Von der „öffentlichen Meinung“ zum „öffentlichen Gefühl“?

In unserem zweiten Gespräch diskutieren Susann Kohout und ich über Hetze und Populismus in den Kommentarbereichen des Social Web, über Filterblasen, die Schweigespirale und das öffentliche Gefühl. Mehr Infos zur Gesprächsreihe gibt es hier.

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AK: In unserem letzten Gespräch haben wir über die Rolle des Journalismus gesprochen, inwieweit er die Emotionalisierung von Berichterstattungen forciert und warum das auch sehr gut und wichtig sein kann, um Leser für relevante Themen zu gewinnen.
Reden wir doch jetzt über die Seite der Rezipienten, die im Internet längst keine mehr sind. Spricht man im Kontext des Social Web von Hetzte und Populismus – besonders innerhalb der Diskussionen im Kommentarbereich – wird gerne der Vergleich zum Stammtisch gezogen. Findest du diesen Vergleich sinnvoll?

SK: Ja, der Vergleich wird gern genommen. Wenn ich an einen Stammtisch denke, dann stelle ich mir eine abgegrenzte Gruppe an Menschen vor. Sie teilen dort ihre Meinung mit Gleichgesinnten, die Atmosphäre ist angenehm und sie haben dort die Möglichkeit, alles zu sagen, was sie wollen – ohne gesellschaftlich dafür bestraft zu werden. Die Stimmung ist locker, die Menschen sind einer Meinung und man nimmt es einem nicht übel, was man denkt. Außerdem muss nichts faktisch hinterlegt werden, sondern es können auch nur Behauptungen aufgestellt und ausgetauscht werden. Man merkt schon: an einer Übertragung auf die Diskussionen im Netz ist einiges dran, einiges stimmt aber auch gar nicht überein. Aber das kommt auch auf die Plattform an.

AK: Der Vergleich ist durchaus fruchtbar. Nimmt man mal das erste Stammtisch-Merkmal, das du angesprochen hast: Abgeschlossenheit. Ich denke schon, dass sich die Kommentatoren abgeschlossen und sicher fühlen. Das sagt wiederum viel über unsere Medienkompetenz aus. Aber am interessantesten ist vielleicht der Unterschied, dass sie online für ihre Meinung gesellschaftlich bestraft und angegriffen werden können. Das werden sie ja eher im Netz als beim Stammtisch. Aber macht ihnen nicht gerade das Streiten ums Recht-Haben auch Spaß?

SK: Ja, das kann durchaus sein. Gerade weil Gegenmeinungen und Streit online nicht nur Bestandteil von politischen oder anderen gesellschaftlich relevanten Diskussionen sind, sondern genauso zu irrelevanten Themen gern geäußert und geführt werden. Solche Personen sind ja die sogenannten Trolle.
Was das Gefühl der Sicherheit betrifft: Das ist tatsächlich ein Problem der Medienkompetenz. Viele wissen gar nicht, wie viel Reichweite sie haben. Sie können sich nicht vorstellen, dass wir als Wissenschaftler sie beispielsweise analysieren, ihre bürgerliche Identität recherchieren und sie beobachten.

AK: Selbst wenn sie es wüssten, würde es womöglich nur wenig Eindruck hinterlassen. Schließlich zählen wir für einen Teil der Bevölkerung unter die sogenannte „Lügenpresse“. Ich halte selbstverständlich nichts von dem Begriff, aber nehmen wir ihn mal ernst: Was ist es genau, wovon sich die Leute provoziert fühlen. In Amerika gibt es einen Begriff, der vielleicht in dieselbe Richtung zielt, wenn er auch von einem anderen Lager und gegen Populisten formuliert wurde. Die Strategie von einigen der dortigen Politiker wird als ‚postfaktisch’ bezeichnet, das heißt, dass es den Politikern weniger wichtig ist, dass etwas wahr ist, als das es eine bestimmte Wirkung entfaltet und unterhaltsam ist. Aber kann man dabei gleich von Lügen sprechen? Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt unterscheidet Lügen von Bullshit. Und er sagt, wovon sich die Leute eigentlich provoziert fühlen, das ist der Bullshit. Mit Bullshit meint er Geschwafel, das Verschleiern von Themen, ein Reden, ohne dass man etwas sagt. Bullshit will wirken und nimmt dabei die Wahrheit nicht ernst. Lügen setzen hingegen bei einer konkreten Wahrheit an, Bullshit interessiert sich nicht mal für sie. Darin steckt bereits großes Aggressionspotential, da viele, gerade in Deutschland, an eine Wahrheit glauben. Zusätzlich wird man von Bullshit durch die Tatsache provoziert, dass er nicht justiziabel ist. Man kommt also besser durch mit Bullshit, macht sich unangreifbar.

