Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid? Emotionen im Social Web

Meinen ersten Studentenjob absolvierte ich am Institut für Medienwissenschaft. Ich war Hilfskraft für eine Doktorarbeit, die sich mit der Emotionalisierung von Nachrichten in regionalen Tageszeitungen beschäftigte, und meine Aufgabe war es, diese nach vorgegeben

Fragestellungen zu codieren – um am Ende ein in Zahlen messbares Ergebnis zu erhalten. Innerhalb eines halben Jahres haben wir täglich jeden relevanten Artikel aller Regionalzeitungen von drei sächsischen Städten gelesen und bewertet. Fragestellungen waren etwa, in welchen Ausmaß die Ursachen der berichteten Ereignisse aufgeführt und wie differenziert die Umstände beschrieben wurden, ob der Artikel unterschiedliche Standpunkte beinhaltete, ob Quellen angegeben wurden, wieviele Adjektive sich darin befanden und wieviel sachliches bzw. emotionales Potential die jeweiligen Inhalte hatten.

Am Ende entsprach das Ergebnis ziemlich genau dem, was man bereits hätte erahnen können: Die BILD Leipzig emotionalisiert stark, die LVZ hält sich hingegen strenger an die Regeln sachlicher Berichterstattung, sprich: Sie gibt Quellen an und verwendet relativ wenig Adjektive. Das war auch deshalb so wenig überraschend, als die Zeitungen unterschiedlich motiviert sind und sich entsprechend auch an unterschiedliche Zielgruppen richten.
So banal ich die Fragestellung (und das Ergebnis) damals fand – es war 2007/2008 -, so bedeutend erscheint sie mir vor dem Hintergrund der Berichterstattung in den sozialen Netzwerken. Die Umstände und das Format, in denen Nachrichten übermittelt werden, haben sich verändert. Ehedem als seriös wahrgenommene Zeitungen bedienen sich nun der Sprache sozialer Medien. Einer Sprache, von der sie glauben, jung und hip zu sein. Ohne so genau zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Es aber wie folgt zu interpretieren scheinen: rebellisch statt seriös und emotional statt nüchtern.

Das alles ist weniger schlimm, wenn etwa die Süddeutsche Zeitung mit dem Kommentar „Papamobil? Papatram! Der Papst fährt mit der ‚Tram del papa‘ zum Weltjugendtag in Krakau“ ein entsprechendes Großereignis ankündigt. Anders verhält es sich jedoch mit politisch brisanten Themen, ganz besonders im Kontext der Flüchtlingskrise. Wenn die gleiche Zeitung den dazugehörigen Meinungsartikel auf Facebook mit dem Zitat: „Merkel würde vermutlich auch den Untergang der Titanic als ‚Bewährungsprobe‘ bezeichnen“ bewirbt – dann sind hitzige und beleidigende Kommentare vorprogrammiert.
Bekanntlich liest nur ein Bruchteil der Nutzer im Anschluss an derartige Ankündigung auch den vollständigen Artikel. Die meisten reagieren sogar lediglich auf die Überschrift und den kurzen Teaser. Auch deshalb hat die Frage nach der Verantwortung von jenen Medien, die sich nicht als Boulevard-Magazine verstehen, sondern als seriös gelten, durchaus eine Berechtigung. Wenngleich die Grenzen immer schon verschwommen waren.

Auf der anderen Seite gibt es die Nutzer der sozialen Netzwerke. Auch sie kommentieren und reagieren emotional, wozu sie sich auch berechtigt fühlen, da sie als Privatpersonen auftreten. Doch haben auch sie Leser, die durch die geteilten Emotionen – meistens irrationale Wutausbrüche – beeinflusst werden. Gerade in den Kommentarfeldern von journalistischen Beiträgen erreichen sie sie auch Leser außerhalb ihrer Filterblasen, also auch jede, bei denen sie nicht auf Zuspruch stoßen.
Hierzu fühlen sie sich wiederum berechtigt, da sie einer als Lügenpresse stilisierten Medienlandschaft keinen Glauben mehr schenken. Es ist interessant, dass aber im Gegenzug auch nur noch wenig Interesse an Fakten besteht, sondern nach Emotionen geschmachtet wird. So wird häufig die Kritik laut, Angela Merkel könne keine Emotionen zum Ausdruck bringen. Dass die Bestrebung nach Objektivität einst eine wichtige Voraussetzung für das Vertrauen in Politik und Presse war, wird dabei oft vergessen. Aber was versprechen sich all diese Menschen von all diesen Emotionen? Sie sind erträglicher als Lügen.

In Amerika spricht man schon länger von dem sogenannten postfaktischen Zeitalter, wenn es etwa darum geht, Wahlkampfreden zu charakterisieren. Was das heißt? Es ist wichtiger, dass eine Aussage wirkt, als dass sie wahr ist. Ein US-Wahlkampf macht daher nicht selten den Eindruck, als sei er von Hollywood inszeniert. Und steht so auch in der Kritik, von Werbung und Lobbyismus durchsetzt zu sein. Darauf zielt in Deutschland übrigens auch der Vorwurf einer „Lügenpresse“. Tatsächlich läuft dieser aber ins Leere, denn meistens wird gar nicht gelogen, sondern es wird manipuliert – und das am liebsten mit Emotionen. Denn mit Emotionen lassen sich Meinungen und Haltungen besser beeinflussen als mit Lügen. Und das wissen alle: die Medien, die Politik und die Kommentatoren im Social Web. Hat der Austausch von Emotionen im Netz die Diskussion mit Argumenten ersetzt? Und wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Als eine Konsequenz könnte man zum Beispiel das Ende der öffentlichen Meinung, also eines vorherrschenden Urteils – etwa zur Flüchtlingskrise -, diskutieren. Aber tritt an seine Stelle ein öffentliches – vorherrschendes – Gefühl?
Nur in einem scheinen sich alle einig zu sein. Nämlich dass die Art und Weise, wie in den Sozialen Netzwerken kommuniziert wird, Aggressionen schürt. Und das diese negativen Emotionen zu einer Spaltung der Gesellschaft beiträgt.

Nachdem ich mich ein halbes Jahr durch die sächsischen Regionalzeitungen las, war ich froh, das Institut für Medienwissenschaft wieder verlassen zu können. Der Name Kohout ist dem Fach allerdings in Gestalt meiner Schwester Susann erhalten geblieben. Heute promoviert sie an der TU Braunschweig über Emotionalisierungsprozesse bei der medialen Auseinandersetzung mit Politik- und Wissenschaftsthemen – speziell in Online-Diskursen. In zwei kommenden Gesprächen diskutiere ich mit ihr über Massenmedien und Online-Foren, Meinungen und Gefühle, Clickbaiting und Unterhaltung, Polarisierung und Ermüdung im Social Web. Über die Ohnmacht der Medien und der Unmöglichkeit eines Dialoges. Und über die Sprachlosigkeit.

Zum ersten Gespräch geht es hier entlang.

Zum zweiten Gespräch geht es hier entlang.

 

Meine Schwester Susann und ich in unsere jeweilige Filterblase vertieft.
Die Kohout Sisters: In ihre jeweilige Filterblase vertieft.

 

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