„Marcel Duchamp hat sein Pissoir gemacht, bevor meine Großmutter geboren wurde…“

Künstler sollen, so ein gängiger Anspruch, Haltung zeigen. Das kann eine Haltung zum eigenen Medium sein, eine Haltung zum Verständnis von Kunst oder eine Haltung zur politischen Lage. Gewünscht wird eine innere Grundeinstellung, die ihre Arbeit prägt und die natürlich umgekehrt auch den Betrachtern dabei hilft, ihr Werk zu rezipieren. Einer Haltung kann man sich anschließen oder ihr widersprechen. Man muss sich dazu verhalten – wodurch eine Interaktion entsteht und damit Relevanz erzeugt wird.

Haltung, so scheint mir, wird umso nachdrücklicher eingefordert, wenn gesellschaftliche oder politische Umbrüche diagnostiziert werden. Dann entsteht ein Verlangen nach Bekenntnissen oder zumindest nach einer Partizipation an den jeweiligen Diskursen. Und tatsächlich reagieren Künstler umfassend auf diese Forderung: politische Kunst und Aktionskunst erleben derzeit eine Konjunktur. Mit einer Haltung legt man sich aber auch fest. Die Kehrseite einer zu deutlich ausgeprägten Einstellung kann sein, sich der Freiheit zu berauben unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Und der Freiheit, sich nicht festzulegen. Manchmal kann eine Haltung auch von Intoleranz zeugen.

Für den Katalog zur Ausstellung KONVOI von Annette Schröter und ihrer Meisterklasse habe ich mit Sten Gutglück, Eric Keller, Jonathan Kraus, Stefanie Polar, Robert Rudaz, Martin Schädlich und Soenke Thaden ein Gespräch geführt. Nicht zuletzt, um herauszufinden, welche Haltung sie zu ihrem Medium Malerei, zum Ausstellen und zu ihrer Generation einnehmen. 

Eine Beobachtung möchte ich bereits vorwegnehmen: Die Meisterschüler eint, dass sie Polarisierungen vermeiden. Sie möchten sich nicht festlegen (lassen) auf eine bestimmte Einstellung und vielsichtig bleiben. Doch bewahren sie gerade dadurch Haltung: und zwar in einem anderen Wortsinn – der Gelassenheit.

Das Gespräch gibt es hier als PDF: „Marcel Duchamp hat sein Pissoir gemacht, bevor meine Großmutter geboren wurde…“

Die Ausstellung läuft noch bis zum 22.12.2018 in der Galerie Rothamel in Erfurt.

2 Comments

  1. elinareitere

    Danke, danke, danke!

    Dieser Beitrag passt mir gerade sehr gut zu DOK Leipzig, bzw., hilft beim Weiterdenken!

    Wenn Du Zeit für DOK Leipzig hast, gehe die litauischen Dokumentarfilme schauen! OK, das sage ich aus Verbundenheitsgefühlen zu allen baltischen Ländern, aber das ist auch was, was man in Europa sehr wenig kennt. Und passt auch zum Thema Haltung der Künstler in unterschiedlichen Regimen und Generationen.

    Liebe Grüße,

    e.

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