Von ‚großer‘ Bedeutung und ‚hohem‘ Preis: ‚Kunst‘ als Qualitätsbegriff

● Zum Hören: Podcast unter dem Text ●

Dieser Text erschien zuerst in der fünften Ausgabe von „Staubhaus“, dem Kunstmagazin der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Karlsruhe, zum Thema „Wert“.

Kaum etwas ist für das Verständnis von Kunst so bestimmend wie das Wissen, dass es sich dabei um einen kulturell wertvollen Gegenstand handelt. Wenn man etwas als qualitativ kennzeichnen möchte, wird ‚Kunst’ dabei häufig sogar im Wortsinn von Hochkultur verwendet. Mit dem Ausspruch ‚Das ist Kunst‘ wird gesagt, dass etwas über die reine Könnerschaft hinausgeht.

Mithilfe von sprachlichen Metaphern wie ‚oben’ und ‚unten‘ wird die Kultur gemeinhin in wertvolle und wertlose Gegenstände beziehungsweise in positive und negative Emotionen eingeteilt. Sie sind, nach George Lakoff und Mark Johnson, „Orientierungsmetaphern“. So ist etwa ‚glücklich sein’ oben, während ‚traurig sein’ unten angesiedelt ist. Geht es einem gut, spricht man von obenauf, geht es einem schlecht, ist die Stimmung gesunken. ‚Gut sein’ ist ebenfalls oben, man nennt eine qualitative Arbeit deshalb hochwertig. Nach einer schlechten Arbeit geht es hingegen bergab. Auch Tugenden sind oben, wohingegen Laster sprachlich unten verortet sind: Während die einen sich mit aufrechtem Charakter schmücken können, sind sündige Menschen unter der eigenen Würde, niederträchtig.

Kunst als Qualitätsbegriff: Ein besserer Bankraub, ein professioneller Gang auf High Heels, stärkere Melancholie wird als Kunst, genauer ‚hohe Kunst‘ bezeichnet.

Kunst ist also im gleichen metaphorischen Raum angesiedelt, wie ‚gut sein‘, ‚glücklich sein‘ oder ‚Tugend‘: sie ist durchweg positiv besetzt. Allerdings funktionieren Orientierungsmetaphern nur in wechselseitiger Bezogenheit zueinander. So gibt es in der Literatur Belletristik auf der einen, hochkulturellen Seite und Groschenromane auf der anderen, weiter unten befindlichen, populärkulturellen Seite. Man findet Vertreter beider Seiten in Bibliotheken wie Buchhandlungen. Im Kino kann man sowohl Autorenfilme als auch Hollywood-Blockbuster sehen. Im Radio läuft subkultureller Pop genauso wie Schlagermusik von Helene Fischer. Natürlich lässt sich einwenden, dass es Sendungen, Kinos und Buchhandlungen gibt, die sich jeweils auf das eine oder andere spezialisieren. Doch man wird immer auch solche finden, in denen Beispiele aus dem gesamten Spektrum des hoch- bis populärkulturellen Bereichs versammelt sind. Es scheint so, als gebe es einzig im Bereich der bildenden Kunst, im White Cube, dem Ausstellungsraum, ausschließlich ‚high art’. Ist Kunst also immer oben?

Tatsächlich ist ‚Kunst‘ als Qualitätsbegriff so stark, dass ein Pendant nur Nicht-Kunst sein kann: Dekoration, Design oder die Gegenstände selbst. Geringer als ein Pissoir als Kunst schätzt man ein Pissoir als Pissoir. Die Ursache dafür ist nicht nur – und um noch eine weitere Orientierungsmetapher zu bedienen –, dass ein Pissoir im White Cube, als Kunst, tiefgründiger ist, bedeutungsschwerer, und nicht nur ein flacher Funktionsgegenstand, was noch für die Ready Mades von Marcel Duchamp Anfang des 20. Jahrhunderts galt. Gegenwärtig wird der Wert von Kunst oder einfach die Vergabe des Etiketts ‚Kunst‘ vielmehr durch den Preis bestimmt. Besonders schön zur Geltung gebracht wurde das beispielsweise von Christian Jankwoski, der 2011 auf einer Kunstmesse (Frieze Art Fair) eine fast 70 Meter lange Luxusyacht ausstelle, die man entweder als Yacht oder aber als Kunst erwerben konnte. Nur dass die Yacht als Kunst 10 Millionen Euro mehr gekostet hätte. War der Preis eines Kunstwerks vor einem Jahrhundert noch ein Anzeiger von Wert, von tiefer Bedeutung, ist er heute Wertschöpfer.

Es gibt also zwei Mechanismen der Wertsteigerung in der Kunst: zum einen dient das Etikett ‚Kunst‘ als Instrument zur Steigerung des materiellen Werts (Geldwerts), zum anderen wird der Preis zur Steigerung von Wertvorstellungen (Bedeutung) eingesetzt.

Damit die Rechnungen aufgehen, muss allerdings das Werk, um das es geht, auch verkauft werden. Verkaufen lässt sich ein Werk für einen solchen Preis hingegen nur in ausgewählten, überaus exklusiven Räumen, etwa in erfolgreichen Galerien, und es bedarf einer Künstlerpersönlichkeit, die in mindestens einer Wertsteigerungsstrategie talentiert ist.

Insgesamt lässt sich also eine Gewichtsverlagerung feststellen. Während lange die Steigerung von Wertvorstellungen, Idealen, Bedeutungen wichtiger war für die Vergabe des Etiketts ‚Kunst‘, Tiefe als Voraussetzung für Höhe galt, ist es mittlerweile immer häufiger der Geldwert. Daher lässt sich auch mit einem Boykott der Bedeutungsebene nicht am Etikett ‚Kunst‘ rütteln. Das kann man nirgends so schön beobachten wie an der Arbeit von Rafael Horzon, dessen Roman „Das Weiße Buch“ aus dem Jahr 2013 von einem Protagonisten handelt, der mit allen Mitteln versucht, keine Kunst zu machen. Doch was er auch initiiert, eine Wissenschaftsakademie oder ein Möbelgeschäft: es wird zur Kunst erklärt. Und so auch bei seinen „Wanddekorationsobjekten“ – kleine quadratische Bilder aus transparent-farbigen Plexiglas –, aus deren Bezeichnung schon hervorgehen soll, dass es keine Kunstwerke sind, nur Dekoration: Sie gelten nicht weniger als Kunst wie die Streifenbilder von Anselm Reyle. Und das liegt vor allem an der Tatsache, dass der Preis stimmt: Die Objekte (aus der ersten Kollektion) kosten nämlich jeweils 600.000 Euro.

Dass es sich bei dem einen möglicherweise um eine Persiflage des anderen handelt, ist ein anderes Thema.

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