Coldplay x BTS

Morgen erscheint der gemeinsame Song von Coldplay und BTS. Seit einigen Wochen wird „My Universe“ von Produktionsfirma, Medien und Fans zum „vertonten Königstreffen des Pop“ (Musikexpress) stilisiert: Kann die Assimilation gelingen? Oder wird es einen Clash geben?

Wenn ich an Coldplay denke, denke ich an „Parachutes“, mehr noch an „Yellow“. Im süßen Alter von 10 Jahren könnte ich es schon gehört haben, in Dauerschleife lief es aber erst im Teenageralter. Dieses Lied, eigentlich alle Lieder auf dem Album, habe ich wirklich gefühlt. Der melancholisch-romantische, traurige und doch hoffnungsvolle Pop war genau das richtige für meist unglücklich verliebte Pubertierende. Ja, er war tröstend. 

Zu Beginn des Musikvideos sieht man Chris Martin an einem düster-nebligen einsamen Strand auf die Kamera zulaufen. Er trägt eine Regenjacke, aber die Kapuze liegt in seinem Nacken, als würde es gar nicht regnen. Er will nass sein – und verkörpert damit dieses reizvolle Gefühl, im Leid Genuss zu erfahren, Traurigkeit als etwas Ästhetisches zu erleben. Die Inbrünstigkeit, mit der Martin „Look at the stars. Look how they shine for you“ singt, geht mir noch heute unter die Haut. Der Himmel im Video bleibt aber bewölkt. Im Gesichtsausdruck von Martin scheinen sich im einen Moment fröhliche romantische Erinnerungen, im anderen traurige Nostalgie abzubilden. Er läuft in den Morgen hinein und das Video endet mit dem Aufgang der Sonne. 

Ein ähnliches Prinzip verfolgt „Fix You“. Von den ersten Strophen bekomme ich noch heute Gänsehaut. „When you try your best, but you don’t succeed. When you get what you want, but not what you need. When you feel so tired, but you can’t sleep“… Im Video wieder Chris Martin, der durch eine nächtliche Stadtszenerie wandert, von einer Kamera begleitet, bis er losrennt und bei seiner Band auf einer Bühne vor riesigem Publikum landet und damit bei den Zuschauern das Gefühl von Überwältigung transportiert.

Diese Bilder, die damit verbundene Stimmung und Emotionen, bringt man nur schwer mit BTS zusammen, deren weltweiter und bahnbrechender Erfolg nämlich erstmal mit ganz anderen Bildern, Stimmungen und Emotionen zu tun hat: Sieben kugelsichere Pfadfinder, wie die Übersetzung ihres koreanischen Bandnamen lautet – 방탄 („kugelsicher“) 소년단 („Pfadfinder“) –, die gleichrangig agieren – ohne Frontfigur. Im Video zum Song „DNA“, der ihnen zum internationalen Durchbruch verhalf, sieht man die sieben Idols in Regenbogen-Pullovern und Jacken, ihre Haare sind blau, türkis, violett und blond, sie tanzen in knallbunten fiktiven Szenerien und Räumen – einfach alles ist durchdrungen von Künstlichkeit und Überzeichnung. Das ist nicht nur Pop, das ist Hyperpop. Der Song beginnt mit einem happy Pfeifen, die Bandmitglieder zwinkern und flirten mit der Kamera und es wird direkt eingestiegen in eine detailreich austarierte Choreografie. Einfach alles sitzt militärisch perfekt – Outfits, Orte, Stimmung, Choreografien, Gesang, Rhythmus, die Kameraführung und allen voran die Bandmitglieder, die in ihrer makellosen Schönheit ebenfalls fiktiv erscheinen.

Anders als im Video zu „Yellow“, das gänzlich ohne einen einzigen Schnitt auskommt und gerade durch seine Schlichtheit und visuelle Zurückgenommenheit brilliert, das sich die natürliche und emotional aufgeladene Lichtsituation der wenigen Minuten vor dem Sonnenaufgang zunutze macht, kann man BTS’ „DNA“ nur als ein Feuerwerk der Bilder und Farben beschreiben, die sich durch superschnelle Schritte in einer Häufigkeit abwechseln, dass einem schwindelig wird. Dass es sich bei dem Song inhaltlich ebenfalls um ein Liebeslied handelt, ist ihm formal nicht unbedingt anzumerken. 

Doch es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen inhaltlicher und formaler Ebene: Auf beiden findet ein kulturelles Mash-up statt. Wie für die Band üblich, bedienen sie sich verschiedenster Versatzstücke nahezu aller Musikrichtungen von Dance Pop bis Hip Hop. Inhaltlich wird die Freude über eine geglückte Beziehung zum Ausdruck gebracht, der Songtext besteht darin, nun Gründe dafür zu benennen. Fündig wird man in „Schicksal“, „Religion“, „Mathematik“ oder eben der „DNA“. Ein ideologisches Potpourri – und zwar ganz ohne jeden Nihilismus.  

