Kunst? Ja. Aber keine gute. #clickbaiting

Amalia Ulman hat vor anderthalb Jahren eine Performance auf Instagram gemacht, deren Erfolg einfach nicht abklingen möchte. Es gibt fast kein Magazin, in dem sie nicht besprochen wurde, sie saß auf dem Podium über Instagram als künstlerisches Medium bei der Art Basel Miami Beach 2014, die Arbeit wurde in wichtigen Galerien ausgestellt – zuletzt in der Whitechapel Gallery -, Gucci hat sie für deren neue Handtaschen-Reihe gesponsert, und im Moment ist sie Teil der Ausstellung „Performing for the Camera“ in der Tate Modern in London – einem der weltweit bedeutendsten Ausstellungshäuser der Gegenwart. „The Telegraph“ fragte sich: „Is this the first Instagram masterpiece?“ Ich sage nein, das ist kein Masterpiece.

Die Geschichte eines schüchternen Mädchen, das in die Großstadt zog, um Model zu werden, sich prostituierte und Drogen nahm, einen Nervenzusammenbruch erlitt und schließlich durch Yoga zu einem gesunden Lebensstil fand.
Die Geschichte eines schüchternen Mädchen, das in die Großstadt zog, um Model zu werden, sich prostituierte und Drogen nahm, einen Nervenzusammenbruch erlitt und schließlich durch Yoga zu einem gesunden Lebensstil fand.

Ich wollte keinen Text über Amalia Ulmans Instagram-Performance „Excellences and Perfections“ schreiben. Denn ich habe sie nicht live verfolgt, und es ist schwer, im Nachhinein zu beurteilen, ob man der Geschichte, die Ulman 2014 auf ihrem Instagram-Account erzählt hat, geglaubt hätte oder nicht. Zwei Lebenswandel in nur 21 Wochen und in circa 180 Bildern? Das nette Mädchen von nebenan zieht in eine Großstadt, rutscht ab – wie man so schön sagt – prostituiert sich, macht eine Brustvergrößerung, posiert mit Pistolen. Aber natürlich bleibt das Happy End nicht aus. Sie erkennt ihr Dilemma, zieht zurück zu ihren Eltern und beginnt mit Yoga und gesundem Essen ein neues Leben. Ist das nicht unglaubwürdiger als jede Fernseh-Romanze?

Ein solch banaler, linearer und – man kann es nicht anders sagen – langweiliger Plot wurde seit der Frühgeschichte des Films nicht mehr inszeniert, und selbst dort gab es bald mehr als drei Akte und einen Konflikt. Zwar kann man Ulman nicht in Abrede stellen, dass sie Instagram als Medium der Kunst benutzt hat – aber ist es deshalb wirklich gleich gute Kunst? Eine so gute Kunst, dass sie im aktuellen art-Magazin als „das erste Instagram-Meisterwerk überhaupt – ein moderner Entwicklungsroman, der die Affektökonomie der sozialen Medien offenlegte“ (Juni 2016/S. 70), klassifiziert wird? Dass dieser „moderne Entwicklungsroman“ etwa in Angesicht der kunstvoll verzahnten Handlungsstränge und Doppelromanstruktur eines Parzival von Wolfram von Eschenbach aus dem 13. Jahrhundert blass ausgesehen hätte, wird leider nicht erwähnt. Die Geschichte, wie sie von Amalia Ulman erzählt wird, ist unbestreitbar langweilig.

Nun ließe sich einwenden, der Zweck heilige die Mittel. Schließlich habe sie so weibliche Stereotype der Instagram-Welt aufdecken können. Und vielleicht war es ja auch ihr Ziel: die Eindimensionalität und Konformität von Instagram zu demonstrieren. Doch wozu führt es, wenn sich alle Social-Media-Benutzter nur einmal mehr in ihrem Wissen bestätigt fühlen, dass all die bösen Bilder im Internet nur ein Fake sind? Nichts weiter als schöner Schein? Welche künstlerische Qualität steckt in dieser Arbeit? Oder handelt es sich vielleicht nur um ein Clickbaiting der Kunst?

