Überlegungen zum Gesamtwerk

Kürzlich ist mir, und im Zuge einer Ausstellung in Leipzig, aufgefallen, dass zwar viel über das Werk in der Kunst – und seinem Ende -, aber reichlich wenig über das Gesamtwerk – das Oeuvre – eines Künstlers geschrieben wurde.

Es gibt verschiedene Formate, die ein solches Gesamtwerk würdigen sollen. Darunter der Catalogue Raisonné – das Werkverzeichnis. Er kam namentlich erstmals im ausgehenden 18. Jahrhundert auf und diente in dieser Zeit häufig der Inventarisierung von Sammlungen und oft auch der Erfassung von sämtlichen Motiven zu einer bestimmten Person oder einem Ort.

Erst etwa ein Jahrhundert später wird der Catalogue Raisonné zu einem beliebten Medium, um das Gesamtwerk eines Künstlers zu zeigen. Dabei handelte es sich anfänglich nur um historische Künstler wie Peter Paul Rubens oder David Teniers. Es liegt nahe, dass der Boom einer historischen Erfassung der Kunst durch Werkverzeichnisse um 1900 auch zeitgenössischen Künstlern eine Vorstellung davon vermittelt hat, was passiert, wenn sie selbst irgendwann in die Kunstgeschichte eingehen würden. Pablo Picasso war einer der ersten Künstler, der 1966 und damit zu Lebzeiten einen Catalogue Raisonné erhielt. In den ausgehenden 1960er und 1970er Jahren erlebte das Format einen neuen Boom: Marcel Duchamps Werkverzeichnis kam 1969 heraus; Amadeo Modigliani, Édouard Manet und Kasimir Malevich erhielten den ihren 1970. Paul Cézanne 1973; Paul Signac, Claude Monet und Alexander Archipenko 1974. Damit sind nur wenige Beispiele aus dieser Zeit benannt. Die Kunstgeschichtsschreibung und die (damals überwiegend posthume) Würdigung eines Werkes durch den Catalogue Raisonné war eine Motivation für Künstler, ihr Gesamtwerk zu inszenieren.

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So versuchen sie auch bis heute, die Deutungshoheit über ihr eigenes Gesamtwerk zu erlangen. Etwa indem sie ihr Werkverzeichnis selbst anlegen. Das hat Paul Klee gemacht, der Werke seiner frühen Kindheit, die im Alter von vier Jahren entstanden sind, zum Oeuvre dazugehörig wissen wollte. Gerhard Richter hat hingegen alle Frühwerke verbrannt. Auch er arbeitet bekanntlich selbst an seinem Catalogue Raisonné.

Doch man kann ein Gesamtwerk auch inszenieren, indem Genealogien oder eine Werklogik eigens betont werden. Indem Begründungen für eine künstlerische Entwicklung sichtbar gemacht werden.

Als ich mir die aktuelle Ausstellung von Sighard Gille („ruhelos“) im Museum für bildende Künste in Leipzig angesehen habe, die eine Retrospektive ist und damit auch ein Format darstellt, die der Würdigung des Gesamtwerkes dient, hat mich das zu allgemeinen Überlegungen über das Oeuvre angeregt. Und zu der Frage, welche Bedeutung die visuelle Inszenierung des Gesamtwerkes für Gegenwartskünstler überhaupt noch hat.

Auf der Seite des art-Magazin können sie nachgelesen werden: „Rührender Abschied vom Gesamtwerk.“

Gille 1972 bis heute. V.l.n.r.: Selbst mit Friseuse (1972), Frühstück (1979), Die permanente Demo (1989), Juglans Regia (2009). Bilder von der Website des Künstler.
Gille 1972 bis heute. V.l.n.r.: Selbst mit Friseuse (1972), Frühstück (1979), Die permanente Demo (1989), Juglans Regia (2009). Bilder von der Website des Künstler.

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