Die kulturelle Hybridität des K-Pops dürfte gewiss mitverantwortlich dafür sein, dass sein Erfolg seit einigen Jahren eine wirklich sehr steile Aufwärtskurve aufweist – da sie weltweit anschlussfähig sind. Das Musikvideo zu DNA erreichte bei seinem Erscheinen 2017 innerhalb von 24 Stunden über 22 Millionen Aufrufe und wurde damit zum meistgesehenen Video einer K-Pop-Band. Innerhalb von 24 Tagen erreichte es über 100 Millionen Aufrufe, mittlerweile hat es fast 1,5 Milliarden.

Mit ihren 50 Millionen Followern (gleich nimmt die Zahlenschlacht ein Ende, versprochen, aber sie gehört im Zeitalter Sozialer Medien nun mal dazu) überragen sie die aktuell 13 Millionen Abonnenten von Coldplay um ein Vielfaches, wobei zu beachten ist, dass sie vor den Spekulationen und schließlich der (für die ARMY von BTS wohl kaum, alle anderen aber doch) überraschenden Bekanntgabe der Kooperation mit der koreanischen Idol-Band deutlich weniger Follower hatten und dieser Zugewinn sich als ein Grund (unter anderen) für die Zusammenarbeit geradezu aufdrängt. 

Anfang des Jahres hatten BTS „Fix You“ von Coldplay bei MTV Unplugged gecovert. Und dieser Auftritt ist atemberaubend und macht erkennbar, in welche völlig neue Welt wir damaligen Coldplay-Fans 2021 eigentlich katapultiert werden. Wenn Jin, Jimin, V, Suga, RM, J-Hope und Jungkook „Fix you“ singen, ist es etwas anders. Schon allein, dass hier sieben beleuchtete Menschen aufgereiht sitzen, lässt sie eine Gemeinschaft verkörpern. Wenn sie ineinander einstimmen, dann wird das Lied ganz weich und sanft und rund – wie auch die tiefen Blicke der sieben BTS-Mitglieder. Anders als Chris Martin, dessen Mimik nicht nur deutlich expressiver, sondern in ihrer Ambivalenz vor allem auch weniger eindeutig war. Er ist sehr viel weniger glatt, bietet mehr Reibungen, an denen man sich emotional stoßen kann. Jin, Jimin, V, Suga, RM, J-Hope und Jungkook erscheinen hingegen liebenswürdig und unschuldig. 

Oft werden das uniformierte Auftreten und die extrem perfekten synchronen Choreografien sowie das makellose Aussehen von BTS hierzulande als befremdlich wahrgenommen. Die Disziplinierung, die sich darin ausdrückt, widerspricht dem Ideal des westlichen Popstars. Und genau dafür steht Coldplay, die natürlich auch professionell und in popkultureller Manier glatt sind – aber immer auch autonom und authentisch sein sollten. 

Hier ist nun eine interessante Veränderung im Starkult zu beobachten, die wohl vor allem mit den Sozialen Medien zu tun hat, ohne die BTS die Grenzen Ostasiens wahrscheinlich nicht so schnell verlassen hätte. Die Frage, ob Stars oder Idols authentisch sind, ist zweitrangig geworden gegenüber dem Wunsch, dass sie Fans und Followern eine Plattform und Anlässe geben, damit diese sich wiederum authentisch zeigen können. Man möchte einem Chris Martin nicht mehr nur zusehen, wie er seine Gefühle artikuliert, und sich bestenfalls hineinversetzen können. Man möchte das Gefühl bekommen, sich einreihen zu können, mitmachen zu können. Man kann aber nicht einfach wie Chris Martin werden – dafür ist er viel zu individuell und autonom. Man kann aber durchaus wie BTS werden, wenn man sich auf eine bestimmte Weise kleidet und stylt, schminkt und die Choreografien einstudiert – um sich damit wiederum auf TikTok, Instagram und Co. zu präsentieren. Nicht nur die kulturelle, sondern auch die geschlechtliche Hybridität, die in das Männerbild der K-Pop-Industrie leicht hineininterpretiert werden kann (ohne dass sie tatsächlich darin angelegt ist) ermöglich das mehr Menschen als jemals zuvor. Auf vielfache Weise stehen BTS also für Inklusion und für Vielfalt – vielleicht ohne es eigens evoziert zu haben. BTS sind mehr als nur Musik: Sie sind eine Bewegung. Sie haben Menschen aller Altersgruppen und Kulturen zusammengebracht, um an einer Erfahrung teilzuhaben, die vom Grundton immer lebensbejahend ist.

Die Demo-Version von „My Universe“, dem gemeinsamen Song von Coldplay und BTS ist ehrlicherweise nicht sehr vielversprechend. Das Zusammenkommen ist, man hätte es schon ahnen können, auf skurrile Weise anachronistisch. „Das ist nicht mehr Coldplay“, lässt ein Kommentator auf YouTube wissen. David Tizzart hat kürzlich ähnliches in der „New Korean Times“ über BTS geschrieben: „The average listener wouldn’t think it was not from a ‚Western‘ artist“. Einzelne Parts stechen positiv hervor, vor allem die Gesangsmomente mit V und Jungkook, doch in der Summe ist es weder ein besonders guter, noch ein besonders schlechter Song. Ernüchternderweise weder Assimilation, noch Clash.