Meistens wird die Arbeit als eine Performance dargestellt, die die Ästhetik und Infrastruktur von Instagram untersucht. „Ulman’s continued use of Instagram complicates an understanding of what is reality and what is a performance“, heißt es im Ausstellungskatalog der Tate Modern. Und tatsächlich scheint Ulman die Instagram-Ästhetik sehr genau studiert zu haben und erzeugt mit ihren Imitaten auch die gewollte Authentizität. Hierfür hat sie die gängigen Filter benutzt, unter denen nahezu jedes Bild wie ein Instagram-Foto aussehen würde. Das ist auch folgerichtig, schließlich wollte sie die Sprache von Instagram nutzen, um auf dessen Komplikationen aufmerksam zu machen. Sie bedient sich also einer klassischen Strategie, der des trojanischen Pferdes, das sich getarnt in die Gefilde des Gegners wagt, um ihn dann von innen auszuhöhlen – in diesem Falle seine Schwächen aufzudecken.

So wird die Arbeit verkauft.
So wird die Arbeit verkauft.

Ihre Leistung besteht also vor allem darin, sich der Eigenlogik von Instagram zu bedienen. Das heißt, sie hat nicht nur Fotos gemacht, um sie anschließend auf Instagram zu präsentieren, sondern sie hat Instagram benutzt und auf seinen Kontext gezielt Bezug genommen. Das ist durchaus eine gültige und anerkannte künstlerische Praxis, vor allem im Kontext der oftmals kritischen Auseinandersetzung mit Massenmedien. Eine Praxis, der sich auch Peter Weibel – damals im Alter von etwa 25 Jahren – bedient hatte, als er in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren die „tele-aktionen“ im Fernsehen ausstrahlen ließ.

Eine dieser tele-aktionen heißt „the endless sandwich“ und zeigt einen Mann, der vor dem Fernseher sitzt. Im Bildschirm befindet sich jedoch kein Bild, sondern eine Wiederholung der Situation. Dort ist nun wieder der Mann, der vor dem Fernseher sitzt. Dieses Prinzip führt sich einige Male fort und endet mit einem Fernseher, auf dem die Frequenz gestört ist. Der Film beginnt im letzten Bild-im-Bild: Der Mann steht auf und versucht die Frequenz zu regulieren – es gab noch keine Fernbedienung – und bei der Berührung des Drehknopfes gerät sein Bild ins Rauschen. In dem Moment versucht der Mann auf der nächsten Bildebene die Frequenz zu regulieren und sein Bild fängt an zu rauschen und so weiter. Das letzte Bild, das zu Rauschen beginnt, ist dann jenes des damaligen Fernsehzuschauers. Eine Irritation, die man sich heute wohl kaum mehr vorstellen kann. Zur Leistung dieser Arbeit gehört auch der überdurchschnittliche organisatorische Aufwand – schließlich war es einer Privatperson kaum möglich, Sendezeit zu erhalten – und das entsprechende finanzielle Opfer, das mit dem Erhalt des Sendeplatzes einherging.

Ebenso konsequent und aufopferungsvoll ist Christian Jankowski – ein Künstler, der oft mit Massenmedien arbeitet oder sich ihren Formaten bedient. Hierzu überwindet er bürokratische Hürden, die als unüberwindbar gelten: so hat er 2011 im Vatikan ein Jesus-Casting veranstaltet. Und in der Jury? Saßen tatsächlich drei Vertreter des Vatikan, der Priester Monsignore José Manuel del Rio Carrasco, der Kunstkritiker Sandro Barbagallo und der Journalist Massimo Giraldi und suchten „ihren“ Superstar-Jesus in einer Castingshow aus. Eine Live-Übertragung im Vatikan selbst machte das Casting Zuschauern zugänglich. Später wurde der zusammengeschnittene Film in Kirchen wie Galerien aufgeführt.