 

SK: Ja, ich finde auch, dass Lüge der falsche Begriff ist. Die deutschen Medien bemühen sich gerade im internationalen Vergleich sehr um Objektivität und versuchen immer, so gut es geht, die Wahrheit darzustellen. Der Bullshit-These würde ich zustimmen. Was aber im Kontext der Flüchtlingskrise stark provoziert hat, war, dass sich die Berichterstattung anfänglich um eine vielperspektivische Wiedergabe der Ereignisse bemüht hat und auch immer wieder schilderte, welche Gefahren damit verbunden seien. Doch dann gab es einen Bruch in der massenmedialen öffentlichen Meinung, und man bekam plötzlich das Gefühl, dass alle nur noch auf die Willkommens-Kultur fokussiert waren – zumindest ist das mein persönlicher Eindruck. Auf einmal gab es nur noch gute Aussichten und nichts schien mehr schiefgehen zu können.

AK: Ja, das hat man gemerkt.

SK: Das war ein richtiger Bullshit-Moment, man dachte: Was für ein Quatsch, plötzlich soll alles so einfach sein?

AK: Nochmal zur Reaktion auf Seite der Leser und Kommentatoren am Beispiel der Flüchtlingskrise. Gerade auf Facebook muss man die Diskussionen in den Kommentarfeldern nicht lange beobachten, um stereotype Protagonisten und Muster der Kommunikation zu identifizieren. Es gibt den als „besorgten Bürger“ stigmatisierten Typus, der sich bei einer negativen Meldung bezüglich der Flüchtlingsdebatte daran ergötzt, recht gehabt zu haben. Auf der gegenüberliegenden Seite steht der von den „besorgten Bürgern“ als „Gutmensch“ stigmatisiere Linksorientierte. Er fühlt sich seinem Gegenspieler intellektuell überlegen und lässt sich deshalb – und auch aus einer Ernüchterung heraus – immer seltener auf Diskussionen ein. Das zeigt er jedoch, indem er bei den „besorgten Bürgern“ nach Rechtschreibfehlern sucht. Und es gibt noch einen dritten Typus, der Aggressionspotential birgt: Der Flüchtende selbst, der vor seinen eigenen Landleuten warnt.
Die meisten jedoch beteiligen sich nur als Leser am Geschehen. Doch wie wirkt sich die extreme Polarisierung auf sie aus?

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Typische Protagonisten und ihre Argumentation in einer Diskussion zur Flüchtlingsdebatte in den Facebook-Kommentarfeldern.

SK: Ich finde, gerade das Herumhacken auf Rechtschreibfehlern ist teilweise auch eine Konsequenz von festgefahrenen Kommunikationsmustern und Diskussionsverläufen. Denn man hat längst bemerkt, dass sich kein Einfluss nehmen lässt, man den Gegenüber nicht zum Nachdenken anregen oder gar eine Revision bewirken kann. Deswegen nimmt man ihn nicht mehr ernst und verweist ihn auf fehlende Buchstaben oder eine Rechtschreibschwäche. Ich habe aber schon das Gefühl, dass sich zwischen den Menschen auch noch echte Dialoge ergeben, in denen Meinungen geäußert werden, auf die später wieder eingegangen wird. Doch je länger die Diskussionen werden, desto weniger reagiert man aufeinander. Obwohl die Argumente da sind. Das liegt daran, das keiner von seiner Haltung abweichen möchte.

AK: Was sind denn die gängigsten Emotionen, die zum Kommentieren motivieren?

SK: Die Kritiker der Flüchtlingspolitik sind sauer auf die Befürworter und umgekehrt. Wut ist die häufigste Motivation für Kommentare, das zeigen zumindest unsere bisherigen qualitativen (noch unveröffentlichten) Untersuchungen. Seltener gibt es Mitleid.

AK: Was fällt schwerer ins Gewicht: Der positive Effekt, Emotionen rauszulassen, weil damit eine therapeutische Wirkung einhergeht. Oder der negative: Dass Andere dadurch beeinflusst und zu ebenso negativen Emotionen angestiftet werden?

