Über Kriegsbilder in den Sozialen Medien

Vom ersten Tag des Angriffs der russischen Armee auf die Ukraine an, wurde das Sprechen über den Krieg begleitet von einem Sprechen über dessen Bilder und Erzählungen. Dabei lässt sich eine interessante Diskrepanz beobachten: Im Zeitalter Sozialer Medien ist einerseits selbst der letzte User sensibler für die Inszeniertheit von Informationen. Andererseits gibt es die Neigung zu eindeutigen Urteilen von „richtig“ und „falsch“.

Trotz oder wegen des realen Schreckens ist der Krieg in der Ukraine zu einem Steinbruch von Erzählungen geworden: Beginnend bei der Rechtfertigung des Angriffs – der Geschichte von der Entnazifizierung –, über die Widerständigkeit der ukrainischen Bevölkerung, die mithilfe von David und Goliath anschaulich gemacht wurde, bis hin zu der dem gesamten Geschehen zugrundeliegenden „Gut gegen Böse“-Erzählung. 

Während Ende Februar hierzulande noch gewisse Hemmungen bestanden, aus den Kriegsgeschehnissen Memes zu machen, wurden sie dann schnell zum wichtigsten Transportmedium jener Geschichten, die vielerorts als Kriegswaffen beschrieben wurden. Ja, im „Informationskrieg“ oder genauer: War of Perception gelten Meme als Munition. 

Da man bei der Definition von Memes oft auf Richard Dawkins verweist, der den Begriff 1976 als kulturelles Pendant zum evolutionsbiologischen ‚Gen‘ eingeführt hat, dominiert die Vorstellung, Meme verbreiten sich wie von selbst, Nutzer:innen sind lediglich ihre mehr oder weniger passiven Boten. Auch die Idee der ‚Viralität‘ macht jene, die Memes machen oder Verbreiten eher zu passiven, anfälligen Personen, die sich der Überzeugungskraft eines Bildes einfach nicht erwähnen können. Tatsächlich werden mit Memen aktiv und vorsätzlich Themen oder Thesen kommentiert, oft nehmen sie dabei selbst die Form einer Kritik oder Meinungsäußerung an. Es wäre naiv zu glauben, dass sich die Nutzer:innen in den Sozialen Medien so gar nicht bewusst sind, dass sie aktive Teilnehmer:innen am War of Perception sind. Nicht alle, aber doch viele wissen um ihr Mitwirken an der Verbreitung von Informationen in Gestalt von Geschichten, Ansichten oder Argumenten – sei es durch passives Teilen oder durch die aktive Erstellung von Memen.

Im Vergleich zu früheren Formen der Satire, sind Meme auch Medien der Zugehörigkeit und Abgrenzung. Sie basieren auf Insider-Wissen, das es für all jene, die nicht in die Bildsprache eingeweiht sind, sehr schwer macht (und auch machen soll), sie zu verstehen. Eine gewisse Polarisierung wird mit der Erstellung oder Verwendung von Memes durchaus angestrebt. Und freilich werden Memes gezielt zur ideologischen und politischen Propaganda eingesetzt. Ihre Verbreitung ist dann aber nicht notwendigerweise einem besonders ‚angepassten‘ oder ‚ansteckenden‘ Bild-Text-Ensemble geschuldet, um bei der etablierten Metaphorik zu bleiben, sondern kann auch schlicht von Bots angetrieben werden.

Für ZEIT Online habe ich mir sowohl ukrainische als auch propagandisische und oppositionelle russische Memes angesehen: Was erzählen sie über den Krieg & seine Folgen? Wie initiieren und transportieren sie derzeit dominierende Narrative? >> Hier geht es zum Text.

Außerdem habe ich mit Knut Cordsen im Bayrischen Rundfunk über die Rezeption von Kriegsbildern in den Sozialen Medien gesprochen. >> Hier geht es zum Interview.

Und im Podcast „Die Macht der Bilder“ war ich ebenfalls zu Gast, um über die Kriegsbilder in den Sozialen Medien zu sprechen. Die Bilder dort erfordern immer unsere unmittelbare Aktivität – es geht also u.a. darum, was es heißt, dass niemand mehr unbeteiligt ist, wenn er/sie die Bilder des Krieges im persönlichen Feed sieht.

Hier geht es zum Podcast:

Startbild: @tochilik