In beiden Arbeiten, „the endless sandwich“ und „Casting Jesus“ liegt eine Verfremdung von Medien oder deren Inhalten vor und es bleibt unklar, ob es sich um eine Kritik handelt. Die Spannung der Arbeiten liegt darin begründet, dass sich der Betrachter selbst positionieren und in einer Haltung einfinden muss. Fragt man Jankowski nach der Art der Kritik, die seine Arbeit entfaltet, antwortet dieser: „Es ist kein Konsens und auch kein Kanon, an den ich anschließe mit dieser Art der Christus-Darstellung. Das heißt natürlich: jedes Bild, das nicht einzuordnen ist, kann man von alles Seiten interpretieren. Und daran liegt mir auch.

Einen solchen Aufwand oder sonstige bürokratische Hürden hat Amalia Ulman nicht auf sich nehmen müssen. Im Gegenteil. Es mutet vielmehr etwas bequem an, die Dauer des Projektes auf vier Monate zu beschränken. Auch jede Verfremdung bleibt aus.
Dafür nimmt sie eine klare kritische Haltung gegenüber den sozialen Netzwerken, dem Selfie-Kult und weiblichen Stereotypen ein: „That was the main critique: „It wasn’t the truth? How dare you! You lied to people!“ Well, that’s because you should learn that everyone is lying online. I’m not the first one!“ Der wesentliche Aspekt ihrer Arbeit ist also der Fake, verbunden mit einer Art „ätsch, bätsch“ – 😝 – jetzt habe ich es Euch aber gezeigt: so funktionieren die sozialen Medien. Aber so funktionieren die sozialen Medien nicht. Zumindest nicht nur. Die Kritik an Instagram ist zu banal, zu einseitig, als dass sie tatsächlich wirkungsvoll sein kann.

Doch scheint das den großen Kunstmagazinen, Galerien und Museen gar nicht aufzufallen. Einzig Anika Meier hat im Monopol Magazin darauf aufmerksam gemacht, dass immer auch die Follower-Zahlen im Gespräch sind, wenn es um die Performance geht. Und dass diese Ulman unfreiwillig und erst nach ihrer Performance geschenkt wurden. Nämlich von dem Konzeptkünstler Constant Dullaart, der 2,5 Millionen Follower kaufte und sie an Protagonisten der Kunstwelt verteilte. Darunter Amalia Ulman. Während ihrer Performance hatte ihr Account circa 4000 Abonnenten und nicht die 90.000 von denen Medien und Kunstwelt schwärmen.

Handelt es sich bei dem Promoten der Performance vielleicht tatsächlich um ein Clickbaiting der Kunst? Ist die Kritik an Instagram nicht sehr gefällig? Ist das Thema nicht einfach hochaktuell? Und eine Künstlerin mit mutmaßlich 90.000 Followern lediglich ein guter Multiplikator?

Nun ließe sich auch argumentieren, dass es doch ein großes Glück sei. Endlich steigt die Kunst freiwillig von ihrem hohen Ross herunter und wird zugänglich, indem sie sich unter die Bildwelt der sozialen Medien mischt. So als habe sie kein Fünkchen Interesse mehr daran, exklusiv zu sein. Doch selbst wenn dem so sei, bleibt leider sonst nicht mehr allzu viel übrig. Denn unterhaltend ist der Plot von Amalia Ulman gewiss nicht gewesen. In dem Sinne ist die Arbeit leider weder gute Kunst, noch gute Unterhaltung.

Mit diesem Bild beendet Amalia Ulman ihre Performance. Auf Instagram zeigen sind alle begeistert. Eine Arbeit, die sich jeder Kritik entzieht.
Mit diesem Bild beendet Amalia Ulman ihre Performance. Auf Instagram sind alle begeistert. Eine Arbeit, die sich jeder Kritik entzieht.

Weniger bekannt sind ihre interessanten und vielfältigen Installationen und Skulpturen. Für diese geht es hier entlang.

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