SK: Darüber habe ich so noch gar nicht nachgedacht und ich kann es auch wirklich nicht einschätzen, wobei ich persönlich leider das Gefühl habe, dass der therapeutische Effekt doch sehr gering ist. Dass andere beeinflusst werden, erscheint mir prinzipiell plausibel. Das ist wie in der Werbung. Wenn man ein Produkt online kaufen möchte, dann liest man sich zwar auch die Beschreibung durch, um herauszufinden ob es sich um das richtige Produkt für einen handelt. Aber es scheint viel wichtiger für die Kaufentscheidung zu werden, was die vorherigen Käufer dazu gesagt haben.

AK: Kann man den Kommentatoren nicht auch eine Art negative Missionierung unterstellen? Etwa wenn sie eine Berichterstattung mit ihren Bemerkungen bewusst emotionalisieren oder gar radikalisieren? Wenn sie extreme Meinungen äußern oder scheinbar überreagieren? Kann man nicht vielerorts beobachten, dass Hass geschürt und der rechten Gesinnung absichtlich ein Vorteil verschafft wird? Dann wären sich die Produzenten solcher Beiträge ihrer Reichweite allerdings durchaus bewusst.
Vielleicht dienen extreme Posts anfänglich aber auch nur dazu, sich in einer bestimmten Gruppe Anerkennung zu verschaffen. Oft kann man nicht ohne weiteres nachvollziehen, wo sich eine bestimmte Haltung radikalisiert. Wahrscheinlich in der Umgebung von Gleichgesinnten.

SK: Ja, das ist wahrscheinlich. Zunächst herrscht eigentlich immer erst eine „Schweigespirale“. Die Schweigespirale besagt, dass Menschen sich nicht trauen, ihre Meinung in einer Umgebung kundzutun, in der sie nicht mit der Mehrheitsmeinung übereinstimmt. Weil sie Angst haben, dafür sozial bestraft zu werden. In Form von Ächtung zum Beispiel. Da es so viele Sphären oder Blasen im Internet gibt, in denen sich die Menschen „aufhalten“, fangen sie an zu glauben, dass die eigene Meinung der öffentlichen entspricht. Es kommt dann zu einem Bruch innerhalb der Schweigespirale und die Menschen trauen sich, extreme Meinungen zu äußern und auszutauschen. Und wenn sie sich daran gewöhnt haben, ist die Hemmschwelle auch geringer, extreme Meinungen in anderen Öffentlichkeiten kundzutun, etwa in beliebigen Facebook-Kommentarfeldern – so ist zumindest meine Wahrnehmung.

AK: Zunächst macht man es, weil man sich heimisch fühlt. Am Stammtisch sozusagen. Dann gewöhnt man sich eben daran und außerdem unterscheidet sich der Stammtisch formal nicht mehr so sehr von einem öffentlichen Bürgerhaus. Aber vielleicht traut man sich auch mehr, weil man so ein Kommentarfeld auch als Ort für spontane Gespräche wahrnimmt. Und was spontan, quasi-mündlich, ist, wird auch schneller wieder vergessen. Morgen ist es ohnehin nicht mehr auf dem Dashboard, weil es schon so viel Neues gibt. Es ist auch schnell wieder weg.

SK: Die Schnelllebigkeit ist ein gutes Stichwort. Die Meinung ist ja etwas, das gebildet werden muss und dafür braucht es Zeit. Zumindest hofft man, dass Meinungen auf etwas beruhen, dass sie wohl überlegt und abgewogen sind. Im Idealfall beruhen sie sogar auf Tatsachen, die überprüft wurden. Doch in der gegenwärtigen Geschwindigkeit von Informationen, die auf einen einströmen, hat man immer weniger Zeit, sich fundierte Meinungen zu bilden. Vielmehr sind sie meistens sehr affektiv. Das Resultat könnte man vielleicht als „öffentliches Gefühl“ bezeichnen.

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AK: Es handelt sich also um in das Format ‚Meinung‘ gehüllte Gefühle, die entstehen, weil es keine Zeit mehr für das Bilden von fundierten Meinungen gibt? Ich denke bei „öffentlichem Gefühl“ eher an eine emotionale Atmosphäre. Wie die öffentliche Meinung die vorherrschende Bewertung eines Themas oder Ereignisses anzeigt – man denke an das Beispiel Willkommens-Kultur – zeigt das öffentliche Gefühl einen vorherrschenden Affekt oder eine vorherrschende emotionale Reaktion an. Zum Beispiel Wut. Daraus könnte sich auch grundsätzlich die Frage ergeben, welche Gefühle in jeweiligen Diskursen vorherrschen und vor allem warum.

