Ironie und Humor in der Mode: Interview mit Michael Simon, dem Pionier der Ugly Christmas Sweater

Neulich war ich bei einer Vernissage in Bonn, als mich eine Frau und ihr Kind ansprachen und fragten: „Wo haben Sie denn diese Jacke her? Wir haben kaum noch ein Auge für die Kunst, sondern betrachten schon die ganze Zeit Ihre Jacke!“ Ich trug einen Dog-Cardigan von Michael Simon. Und so wie viele seiner Kleidungsstücke ist auch dieses aufwendig verziert: Kleine Hundeköpfe aus verschiedenen Stoffen zieren die gesamte Jacke, ihre Augen sind aus Perlen, Knöpfen oder Schmuck – ein Spiel von Motiven, Farben und Materialien. Besonders beliebt sind jedoch Simons Weihnachtspullover. Auf ihnen finden sich Nussknacker, Weihnachtsmänner, Tannenbäume, der Grinch, Mickey Mouse und vieles, vieles mehr.

Es wurde bereits vielfach spekuliert, wo die heute so beliebten und sogenannten „Ugly Christmas Sweater“ eigentlich ihre Wurzeln haben. War es das Musikvideo zu „Ugly Sweater“ von der Mistletoe Conspiracy?

Oder der erste Teil von „Bridget Jones“, in dem Mark Darcy (Colin Firth) einen tannengrünen Pullover mit überdimensionalem Elchkopf trug?

Die Christmas Sweater sind natürlich schon viel älter, waren aber in der Mode lange Zeit nicht akzeptiert – bis Michael Simon kam. Während die heutigen Ugly Christmas Sweater, ähnlich wie ein Outfit für eine Bad-Taste-Party, für erlaubten Kitsch und Ironie stehen, hat Michael Simon nicht nur die simple Ironie-Karte gespielt, sondern zudem ernsthaft und zielstrebig Kunst gemacht, als deren Leinwand er die Kleidung ansah – und natürlich jene Menschen, die sie trugen und noch heute tragen. Um zu verstehen, inwiefern es sich bei Michael Simons Kleidungsstücken um Kunst, sagen wir um Pop Art, handelt, muss man auch wissen, welche Motive sonst noch ins Auge gefasst und wie sie in Editorials inszeniert wurden. Da wird eine Jacke mit Parfümflakons bei einer vermeintlichen Parfum-Werbung getragen, in einem Pullover mit Ballett-Tänzerinnen versucht sich ein Model an Akrobatik, die Beachvolleyball-Weste trägt man beim Ballspielen am Strand. Und natürlich tragen vor allem stolze Hundebesitzerinnen einen Cardigan zum gleichen Thema.

Bei fast allen Kleidungsstücken geht es um die Wiederholung eines Motivs zur Würdigung desgleichen. Sie lassen sich natürlich auch mit Ironie tragen. Aber während man mit den billig bedruckten Ugly Christmas Sweatern nur seine eigene Fähigkeit zur Ironie beweihräuchert, nimmt man mit der aufwendigen Verarbeitung der Michael-Simon-Sweater Ironie als Konzept sehr ernst.

Ich bin froh, ein kurzes Interview mit dem mutmaßlichen Erfinder der Ugly Christmas Sweater und darüber hinaus einem der humorvollsten Modedesigner geführt haben zu können.

Hallo Michael! Seit ich den Dog-Cardigan an Fran Fran Fine in der Serie „The Nanny“ das erste Mal gesehen habe, bin ich ein großer Fan von deinen Entwürfen! Wie und wann bist du denn dazu gekommen, diese aufwendigen Pullover, Cardigans und Westen zu machen?

