Pokémon GO: Warum ein Kinderspiel erwachsen wurde

Pokémon und Ich

Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich erst die Serie gesehen, bevor ich anfing, Pokémon auf meinem transparent-violetten Gameboy zu spielen. Im deutschen Fernsehen lief Pokémon jeden Nachmittag direkt nach Sailor Moon. Es war eine tolle Serie, ich war vermutlich 11 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt: in Ash. Er war so cool. Ich weiß noch genau, wie eifersüchtig ich immer war, wenn er mit Misty anbandelte. Im Spiel war es daher merkwürdig, plötzlich selber Ash zu sein. Natürlich konnte man sich auch einen alternativen Avatar erstellen – oder Blau wählen -, aber das hätte sich nach Verrat angefühlt. Bis endlich die gelbe Edition herauskam und ich ein Pikachu hatte, wählte ich als erstes Pokémon immer Shiggy, denn mit ihm ließ sich in der Fels-Arena trumpfen, und in der Quell-Arena hatte man zumindest einen gleichwertigen Gegner zu erwarten. Das war vielleicht die strategischste Stelle des Spieles. Wobei die Auswahl des ersten Pokémon womöglich aussagekräftiger wäre als jeder Marshmallow-Test.
Zusammen mit meiner Schwester habe ich ständig gespielt und über ein ziemlich kurzes Kabel Pokémon getauscht. Ich weiß noch genau, wie ich mir immer vorstellte, dass die Pokémon durch das Kabel „fließen“, und dazu gab es ein einschlägiges Geräusch, was diese Fantasie noch verstärkte. Jedenfalls war ich eine begeisterte und ambitionierte Spielerin, die das Ende der roten, blauen und gelben Edition mit einem Mew-Glitch besiegelte.

Diesen Anblick konnte ich nur schwer ertragen: Ash und Misty.
Diesen Anblick konnte ich nur schwer ertragen: Ash und Misty.

Irgendwann hörte ich dann auf, Pokémon zu spielen und Pokémon zu schauen. Damals war es nämlich so, dass all diese Serien und Spiele ihre Zeit hatten, und die hielt oft nicht länger als zwei bis drei Jahre – dann wuchs man heraus. Man wollte nicht mehr eines dieser Kinder sein, die Pokémon spielen (und wenn, dann machte man das heimlich). Ja, es war eine Zeit, in der Spiele noch etwas für Kinder oder Nerds waren. Und unterschiedliche Spiele sogar mit unterschiedlichen Altersgruppen assoziiert wurden. Bei Pokémon war man so 11 bis 14, höchstens. Ich war die 150(151)-Pokémon-Generation. Mittlerweile gibt es ja über 700.
Meine Eltern haben sich übrigens nicht für dieses Spiel interessiert. Darüber habe ich mich allerdings bis heute auch nie gewundert. Erwachsene spielten eben kein Gameboy. Aber sie spielen mit dem Smartphone.

Pokémon GO und Erwachsene

Ja, seit Pokémon GO spielen Erwachsene Pokémon. Ich weiss das, weil ich selbst zu den Erwachsenen zähle und auch manchmal Pokémon GO spiele. Und aus den Medien. Ehrlich gesagt wundert mich das. Tatsächlich muss ich als ehemaliger Pokémon-Fan sagen: die Grafik ist langweilig, und dass man nur in Arenen kämpfen kann, ist fad. Eier ausbrüten? Bonbons füttern? Das ist doch kein Training!  Was jedoch fasziniert: dass die gut bekannte Pokémon-Welt plötzlich unsere eigene ist. Pokémons in unserem Alltag, auf unseren Straßen. Das ist fantastisch. Ich habe mich kürzlich mit dem Roman „Das Jahr 2440: ein Traum aller Träume“ von Louis-Sebastien Mercier aus dem Jahr 1771 beschäftigt. Es ist der erste utopische Roman, der nicht an einem Fantasieort – wie Atlantis – oder im Weltall spielt, sondern in der eigenen Stadt. Jetzt weiß ich, wie sich das angefühlt haben muss.

