Kein Text zu Corona

Als die Corona-Pandemie ausgebrochen ist und die Welt in einen Stillstand versetzt wurde, Geschäfte und Restaurants und Grenzen geschlossen wurden, die Menschen sich in Quarantäne begaben, die Städte und Länder einem „Lockdown“ oder „Shutdown“ unterlagen, damals, ja damals gab es eine gewisse anfängliche Abenteuerlust. War es nicht auch sehr aufregend, dass nun Dinge geschahen, die man sonst nur aus Actionfilmen kannte? War man nicht plötzlich zum ersten Mal mit einer wirklich existentiellen Bedrohung konfrontiert? Und kroch nicht auch dieses wahnsinnig jungfräuliche Gefühl in einem hoch, dass man dieser Bedrohung mit eigenen Kräften begegnen konnte? Nur ein paar Rollen Klopapier – ok, ein paar mehr – und Essen aus Dosen und schon war man Herrin im eigenen Haus. Fanden wir nicht alle ein wenig Gefallen daran, zu hamstern und zu preppen? Befriedigte uns nicht auch das Gefühl, Kontrolle über das eigene (Über-)Leben zu besitzen? Und ganz im Ernst, ganz unter uns: War das nicht auch ein besonderer, schöner, stiller, sonniger Frühling, der uns die Zeit und die Muße, ja die Legitimation gab, an einem Montagnachmittag, weil ja keiner mehr arbeitete, in den leeren Straßen und Parks, weil ja keiner mehr rausdurfte, spazieren zu gehen? 

War man nicht in diesen sich unendlich lang und ein bisschen wohlig anfühlenden ersten Tagen der Corona-Krise auch ein klein wenig entzückt darüber, wie gut es sich anfühlte, dass der Dauerstress von der einen auf die nächste Sekunde von einem abfiel? War es nicht schockierend, aber gleichermaßen beglückend, dass stündlich Absagen im Postfach eintrafen, sich der Kalender Stückchen für Stückchen lüftete, bis da diese große Leere entstand? Und als man sich dann in dieser Leere umsah, waren da endlich die wirklich wichtigen Dinge im Leben, Gesundheit, der Partner, die Familie, enge Freunde. Und Netflix, Amazon Prime und Spotify. Und Instagram. ENDLICH hatte man einmal in seinem Leben die Befugnis zum Nichtstun, die dann natürlich bedeutete, dass man mehr chattete als sonst, mehr Serien und Filme sah, ja sogar mehr (oder überhaupt einmal) zu Büchern griff! ENDLICH rückte wieder der eigene Stoffwechsel stärker in den Fokus. Denn unter den täglich gleichen Bedingungen konnte man gut analysieren, welches Essen welche Konsequenzen nach sich zog.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich nahm die Situation ausgesprochen ernst. Aber ich misstraute dieser Ernsthaftigkeit auch immer ein bisschen. Diesem Misstrauen, aber natürlich auch den Ängsten vor der realen Bedrohung der Gesundheit und der beruflichen, wirtschaftlichen Existenz, kompensierte man wiederum mit Humor. Was hätten wir nur ohne „Der Postillon“ gemacht? „Wegen Corona: McDonald’s-Mitarbeiter erhalten Anweisung, vorerst nicht mehr in Burger zu spucken“, „Homeoffice: IS-Attentäter sprengt sich in eigener Wohnung in die Luft“, „Immer mehr Jugendliche tragen Atemschutzmasken hinten, weil es cooler aussieht“, oder „Rache ist süß: Wissenschaftlern gelingt es, Fledermaus mit Menschengrippe zu infizieren“.

Wie dankbar wir in diesen ersten Tagen des Lockdown waren, dass es die Sozialen Medien gab. Dort rückte eine Öffentlichkeit, die natürlich eigentlich schon immer die unsrige war, plötzlich viel stärker als solche in das Bewusstsein der Menschen. Konzerte gingen online, Vorträge, Museumsführungen, der Unterricht. Es gab in Sekundenschnelle Apps für eine gemeinsame „Quarantäne-Party“ via Webcam. Aber der gegenseitige Zuspruch war es, der uns berührte. Dass eine Gesellschaft in der Lage war, wahnsinnig zivilisiert und, mehr noch, auf eine mich überraschende Weise solidarisch mit dieser Krise und ihren Mitmenschen umzugehen. Man sprach sich Mut zu und motivierte sich gegenseitig mit Gesten der Hilfeleistung: Der Instagram-Account „Notes of Corona“ sammelte sie, all die Zettel von 14-Jährigen, die älteren „Risikopatienten“ ihre Hilfe anboten, und Bilder von Kuchen, die unaufgefordert vor Wohnungstüren abgestellt wurden.

Selbstredend waren für viele, wahrscheinlich die meisten Menschen die Auswirkungen des Corona-Virus, der Shutdown und die damit verbundenen Konsequenzen aber alles andere als ein abenteuerlustiges Vergnügen. Nicht nur die Angst vor den gesundheitlichen Schäden und wirtschaftlichen Verlusten, auch folgenreiche Nebeneffekte wie Depressionen, Einsamkeit, Überforderung durch gleichzeitiges Home-Office und Home-Schooling, häusliche Gewalt und sehr viel mehr, das im Detail schlicht auch nicht öffentlich diskutiert wurde, machte den Shutdown schnell unerträglich.

