Der Künstler als Streber | art

Es gibt eine Kunst, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man gut über sie schreiben kann. Die erfolgreich ist, weil sie Geschichten erzählt, die regelrecht zum Interpretieren und Weitererzählen anregen. Die den Anspruch hat, gut recherchiert zu sein und eine Perspektive zu kreieren, die so stimmig ist, dass sie für jeden funktioniert.

Dafür bedarf es besonderer Fähigkeiten, die Künstler bisweilen nicht immer mitbrachten und auch nicht mitbringen mussten. Doch das ändert sich gerade. Für das art–Magazin war ich in der Ausstellung „A soldier is taught to bayonet the enemy and not some undefined abstraction“ im Dresdner Albertinum. Dabei fiel mir auf, dass die Künstlerin, Taryn Simon, die neuen Ansprüche an Kunst ziemlich gut erfüllt:

Taryn Simon “ hat etwas Mustergültiges an sich. Sie ist sowohl smart als auch ernsthaft, ebenso zugänglich wie distanziert. Ihre Statur ist zierlich und dezent, ihre Gestik dagegen impulsiv und bestimmend. Und wenn sie von ihren Arbeiten spricht, ist sie sehr gewissenhaft. Ihre Themen erinnern an die Schauplätze von Thriller-Romanen oder Action-Filmen: ein altes Bildarchiv in Manhattan, die Kunstsammlung der C.I.A, der Ort, an dem nuklearer Müll gespeichert wird, die Bundeskontrollstelle der US-Zollbehörde oder ein Ornithologe namens James Bond. […]

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Simon ist das Gegenteil des längst überkommenen Klischees eines genialischen, expressiven Künstlers. Ihre Fotografien, Filme und Installationen sind eher durch Innovation als durch Intuition gekennzeichnet. Sie tritt als eine intelligente Frau auf, die ein überdurchschnittliches Maß an Leidenschaft für technologische, wissenschaftliche oder philosophische Fragen besitzt, zudem ein Interesse an medialer Popkultur. Ihre Arbeiten können durchaus unter dem Label „artistic research“ geführt werden. Denn sie basieren in gewisser Weise auf den Ergebnissen von Forschung, zum Beispiel auf Archiven, ahmen strukturell die Methoden der Wissenschaft nach, etwa indem sie alternative Lesearten und Ordnungssysteme erschaffen, und sie führen am Ende nicht selten auch tatsächlich zu konkreten Erkenntnissen.“

Um einen eigenen Eindruck zu gewinnen, gibt es hier noch ein Video mit Taryn Simon während einer TED-Konferenz.

Eine TED-Konferenz besteht aus jeweils über 50 Kurzvorträgen in einer Woche – dafür werden die besten Redner zu den Themen Technologie, Unterhaltung und Design geladen. Darunter Taryn Simon.

Die Ausstellung im Albertinum wurde aus dem Rudolfinum in Prag übernommen und erweitert. Insgesamt werden sieben Arbeiten aus den Jahren 2006-2015 präsentiert. Damit handelt es sich auch um den ersten größeren Überblick ihres Schaffens in Deutschland.

3 Comments

  1. Stefan B. Adorno

    Liebe Annekathrin,

    ich verstehe die Argumentation in Deinem Text nicht. Wenn man mal „Streberei“ grob als übertriebene Anpassungsneigung an bestehende Normen definieren will, so bleibt mir unklar, aufgrund welcher Fakten Du den Vorwurf gegenüber Frau Simon konstruierst.

    Sie hat etwas Mustergültiges an sich. Sie ist sowohl smart als auch ernsthaft, ebenso zugänglich wie distanziert. Ihre Statur ist zierlich und dezent, ihre Gestik dagegen impulsiv und bestimmend. Und wenn sie von ihren Arbeiten spricht, ist sie sehr gewissenhaft.

    Wenn das Deine Argumentation sein soll, so kann ich darin noch keine Streberei erkennen. Dazu müsstest Du deutlicher herausarbeiten, wer welche Ansprüche stellt und auf welche Weise die Künstlerin sich übermässig an sie anpasst.

    Simon ist das Gegenteil des längst überkommenen Klischees eines genialischen, expressiven Künstlers.

    Sollten wir das nicht eher begrüssen? Generell finde ich es positiv, wenn Künstler ihre eigene Arbeit selbst erklären und vertreten können. Gefühlte 99% von ihnen können oder wollen das nicht. Als Anregung zur eigenen Nachforschung empfehle ich auf einer beliebigen Künstler-Homepage die Rubrik „Texte“ aufzurufen. Ich hab außer allgemeinem Blabla dort noch nie eigene Texte des Künstlers gefunden.

    Herzliche Grüße
    Stefan

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    1. Annekathrin Kohout

      Lieber Stefan,
      vielen Dank für Deine Reaktion. Tatsächlich ist mein Text gar nicht als negative Einschätzung von Taryn Simon gemeint, es tut mir sehr leid, dass das offensichtlich nicht daraus hervorgeht. Der Textanfang sollte ein Stimmungsbild sein. Und auch das ist positiv gemeint.
      Ich begrüße das Streberhafte genauso wie Du – daher hänge ich an die Figur des Strebers, die zugegeben kulturell eher negativ codiert ist, die des Nerds zur Beschreibung an – die in gewisser Weise eine positive Umcodierung des Strebers ist.

      Ich finde es auch positiv, wenn Künstler über ihre Arbeiten sprechen können, keine Frage! Deshalb schreibe ich ja auch: „Simon ist im positiven Sinne streberhaft. “

      Beste Grüße
      Annekathrin

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