Denkmäler der Popkultur | Der Michael-Jackson-Altar in München

 

Der Michael-Jackson-Altar in München ist ein eingetragenes Denkmal. An ihm zeigt sich, wie man der Popkultur gedenken kann, ohne dabei ein klassisches Denkmal zu errichten. Und es stellt die Nähe von popkulturellen und religiösen Praktiken unter Beweis. In diesem Essay wird danach gefragt, warum Denkmäler für Popstars meist auf privaten Initiativen beruhen und gezeigt, warum Michael Jackson Ausdruck eines Popzeitalters ist, das in der Vergangenheit liegt.

Ein Denkmal für einen Popstar? Das hört sich befremdlich an.
Wer sich ein Denkmal vorstellt, dem kommen Reiterstandbilder, Mahnmale, Kriegerdenkmale und Triumphbögen in den Sinn. Aber auch Statuen bedeutender Persönlichkeiten. Doch mussten diese eine Legitimation besitzen, um in ein Denkmal gefasst zu werden. Und ihre Legitimation war zumeist die Zugehörigkeit zu einer kulturellen und intellektuellen Elite, einer high culture. Hierin besteht der erste Grund für die Widersprüchlichkeit zwischen Pop- und Denkmalkultur: die gängige Konnotation der populären Kultur zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie bis heute als Gegenbegriff zur hohen Kultur empfunden wird. In diesem Sinne ist Popkultur nicht selten in die Nähe der Volkskultur geraten.
Doch Popkultur unterscheidet sich ebenso von der Volkskultur. Lässt sich Volkskultur als etwas definieren, das beständigen regionalen oder nationalen ethnischen Prägungen entspringt und sich dieser Tradition vergnüglich verpflichtet, ist Popkultur geradezu als Gegenteil zu verstehen, da sie zumeist international und dem zeitlichen und modischen Wechsel von Trends unterworfen ist. Hierin liegt die zweite Widersprüchlichkeit zwischen Pop- und Denkmalkultur begründet.

Michael Jackson Denkmal München

Seit jeher gab es angesichts des Personenkultes um politische Figuren bereits Statuen zu Lebzeiten. Man denke hierbei an den Bismarck- oder Stalin-Kult, gegenwärtig finden sich Statuen noch lebender Politiker vor allem in diktatorischen regierten Ländern Asiens oder Afrikas, zum Beispiel den Kult um Kim Jong-Il in Nordkorea. Nun würde man die eben erwähnten Politiker, insbesondere die gegenwärtigen, allerdings weniger als Figuren einer high culture bezeichnen, als sie im popkulturellen, massenmedialen Bereich anzusiedeln. Wieso also fertigt man nicht von Personen eines ähnlichen oder gar größeren Bekanntheitsgrades ebensolche Statuen an? Hierbei handelt es sich um eine Frage nach der Legitimation. Denn Denkmäler sind eng verbunden mit dem Glaube an die kulturelle oder politische Unsterblichkeit. Ihr kulturelles Leben nach dem physischen Tod ist identitätsstiftend für alle künftigen Generationen – zumindest so lange, bis es einer kriegerischen Auseinandersetzung zum Opfer fällt oder bis das Denkmal seinen Stellenwert verlieren wird.

Daher sollte die Entscheidung darüber, wer legitimiert ist, über sich selbst hinaus zu leben, keine individuelle Frage sein, sondern vor allem eine kollektive Entscheidung. Denn die Existenz eines Denkmals und seine Erscheinungsform ist ohnehin nicht nur an die (politische) Macht des Dargestellten, sondern auch an das Engagement des Rezipienten/der Fans geknüpft. So starben unzählige in Stein gemeißelte Protagonisten des kulturellen Lebens mit ihren Rezipienten aus, stehen als Untote auf großen Plätzen und in schönen Parkanlagen. Denn unsterblich bedeutet nicht gleichsam unendlich.

Michael Jackson Denkmal München

Unendlichkeit kann hingegen in der Religion oder auch im Spirituellen aufgefunden werden. Und in diesem Sinne unterscheiden sich ihre Andachtsformen auch von den Denkmälern säkularer Mächte. Die Verehrungsstätten früherer Zeiten – und in vielen religiösen Kulturen auch noch heute – waren zumeist Altäre. Altäre sind im Gegensatz zu Denkmälern gleichzeitig Orte religiöser und kultureller Praxis – definieren sich also auch durch die aktive Beteiligung durch ihre Rezipienten.

Hierin bestehen wiederum Parallelen zur Popkultur. Nicht nur, dass auch die Popkultur zahlreiche – insbesondere private – Altäre hervorbrachte: in Kinderzimmern und auf den jeweiligen Grabstätten. Ebenso wie Stars, deren Verehrung jener eines Gottes oftmals in nichts nachsteht. In ihr scheint sogar das Prinzip ‚Religiosität‘ und das Streben nach Unendlichkeit in dem Sinne aufzugehen, dass man sich durch das Fan-Sein in eine Kultur einschreibt. Einzig durch die Teilnahme an Etwas, das bedeutend ist, erlangt man auch selbst Bedeutsamkeit. Dadurch wird existenzieller Sinn gestiftet, auf ganz ähnliche Weise, wie ihn sonst die Religion zu stiften vermag. Hierin liegt auch die Antwort auf die Frage begründet, warum Popstars – die zwar einen ähnlichen Personenkult wie diktatorische Herrscher auszulösen vermögen –, nicht in Stein gemeißelt werden: das Verhältnis der Fans zu ihren Popstars ist ein privates und intimes.