Als ‚Gewinner’ (oder sagen wir: zumindest nicht als Verlierer) stellten sich plötzlich jene heraus, die ohnehin viel von Zuhause und notwendigerweise am Computer arbeiteten und mit allerhand technischen Geräten und Finessen ausgestattet waren, die sowieso nie rausgingen, um Freunde zu treffen und Party zu machen, sondern es gewohnt waren, während eines Games über die Webcam soziale Kontakte zu pflegen. Es waren diejenigen, die auch ohne Corona ihre Zeit wenig mit Pflege und Kleidung vertan hatten, die eh nur in Shirt, aber ohne Hose vor dem Laptop saßen. Diejenigen, bei denen sich so oder so Dosenessen und lang haltbares Fast-Food im Vorratsschrank befindet und denen nichts abgeht, wenn sie nicht mit Freunden in einem Restaurant speisen können. Manche outeten oder inszenierten sich nun als Nerds oder ‚Introverts’, und posteten altbekannte Bilder als Memes mit neuen Slogans: „There’s been a Quarantine? I didn’t notice“ oder „Quarantine? I’ve been training for this my entire life!“ oder „When you find out your daily lifestyle is actually called ‚quarantine‘“. Und so weiter. Ich gehörte dazu, auch wenn ich solche Memes grundsätzlich (meistens) nicht poste. 

Es ist nun Ende Mai, und im Rückblick wird offensichtlich: Ich bin trotzdem irgendwie in eine fast zehnwöchige Schockstarre gefallen. Das hört sich schlimmer an, als es ist, ich habe durchaus viel ‚erledigt‘ und gemacht. Aber was soll ich sagen: Mein letzter Beitrag hier war Mitte Februar, und es kommt mir so vor, als sei ich erst gestern mit Sebastian zum Globus gefahren. Nie hätte ich zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass der Globus sich nur kurze Zeit später so ‚ausbreiten‘ würde, emotional, dass er noch sehr viel mehr zum Sinnbild gesellschaftlicher Gefühlslagen werden würde, als wir es damals diskutierten. 

Ich habe darüber nachgedacht, wie ich hier weitermachen soll: Belasse ich es als eine große zehnwöchige Leerstelle und beginne einfach wieder meine Beobachtungen und Projekte zu teilen? Oder schreibe ich einige wenige Zeilen zu ‚Covid-19‘? Und wenn ja: was sollte das sein? Nur so ein kurzes Stimmungsbild aus meiner Sicht, ein netter ‚Befindlichkeitstext‘? oder eine Analyse, zum Beispiel wie sich die Internetkultur durch die Pandemie, die Quarantäne, verändert hat? Wie wichtig der digitale öffentliche Raum geworden ist, und wie umstritten? Über die Ästhetik von für die Öffentlichkeit inszenierten Privaträumen? Wie plötzlich auf Instagram nur noch Live-Videos und kaum noch Storys zu sehen waren – und Influencer, die man sonst eher aus dem Bild kannte, plötzlich in eine Krise gerieten, weil sie sich nun dem Film aussetzen mussten? Über die Bedeutung von Memen und Sinnsprüchen in unsicheren Zeiten? Über Positivität? Über toxische Positivität? 

Ich habe mich dazu entschieden, nichts dergleichen zu machen. Einfach weiterzumachen, als wäre nichts gewesen, käme mir anmaßend vor, für eine ernstzunehmende Analyse bedarf es aber noch ein bisschen an Zeit – und das schreibe ich, obwohl ich mich als Gegenwartsanalytikerin verstehe und normalerweise auch meinen Spaß daran habe, mit der Analyse zugleich ein möglichst genaues Bild vom Jetzt zu zeichnen. Aber ich möchte auch nicht leugnen, dass Gegenwartsanalysen oder -Diagnosen oftmals sehr tendenziös sind, sie gehen immer, mal mehr und mal weniger latent, auch mit der Identifizierung von vermeintlichen ‚Problemen‘ oder ‚Chancen‘ einher. Auch wenn man sich gerade nicht in einer Krise befindet, können manche Diagnosen schon folgenreich und vielleicht auch gefährlich sein. Klar: Es ist weniger konfliktreich, von einer „Netzwerkgesellschaft“ oder dem „Anthropozän“ zu sprechen, als eine „Migrationsgesellschaft“ auszurufen. Befindet man sich nun aber in einer Krise, ist das Beschwören von Problemen oder Chancen ein Spiel mit dem Feuer, das man nicht leichtfertig anfangen sollte – so verheißungsvoll ein solches Abenteuer auch sein mag. Ich werde mich den Themen gewissenhaft widmen, mit etwas Abstand, mit Expertise und in dem Wissen, dass es keine leichte Mission ist, denn – mit Jumanji gesprochen – Affen behindern (ständig) die Expedition.

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