Kein Moonwalk

 

In meiner Lieblingsfolge von „Wetten, dass…?“ ist Michael Jackson zu Gast. Als Fan war ich schon Tage vor Sendungsbeginn aufgeregt. Es war immer etwas besonderes, wenn ein sogenannter „Weltstar“ nach Deutschland kommt, um für drei bis vier Minuten einen neuen Song oder Wahlweise ein Medley vorzuspielen und dann nach ebenso wenigen Minuten von der Couch zu verschwinden. Aber Michael Jackson war eben der King of Pop und er hatte die verrücktesten Fans. In der besagten Sendung kündigt Thomas Gottschalk Michael Jackson wie folgt an: „14 Jahre ist es her … [Anspannung im Publikum] … da hatte er dieses Projekt … [erste Bilder vom Musikvideo „USA for Africa“ erscheinen auf den Monitoren; das Publikum realisiert, dass gleich Michael Jackson angekündigt wird] …und die Großen der Welt waren dabei … [schelmischer Unterton im Wissen die Ankündigung jetzt ganz lang hinauszuzögern] … Kenny Rogers beispielsweise …[im Film tauchen die jeweiligen Persönlichkeiten auf, die Jackson-Fans können sich vor Anspannung kaum noch zurückhalten] … Tina Turner … [Gottschalk lässt sich immer mehr Zeit. Die Fans beginnen im Chor „Michael!“ zu schreien, die Musik wird lauter und emotionalisiert zusätzlich ihre Gemüter] … dann war dabei … [„Michael!“ „Michael!“ „Michael!“ „Michael!“] … Billy Joel …[Gottschalks Stimme klingt jetzt betont gelangweilt] … [🎼„You know love is all we need“ erklingt die Strophe vor dem Refrain aus dem Video … und BÄM, Michael Jacksons Glitzersöckchen tauchen im Video auf, die Kamera wandert seinen tanzenden Körper hinauf und die Menge kann sich kaum noch halten … „Und da ist er“, erklingt wieder Gottschalks Stimme, „Wenn er seine Freunde ruft und große Projekte plant, dann kommen sie alle“ … [Im Publikum herrscht die Ruhe vor dem Sturm, alle hängen an Gottschalks Lippen und warten, dass er ihn endlich aufruft] …und wir freuen uns, dass er heute zu uns gekommen ist … [Gottschalk öffnet seine Arme zum Empfangsgestus, das Publikum hält die Luft an] … hier ist … [Pause] … der König der Popmusik … [Pause!] … here is … [Pause!!] … the king of pop … [Pause!!!] … hier ist … MICHAEL JACKSON! [Endlich hat Gottschalk seine Stimme gehoben und es ausgesprochen, das Publikum beginnt erlöst zu schreien.

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Thriller wird eingespielt. Der Beat betört die Massen. Die Kamera ist auf den verspiegelten Eingangsbereich gerichtet, da erblickt man einen Schatten, er bewegt sich. Jetzt sieht man Michael Jackson im Spiegel, er geht langsam, das erste Bein lugt hinter der Bühne hervor. Das Publikum hält es kaum noch aus, schreit, so laut es kann, Jackson läuft extrem langsam. Er schreitet die Treppen herab, hält seine Hände verlegen vor seine zierliche Statur, in sich ruhend. Die Kamera schwankt ins Publikum, es zappelt, applaudiert, präsentiert stolz die vorbereiteten „Heal the World“-Plakate. Jackson verbeugt sich, wieder unheimlich langsam. Die Kamera fährt zurück, Gottschalk tritt von links ins Bild, erst seine Hand, die Michael Jacksons’ ergreift. „It’s a great pleasure and honor!“… „Thanks for coming.“ Der große Gottschalk greift den kleinen zierlichen Michael Jackson am Arm und weist mit seiner rechten Hand in Richtung der Couch. Jackson bleibt stehen, das Publikum will sich einfach nicht beruhigen. Gottschalk weist erneut zur Couch. Jackson schießt verbündete Blicke ins Publikum; während Gottschalk vorausgeht, bleibt er zögerlich stehen, lässt das Publikum weiter applaudieren. Gottschalk packt ihn erneut am Arm, um ihn zur Couch zu bewegen. Doch vor der Couch bleibt Jackson wieder stehen, wirft Handküsse ins Publikum und lässt sich feiern. Gottschalk ist fast schon im Begriff sich zu setzten, er grinst. „Please…“ bettelt Gottschalk, bleibt aber cool dabei. Großformatig wird ein Fan-Plakat eingeblendet, darauf steht: „We love you more!“ Ein Jackson-Fan-Insider-Satz. Gottschalk setzt zum Niederlassen auf der Couch an, muss sich jedoch wieder erheben, als er sieht, dass Jackson stehenbleibt. Dieser faltet langsam die Hände vor seiner Brust, Gottschalk klatscht mit dem Publikum. Jackson lacht geistesabwesend und blickt verliebt ins Publikum. Plakate werden eingeblendet. Es wird gerufen und geklatscht. Gottschalk versucht sich erneut zu setzen, fällt in die Couch, sichtlich in Anspannung, weil er immer noch nicht weiß, ob es ihm Jackson gleichtun wird. Er tut es. „So!“ sagt Gottschalk streng … „Dankeschön!“ … das Publikum wird lauter und lauter. Jackson grinst. Gottschalk: „Hahaha“ … „Danke“ … „Thank you“ … „Danke“ … „Ok.“ Das Publikum schreit. Gottschalk wendet sich an Michael:  „Bitte, auf mich hören sie nicht!“ Er ist verzweifelt, aber cool. Jackson macht kleine Tanzbewegungen, um das Publikum anzuheizen. Es wird immer lauter. Gottschalk zu den Fans: „Ach kommt, der Arme, er freut sich doch auch, wenn ihr ihm mal zuhört.“ Das Publikum bleibt unbeeindruckt. So geht es noch Minuten weiter.