SK: Gefühle sind immer Teil der Meinungsbildung. Deswegen hast du Recht: Es ist eher eine Atmosphäre. Wann und wie es dazu kommt, dass jemand etwas fühlt, ist eine Folge dessen, welche Informationen wie wahrgenommen werden und eher Forschungsgegenstand der Psychologie. Von daher ist es interessant zu sehen, welche Gefühle in welchen Diskursen vorherrschen. Man kann es aber zum einen schwer verallgemeinern und zum anderen ist es relativ unabhängig von der Online-Umgebung, sondern eher eine grundsätzliche psychologische Frage. Was soll man sagen: „Das ist ein weites Feld.“ ◆

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Bilder und Gifs via Jess Mac.

4 Comments

  1. Frank Brück

    Wie man in den Wald hineinruft!
    Wie in einer konzertierten Aktion liest man fast täglich Kommentare von Journalisten zu diesem Thema und alle suggerieren einen nahezu unerträglichen und gefährlichen Zustand. Kritisiert wird vor allem die radikale Polarisierung. Doch die Medien sind nicht ohne Anteil an dieser Entwicklung, ganz im Gegenteil. Schon seit Jahren verwenden Journalisten herabsetzende, diffamierende Bezeichnungen für Menschen, deren Ansichten sie nicht teilen, offenbar immer im Glauben auf der ‚richtigen Seite‘ zu stehen. Da werden paradoxerweise aus Bürgern, die sich endlich vom deutschen Untertanengeist befreit haben, ‚Wutbürger‘ oder ‚Populisten‘ – verbitterte, sture, egoistische, alte Spießbürger – die sich angeblich nötigen Veränderungen widersetzen. Aus TTIP-Kritikern werden ‚Dogmatiker‘ und ‚Fortschrittsfeinde‘, im Spiegel-Online wurden sie gar als ‚dumpf nationalistisch‘, also rechtsradikal, verunglimpft. Menschen, die nicht für die Ukraine in den Krieg ziehen wollen und zu einem differenzierten Blick auf die dortige Situation raten, werden nahezu einmütig von den deutschen Medien als ‚Putin-Versteher‘ verleumdet und unglaubwürdig gemacht. Das Journalisten sich dann über verbale Straßenschlachten im Internet empören ist, gelinde gesagt, scheinheilig. Denn sie selbst haben die Vorlage geliefert und auch bei ihnen geht es schon lange nicht mehr um Argumente, sondern um die Verteidigung eines präferierten Weltbildes.

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    1. Annekathrin Kohout

      Lieber Herr Brück,

      vielen Dank für Ihr Kommentar. Die Medien haben definitiv einen Anteil an der Polarisierung. Gerade, was die Herabsetzung vieler durch einige Journalisten angeht, gebe ich Ihnen Recht. Tatsächlich haben sich Begriffe etabliert, die die vorhandene Wut noch steigern, weil sie dem Gegenüber keine Anerkennung zukommen lassen. Das geschieht jedoch in verschiedenen Richtungen („Gutmensch“ ist ebenso diffamierend gemeint wie „Wutbürger“), jede extreme Position empfinde ich als überheblich und Dünkelhaft und sie motiviert mit ihren Äußerungen fast immer zum Streit. Ich glaube ebenfalls, dass es immer auch um eine Weltbild-Verteidigung geht – egal ob links oder rechts – halte ein Weltbild aber zugleich für die Grundlage einer Argumentation. Dennoch muss das Weltbild flexibel bleiben und Gegenargumente zulassen können. Das ist leider häufig nicht der Fall.