Ich fing 1975 in meiner Wohnung im East Village in Manhattan damit an. Ich habe einen Pullover gemacht und bin dann zum nächstgelegenen Laden gegangen, um dort diesen einen Entwurf zu zeigen und Bestellungen entgegen zu nehmen. Alle liebten meine Pullover, weil sie so besonders und unterschiedlich waren. Ich verwendete das Material von einem Verkäufer, der Kisten voll Garn besaß, die in anderen Fabriken übrig geblieben waren. Er hatte auch Garn aus den 1950er Jahren, in leuchtenden Farben, den ich gerne benutzt habe. Da waren sie also, oversized, Pullover, die allen passen, in leuchtenden Farben und handgewebt. Was nicht unbedingt gefällig ist. Schritt für Schritt baute ich meine Atelier-Wohnung zu einer Firma aus, wo die Nachbarn immer fragten „Was ist das für ein Geräusch, das aus deiner Wohnung kommt?“ (Es war der Handwebstuhl). Ich hatte Ballett studiert und lernte dort, wie man den Webstuhl benutzt, um Leggings für Tänzer zu machen. Als ich die Produktion in meiner Wohnung nicht mehr handhaben konnte, ging ich mit einem Freund nach Hong Kong und setzte die Produktion dort fort. China erschloss sich uns. Die Leute hatten unglaubliche handwerkliche Fähigkeiten und waren bereit, alles zu machen, was wir uns erträumten. Also haben wir geträumt.

Und was war dein erster Entwurf?

Mein erster Entwurf war ein Einheitsstil in einer Einheitsgrößer, den ich in meiner Wohnung im East Village in New York City auf der Handstrickmaschine gemacht habe. Was damals entstand, war einzigartig, ich kannte mich nicht mit Modedesign aus und dieser Entwurf war der einzige Weg, wie ich die Kleidungsstücke in einer angemessenen Zeit fertigstellen konnte.

Bist du der Erfinder der „Ugly Christmas Sweaters“, die ja heutzutage und überall sehr verbreitet und beliebt sind – und wenn nicht, weißt du zufällig, seit wann es diese Tradition gibt?

Ich denke, das bin ich. Als ich meinen ersten Christmas Sweater machte, gab es zwar ein paar traditionelle Pullover mit winterlichen Motiven, aber es gab nicht viel und überhaupt nichts Witziges oder Verrücktes.

Neben Weihnachtsmotiven hast du auch Katzen und Hunde, Tennisspieler und Skifahrer, Parfumflakons und Taschen, und vieles mehr auf Pullovern, Cardigans und Westen verewigt. Wie bist du zu den Motiven gekommen? 

Eine Idee führte zur nächsten.

Hast du einen Lieblingspullover oder einen Lieblingsentwurf?

Alle, die sich nicht verkaufen.

Wie würdest du einen typischen Träger deiner Stücke beschreiben? Gibt es den überhaupt?

Nö, aber ich liebe sie alle.

Ich habe auf deiner Website gelesen, dass du viel mit Künstlern zusammengearbeitet hast. Was waren die besten Kooperationen?

Die Künstler waren Studis von der Kunsthochschule, die auch gerne was mit Mode machen wollten. Sie hatten alle einzigartige Geschichten und waren die kreativsten, künstlerischsten Leute, die ich kenne.

Sind deine Pullover und Taschen als Spaß zu verstehen oder dienen sie dem Träger dazu, seine Verbundenheit für das im Motiv dargestellte Thema auszudrücken? Trägt man einen Michael Simon Pullover als Ironie – um zu zeigen, dass man Spaß an der Mode hat, oder ganz ernsthaft – um zu zeigen, dass man gerne Tennis spielt?

Weil sie von einem Künstler geschaffen wurden, war die Verarbeitung fantastisch. Der Denkprozess war anders, wir machten Kunst. Die Leute meinten es ernst mit dem, was sie trugen, sie hatten eine emotionale Verbindung zu den Pullis.

Findest du, es gibt heute weniger Spaß in und an der Mode, als früher – oder mehr?

Es kann immer Spaß geben. Wir haben damals alle Regeln gebrochen, so dass die Leute reagiert haben, sowas wird wieder passieren. Es ist keine Mode, es ist etwas Größeres.

Wenn ich das richtig sehe, machst du heute keine verrückten Pullis mehr. Wieso?

Im Moment nicht, aber die Vision bleibt.

Hast du ein Archiv mit allen Designs?

Ich habe viele Presseartikel, Preise, Bilder von alten Fotoshootings (damals, als wir noch Filme benutzten) usw. in einigen Kisten aufbewahrt.

Was machst du heute?

Heute bin ich im Ruhestand, habe aber eine kleine Präsenz bei Neiman Marcus mit meiner Marke. Ich träume immer noch davon, den richtigen Partner zu finden, der übernimmt, was wir angefangen haben, und es weiter aus- und aufbaut. Ich kann nicht mehr sehr gut tanzen, also habe ich mich zur Ruhe gesetzt.

Vielen Dank, Michael!

 

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