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Ja, das ist meine Lieblingsszene, wenn ich an „Wetten, dass…?“ zurückdenke. Weil sie besonders gut hervorhebt, worum es bei der Sendung vor allem ging: nämlich Stars zu zelebrieren. Glamour zu zelebrieren. Den gemeinsamen Abend zu zelebrieren. „Wetten, dass…?“ war ein Fest, zu dem jeder eingeladen war. Es war Spannung und im Gegenzug auch manchmal Langeweile. Zwar saß man vor dem Fernseher auf der Couch, doch suggerierte die Kamera-Einstellung immer auch, man säße als Zuschauer mit in der Runde, an einem gemeinsamen Tisch. Und wenn sowohl vor als auch im Fernseher Süßes auf diesem Tisch bereitgestellt war, merkte man manchmal gar nicht, wohin man eigentlich griff. Obwohl diese Show voller Glamour, Attitüden und Schauspiel war, erzeugte sie doch wenig Distanz zum Publikum. Weil der Glamour sich selbst zelebrierte, die Stars als Stars auftraten.

Klingt komisch, ist aber wahr: Einmal im Jahr, bei der Show in der Stierkampfarena in Mallorca, hat meine Familie tatsächlich ein kleines Fest ausgerichtet. Man zog sich entsprechend an, in weiß, wie Thomas Gottschalk, und war in Mallorca, irgendwie. Der Fernseher wurde hinter dem Fenster so gedreht, dass wir von draußen zusehen konnten, genau wie Gottschalk und seine Gäste draußen saßen. Man war dabei. Michael Jackson bei „Wetten, dass…“ sehen war ein bisschen wie Michael Jackson in echt sehen. Und am nächsten Tag redeten alle in echt über die Gäste, als seien sie eben dabei gewesen.

Diese Art von Nähe konnte Jan Böhmermann in seinem „Wetten, dass…“-Revival nicht erzeugen. Und es war auch nicht sein Ziel. Er hat gut beobachtet und zielsicher karikiert: Es gab einen Anzug im Stil von Thomas Gottschalk; einen Star, der früher gehen muss; es gab ein Medley von DJ Bobo und das obligatorische Model, es gab Süßes, von dem sich der Moderator auch tatsächlich bediente. Sprich: es gab viele gut inszenierte Details, die an den früheren Charme der Sendung erinnerten. Zugleich gab es Böhmermann-Humor, auch das war wichtig und richtig. Zahlreiche Hinweise auf die Erdogan-Geschichte und viele satirische Seitenhiebe. Es passt zu ihm, dass er sich bereits im Angesicht des Scheiterns einem Format wie „Wetten, dass…?“ zuwendet. Und sein Plan ist aufgegangen. Aber in der Hektik der Sendung, die vier Gäste und mehrere Wetten abspeiste, und dabei distanziert satirisch blieb, wurde ungewollt deutlich, was das besondere an der früheren Sendung war: ihre Feierlichkeit. Und diese braucht eben viel Zeit und viel Spannung. Siehe Beispiel oben.

Wie so oft gefiel mir am besten der Social-Media-Hype im Vorhinein. Es gab lustige Gifs, Instagram-Fotos, viel Spaß und Ironie. Und es gab beispielsweise eine lustige Collage, die Böhmermann mit Gottschalk-Frisur zeigt. Das ist er eigentlich schon, der Witz. Der Fernsehsendung hätte es gar nicht unbedingt bedurft.

boemiwd

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