Trotzdem frage ich mich, ob Menschen, die Pokémon vorher noch nie gespielt haben, wirklich Freude daran haben. Und wenn ja: warum? Hierzu müsste man wissen, welche erwachsenen Menschen Pokémon spielen. Mit Sicherheit sind es schon mal all jene, die Pokémon halbwegs gut kennen, etwa aus ihrer eigenen Kindheit. Hinzu kommen alle, die neugierig sind auf augmented reality. Und dann vielleicht noch einige wenige Game-Nerds, die sich freuen, dass endlich alles mit dem Smartphone gespielt wird und man nicht mehr den Gameboy auspacken muss – heimlich, weil sich das für Erwachsene nicht ziemt.

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Aber mit meinen Vermutungen liege ich weitestgehend falsch. Gestern hat zum Beispiel das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte auf Facebook Bilder von Pokémon GO gepostet. Und auch sonst bekennen sich viele Intellektuelle, Wissenschaftler oder Journalisten zum Spiele-Hype. Natürlich gilt auch hier, was in den Sozialen Medien sonst ebenfalls als Ursache zu identifizieren ist: Man beteiligt sich an den Trends der Jugend, um nicht abgehängt zu werden, oder weil man sie weiterhin als Zielgruppe ansprechen will. Bestes Beispiel der letzten Zeit: Snapchat.

Aber bei Pokémon GO ist es anders als bei Snapchat. Wenn Snapchat ein Witz wäre, würde man Pokémon GO als Insider-Witz klassifizieren müssen. Intellektuelle wollten zum Beispiel rebellisch sein, als sie sich nicht mehr der Hoch- sondern der Popkultur zuwendeten. Snapchat ist in diesem Sinne einfach das neue Fußball. Es ist cool, darüber zu schreiben, weil man noch immer glaubt, Popkultur sei gegen den intellektuellen Mainstream. Dabei ist das Gegenteil der Fall. (Ich finde das ja erfüllend. Endlich sind wir Mainstream-Fans selbst irgendwie Mainstream). Natürlich merkt man das und deshalb der Hype um Pokémon GO: er ist nicht nur Mainstream sondern nerdiger Mainstream.

Deshalb bekennen sich alle so aufdringlich dazu. Vor dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte gibt es Habitaks? Das einzig Interessante an dieser Information ist, wie fremd vielen Intellektuellen die Welt der heutigen Jugend geworden ist. Ich interpretiere diesen Facebook-Eintrag als Hilferuf.
Dabei leben wir längst alle in der Internet-Welt. Selbst meine Omi. Das Internet oder die Sozialen Medien sind nicht der Jugend oder Insidern oder einer Jugendsprache oder Insider-Witzen vorbehalten. Es muss endlich verstanden werden, dass es dort auch seriöse und „erwachsene“ Orte geben kann. Die Social Media-Accounts vieler sonst seriöser Institutionen, Zeitungen und Zeitschriften oder gar der Bundesregierung wollen so krampfhaft jung und hip sein. Aber das müssen sie nicht. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ja, man darf nicht mehr alles ernst nehmen. Ironie und Spaß und das Ausprobieren neuer Entwicklungen – das ist wichtig und zeitgemäß. Ebenso wie eine gewisse Beteiligung an Trends. Aber nicht, wenn es nur darum geht, sich als jugendlich und cool zu inszenieren. Jugendlich und cool ist nämlich keine feste Kausalität. Erwachsensein ist auch cool. Genauso wie Seriosität.

Zurück zu Pokémon GO und der noch unbeantworteten Frage, warum es all jene spielen, die sonst nichts mit Pokémon am Hut haben. Die Antwort lautet: wegen der Screenshots. Pokémon GO-Screenshots wurden vor wenigen Tagen bei Know Your Meme eingestellt – zurecht. Natürlich ist es bezeichnend und klug, dass im Spiel selbst der Aufruf zum Fotografieren integriert ist. Traf man bei dem Gameboy-Spiel auf wilde Pokémon, hat man gegen sie gekämpft. Das war ein wesentlicher Anreiz, auch da man somit seine Pokémon trainieren konnte. Heute kämpft man nicht mehr, sondern fotografiert sie. Das ist eine geniale Übersetzung in das Jahr 2016.

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