Michael Jackson Denkmal

Besonders deutlich wird dies an dem Michael Jackson Denkmal in München. Als dieser am 25. Juni 2009 starb, versammelten sich tausende Fans vor dem Krankenhaus und an zahlreichen anderen öffentlichen Orten, die von der einstigen Gegenwart des King of Pops zeugten. Einer dieser Orte ist der Platz vor dem Hotel „Bayrischer Hof“, in dem Michael Jackson bei seinen Aufenthalten in München übernachtet hatte. Nachdem sein Tod öffentlich verkündet wurde, pilgerten seine Fans zu dem Platz vor dem Bayrischen Hof, um ihrem Idol die letzte Ehre zu erweisen. Um noch ein letztes Mal zu jenem Fenster hinauf zu schauen, hinter dem man sein Schlafzimmer vermutete. Um noch ein letztes Mal seine Präsenz zu spüren, die ihnen nun verloren zu gehen drohte. Sie brachten Kerzen, Bilder, Briefe und Blumen mit, um ihren Michael Licht zu spenden in diesen dunklen Tagen.  Und um ihr Bedauern zu bekunden. In ihrer Trauer bemächtigten sich die Jackson Fans des Denkmals des Renaissancekomponisten Orlando Di Lasso, indem sie es zum Gabentisch umfunktionierten.

Seit 2011 steht auf dem Platz vor dem „Bayrischen Hof“ ein symbolträchtiges Doppeldenkmal. Denn aus der Statue von Orlando Di Lasso wurde zugleich ein eingetragenes Michael Jackson Denkmal. Und um dieses Denkmal muss sich gekümmert werden, weil es gewissermaßen lebendig ist. Hierzu wurde der Verein MJ´s LEGACY e.V. gegründet, der sich über die Pflege des Denkmals hinaus auch für Hilfsprojekte unterschiedlichster Art engagiert. Das alles geschieh im Namen des verstorbenen Michael Jacksons. Jeden Tag kommen die Mitglieder des Vereins zum Denkmal, um Blumen zu gießen, Kerzen anzuzünden oder Bilder ab- und aufzuhängen. Vor allem aber, um für Fans, Denkmalbesucher und zufällige Passanten ein Ansprechpartner zu sein. Doch ihr Anliegen ist es nicht nur, an Michael Jackson zu erinnern, wenn es dazu überhaupt eines Denkmals bedarf, sondern insbesondere aufzuklären: Über Nasenoperationen, seine Hautkrankheit und seine Liebe zu Kindern.

Michael Jackson Denkmal München

Die Altarhaftigkeit des Jackson-Denkmals überrascht nicht, sondern erinnert vielmehr an die Altäre, die an Unfallorten entstehen. Der entscheidende Unterschied ist: der Jackson-Altar ist vorerst nicht temporär. Er hat eine ungeheuere Konstanz und zwar bis heute.
Grund hierfür ist die Nähe von Popkultur und Religion. Die von Michael Jackson bereits zu Lebzeiten zelebriert wurde, so hat er sich stets als göttliche Person inszeniert und wurde als solche auch wahrgenommen. In Interviews bekundete Jackson, Jesus zu imitieren. Seine klaren und einfachen Botschaften wie Nächstenliebe, das Streben nach Weltfrieden und die Forderung, Verantwortung zu übernehmen, sind dabei nicht religionsspezifisch. Die Figur Michael Jackson tritt auch körperlich als nicht-menschliches Medium von Göttlichkeit in Erscheinung: fragil und stark zugleich, farblos und entsprechend keiner Ethnie zuzuordnen und gewissermaßen auch geschlechtslos.

Ein Denkmal für einen Popstar? Kann es also geben. Und daran zeigt sich auch, dass die Frage danach, ob und wann etwas ‚high‘ oder ‚low‘ ist, längst obsolet geworden ist. So obsolet, dass ein Popzeitalter für das noch Stars wie Michael Jackson, David Bowie und Björk standen – letztere bereits in umfangreichen Retrospektiven museal gewürdigt – womöglich bereits in der Vergangenheit liegt.  Stars werden nur noch selten  wie Gottheiten verehrt. Aktuelle Popularitätswellen können vielleicht einen äquivalenten Größenumfang erreichen, aber ihre Stars – wie beispielsweise der YouTuber LeFloid – agieren nicht als Könige und Königinnen, die man gewissermaßen auch verehren muss. Im Gegensatz: vielmehr regen sie uns zu Interaktionen und eigener Produktivität an.

Doch gerade für dieses Popzeitalter der Megastars ist der liebevolle Michael Jackson Altar in München auch ein Denkmal. Es huldigt die Inkarnation des Pop und ist dabei ganz zufällig die konsequente Fortführung massenmedialer Kunst. In den Fans, die eigens wieder zu Pop-Produzenten werden, erfüllt sich Pop auf eine sonderbare Weise. Pop als eine Religion, die es nicht nötig hat, Denkmäler aus Stein zu errichten, denn Gott ist überall, solange man daran glaubt.

Michael Jackson Denkmal München

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