      Herzlich
      AK

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  2. Frank Brück

    Liebe Frau Kohout,

    Roland Tichy kritisierte vor einiger Zeit das Selbstverständnis besonders deutscher Journalisten: „Sie sind Propheten einer Sache, und sie kämpfen für etwas, statt über etwas zu berichten.“
    Doch es ist nicht Aufgabe der Medien, besonders der Öffentlich-Rechtlichen, für bestimmte Weltanschauungen zu kämpfen. Medien sollten unparteiisch über Weltanschauungen berichten, damit der mündige Leser sich eine eigene Meinung bilden kann. Doch viele Menschen befürchten, nicht ohne Grund, dass die Massenmedien systematisch einer politischen Linie bei der Auswahl und der Darstellung wichtiger Themen folgen. Allein die Wortwahl verrät dies nur allzu oft. Die BBC World meldete: „In Den Haag wurde der niederländische Politiker Geert Wilders vom Vorwurf der Volksverhetzung freigesprochen.“ Die deutsche Tagesschau sprach vom „islamfeindlichen und rechtspopulistischen Politiker Geert Wilders“. Im Deutschlandfunk wurde, in einer Reportage, aus dem demokratisch gewählten, ukrainischen Präsidenten Janukowitsch der „Diktator“ Janukowitsch. Pegida-Anhänger ‚grölen‘, die Gegenbewegung ‚ruft‘. Diese Art der Meinungsmanipulation sollte längst eine heftige Diskussion auch innerhalb der Medienlandschaft ausgelöst haben. Warum findet eine solche nicht statt?
    Einen Hinweis könnte eine Äußerung von Lutz Hachmeister geben, Kommunikationswissenschaftler und langjähriger Leiter des Adolf-Grimme-Instituts: „Es gibt Eliteverflechtungen zwischen Journalismus, Politik und Industrie.……es stellt sich schon die Frage, wann was berichtet wird und wann über Dinge erst mal nicht berichtet wird. Das entscheide sich oft nach den bestehenden Verflechtungen der Medienhäuser mit gesellschaftlichen Eliten. Da merkt das Publikum schon, dass es weniger Unabhängigkeit gibt, als die Presse gerne von sich selbst behauptet.“
    Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung konstatiert, es gebe „immer öfter komplizenhafte Verstrickungen zwischen Wirtschaftsführern, Politikern, Werbeindustrie und Journalisten.“
    Thomas Leif, SWR-Chefreporter und Vorsitzender des Vereins „netzwerk recherche“, verlangt mehr Pluralität statt der immer gleichen Experten sowie eine strikte Trennung von Journalismus und PR.
    Selbst unser Ex-Außenminister Steinmeier beklagte 2014 in einer Rede: “Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.”
    Eine Ursache für die zunehmende Gleichförmigkeit der Medien könnte darin bestehen, dass es viel Geldes bedarf, um eine große Tageszeitung oder einen Rundfunksender zu betreiben. Und Menschen, die über sehr viel Geld verfügen, haben meistens auch recht gleichförmige politische Interessen.

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    1. Annekathrin Kohout

      …vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort, die einen sehr wichtigen Punkt anspricht, nämlich dass manch eine Meinung/Haltung/Moralverfassung nur (besonders leicht) eingenommen werden kann, wenn man sie sich auch leisten kann. Platt formuliert: Wäre jeder wohlhabend, hätte wohl auch kaum jemand mehr ein Problem, im Bio-Markt Superfood einzukaufen und sich damit als moralisch zu erweisen, statt bei Aldi Billigwurst (und als moralisch verwerflich zu gelten).
      Das gleiche gilt auch für die Meinung zu gesellschaftspolitischen Fragen.

      Aus persönlicher Erfahrung in meinem eigenen Umfeld kann ich sagen, dass sich viele (Journalisten, Akademiker) an der Frage abarbeiten, wie eine differenzierte politische Haltung (vor allem in Fragen der sogenannten Flüchtlingspolitik) möglich werden kann, ohne sogleich den Vorwürfen des (Links- oder Rechts-)Populismus anheim zu fallen. Und ich beobachte eine – zugegeben sehr zurückhaltende – Öffnung.

      Aber vielleicht findet das zu zaghaft statt und es muss eben doch „wehtun“, damit endlich eine annehmbare Grauzone zwischen den Polen geschafften wird. Das zumindest hat Boris Palmer letztes Jahr in einem Gastbeitrag für die FAZ gegen seine Kritiker eingewendet („Nur wenn das linksliberale städtische Bürgertum seine moralische Selbsterhöhung überwindet und Toleranz für Andersdenkende auch praktiziert, wenn es weh tut, gibt es eine Chance den Extremismus auszugrenzen und den Populismus einzuhegen.“ > http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/boris-palmer-im-gastbeitrag-erfahrungen-in-der-fluechtlingskrise-14541360.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2). Aber auch das ist nicht leicht, gerät man dabei doch oft zu schnell in eine möglicherweise gefährliche Polemik hinein.

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