dass damit Öl in das ohnehin schon flammende Feuer gegossen wird. Die Befürchtungen haben sich erfüllt, andererseits waren derartige Reaktion – gerade in Dresden – auch wirklich zu erwarten! Ich kann die Lesart derer verstehen, die sich bisher schon von einem linken Establishment provoziert gefühlt haben und die zudem die Kontexte, Strategien und Medien zeitgenössischer Kunst nicht kennen (und auch nicht kennen müssen).

Viele geben sich allerdings verständnislos und fragen nun: Wie kann denn ein Kunstwerk, das für den Frieden wirbt, so falsch verstanden werden – nämlich als Aufforderung, sich für das Leid in der „Welt“ verantwortlich fühlen zu müssen?

Aber diese Frage ist – vor allem vor dem Hintergrund der Rede von Bernd Höcke über das Berliner Mahnmal als Mahnmal der Schande – naiv. Und sie wird von den Kritikern des Mahnmals natürlich als Provokation empfunden! Sie fühlen sich als Kunstbanausen diffamiert, die sowieso keine Ahnung haben. Für sie ist das Mahnmal deshalb eine Geste linker Arroganz. „Wer jetzt also moniert, dass das Kunstwerk nur alte Wunden aufreiße oder gar die Schuld der Stadt an ihrer damaligen Zerstörung inszeniere, bezeugt mit einer solchen Lesart eher den eigenen, lokal begrenzten Horizont“, schreibt Susanne Altmann. Aber es dürfte in den letzten Jahren deutlich geworden sein, dass die Abstempelung „lokal begrenzter Horizont“ nicht wirkungsvoll ist, im Gegenteil.

So absehbar dieser Konflikt meiner Ansicht nach war, so traurig bin ich auch darüber, weil ich genauso den Künstler Manaf Halbouni verstehe, in dessen Werklogik die Arbeit wichtig und gut ist. Und es tut mir auch leid, zu erkennen, dass sie an jedem anderen Ort nicht so viel Hass erfahren hätte, vielleicht sogar positiv rezipiert worden wäre. Ich verstehe zudem die Zeichensetzung seitens der Stadt und all derer, die in den letzten Jahren nur noch mit Pegida assoziiert wurden. Denn Dresden ist selbstverständlich nicht gleich Pegida. Auch auf anderen Ebenen gefällt mir das Monument: es ist eine starke Geste, es so aufzustellen, dass die beste Perspektive, aus der man die Frauenkirche ohne besonderes Weitwinkelobjektiv in ihrer Gänze fotografisch erfassen kann, verstellt wird. Und für mich ganz persönlich übrigens eine gar nicht so ernste, sondern auch gewitzte Kritik an der Dresdner Identitätspolitik, die man auch kitschig oder unecht finden kann. Aber diese meine persönliche Wahrnehmung gilt auch unter der Voraussetzung, dass die Arbeit temporär ist.

Trotzdem: Es ist wichtig, jetzt nicht um die „richtige“ Interpretation des Werkes zu streiten. Weil beide – ein Monument für den Frieden oder ein Mahnmal für den Krieg – richtig und natürlich auch beide wichtig sind. Mahnmale sollen per Definition Betroffenheit erzeugen. Aber es zeigt sich in der Diskussion um die richtige Interpretation auch ganz deutlich, wo die Grenzen von politischer Kunst im öffentlichen Raum liegen, wenn diese nicht mehr im Auftrag des Staates oder ausgehend von einem Volksentscheid entsteht. Und wenn an eine solche Kunst auch nicht mehr der Anspruch gestellt wird, repräsentativ, sondern Ausdruck eines individuellen künstlerischen Subjektes zu sein. Dann entsteht ein großes Missverständnis der jeweiligen Erwartungen: Bei einem Kenner der zeitgenössischen Kunst sind diese relativ und können variieren, bei einem Laien hingegen, der Michelangelo vor Augen hat, wenn er an „Kunst“ denkt, könnten sie jedoch größer kaum sein – und er wird sich vor den Kopf gestoßen fühlen.

Die Arbeit von Manaf Halbouni hat mich schließlich daran erinnert, wo die Spaltung besonders tief sitzt. Nämlich dort, wo es keine gemeinsamen Repräsentanten gibt. Und das ist eine Situationsbeschreibung, die auf viele Bereiche in Politik, Medien und Kunst, zutrifft.

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