Facebook-Debatten über Kunst #1

Es spielt sich so einiges ab in den Kommentarspalten der sozialen Medien: Tagtäglich werden unzählige Meinungsbeiträge auf Facebook verfasst, Diskussionen geführt und Debatten angestoßen. Darunter sind sowohl kluge Gedanken als auch abwegige Ideen und emotionaler Irrsinn. Kenner treffen auf Laien, Besserwisser auf Erklärungsbedürftige, Ignoranten auf Schuldbewusste. Manchmal wird ein sinnvolles Gespräch geführt, ein anderes Mal wird alles, was das Internet an Meinungen zu bieten hat, in einen Topf gesteckt und miteinander verrührt. Oft ergibt sich ein faszinierendes digitales Kammerspiel, in der hin und wieder sehr klischeehafte Rollen auf die Bühne treten.

Gerade in der Diskussion über Themen der Kunst, bei denen es so oft keine klaren Definitionen, kein ‚richtig’ oder ‚falsch’, keine Kriterien gibt, entstehen Gesprächsformen besonders ästhetischer Art. In einer neuen Kolumne mit dem Titel „Streitlust“ wird künftig immer zum Ende des Monats ein solches Gespräch hier auf Sofrischsogut erscheinen. Die Gespräche basieren, ähnlich einem Ready Made, auf tatsächlichen Diskussionen im Netz, die allerdings anonymisiert und redigiert werden.

Wie demokratisch ist Kuratieren?

In der ersten Folge von Streitlust geht es um die Frage, wie demokratisch das Kuratieren ist. In der ZEIT hat Stefan Heidenreich vor einigen Monaten dazu aufgefordert, Kuratoren abzuschaffen – das ist der Ausgangsbeitrag der ersten Facebook-Debatte. Wie sehr soll das Publikum, sollen die Bürger am Kuratieren – an der Auswahl von Künstlern und Themen – beteiligt werden? Das war nicht nur ein wichtiges Thema im Jahr 2017, sondern wird es gleichermaßen im Jahr 2018 sein. Sebastian Frenzel hat sich etwa für die Januar-Ausgabe von Monopol ausführlich mit dem Kuratoren-Bashing des zurückliegenden Jahres befasst. Er sieht darin den Wunsch nach Komplexitätsreduktion und eine Sehnsucht nach Verbindlichkeit und Autorität.

Wie sehen das unsere Gesprächspartner auf Facebook?

JOURNALIST 🤓 Schafft die Kuratoren ab! „Kuratieren ist undemokratisch, autoritär und korrupt. Ohne Angabe von Gründen, ohne Diskussion wählen Kuratoren ihre Künstler aus und entscheiden, was wo und wie gezeigt wird. Wie kommt es, dass ausgerechnet in der Kunstwelt, in der doch sonst auf Freiheit so viel Wert gelegt wird, Ausstellungsautokraten derart viel Macht zugebilligt wird?“ – auf Zeit online: http://www.zeit.de/…/ausstellungen-kuratoren-kuenstler-macht

LAIE  🙃 lol

WORTKLAUBER 1 😏 Ich würde sagen, schafft das akademische Kuratieren ab. Harald Szeemann war nie auf einer Schule für Kuratoren.

WORTKLAUBER 2 😝 Schafft die Redakteure ab – „Redigieren ist undemokratisch, autoritär und korrupt…Lasst die Leser partizipieren, demokratisiert das Veröffentlichen!“. Ist das euer Ernst? 😉

KURATORIN 🙅 @ JOURNALIST 🤓 Wenn du sagst, dass wir überflüssig sind und stattdessen das Publikum die Ausstellungen inszenieren soll, dann machst du uns zu ideenlosen Projektleitern. Ich würde sagen, mach es einfach mal vor – und bitte ohne Sponsoren. Kunstwerke und das nötige Kleingeld bringen dann das Publikum oder die Künstler mit. Das darf dann auch gerne C-Ware sein, denn da du ja nicht als Kurator auftrittst, stellt das kein Problem dar. Den vermittelnden Text zur Ausstellung lässt du am Besten von deinen Studenten schreiben.

KURATORIN 🙅 Ich verstehe deine Empörung in Bezug auf Großausstellungen, aber das ist nicht allgemeingültig.

JOURNALIST 🤓 @ KURATORIN 🙅Ausprobieren wäre in der Tat dringend nötig.

KURATORIN 🙅@ JOURNALIST 🤓 Nur zu, wir sind alle sehr gespannt.

JOURNALIST 🤓 @ KURATORIN 🙅 Ich melde mich, sobald ein Museum/Kunstverein sich bei mir meldet & Räume anbietet.

KRITIKER 😡 So einen Unsinn liest man tatsächlich selten. Aber ist ja auch in der ZEIT.

JOURNALIST 🤓 @ KRITIKER 😡 So qualifizierte & gut begründete Kommentare regen immer ungemein zur Diskussion an. 😉

KRITIKER 😡@ JOURNALIST 🤓 Ist doch absurd, darüber zu diskutieren, dass über ästhetische Entscheidungen abgestimmt werden soll. Also auch beim Dirigieren, Inszenieren etc.?! Und: Der Text beginnt mit einer Massendiffamierung: „Kuratieren ist korrupt“. Auch wenn du aus guten schlechten Gründen das Verb benutzt hast – und nicht das Substantiv – ist diese Behauptung eine Unverschämtheit. Aber daran müssen wir uns wohl im bürgerlichen Feuilleton gewöhnen. Die FAZ hat ja vor Wochen schon beleidigend geschrieben, dass Kuratoren „nicht mehr über Kunst reden können“.

JOURNALIST 🤓 @ KRITIKER 😡 Soll das jetzt gut begründet sein?

KÜNSTLERIN🙋 Und was ist, wenn Künstler auch kuratieren?

JOURNALIST 🤓@ KÜNSTLERIN🙋 Dann fallen sie normalerweise in gleiche Falle. Siehe Manifesta.

KRITIKER 😡 @ JOURNALIST 🤓 Die Frage ist eine andere: Wie kann es sein, dass jemand, der offensichtlich von dem Thema, über das er schreibt, keine Ahnung hat, ein solch ellenlangen Unsinn verzapfen darf?

JOURNALIST 🤓 @ KRITIKER 😡 Ich lass das mal so stehen und wende mich anderen Threads zu, bei denen es ums Thema geht.

KRITIKER 😡 @ JOURNALIST 🤓 Es geht darum: 1. Abstimmen über ästhetische Entscheidungen. Viel Spaß beim Diskutieren darüber. 2. Sie diffamieren einen ganzen Berufstand. Warum klagt da eigentlich niemand?

KÜNSTLERIN🙋 @ JOURNALIST 🤓 Ich kuratiere auch Ausstellungen (& auch meine eigenen ;-)). Aber ich denke, es geht darum, wieso es immer wieder nur eine kleine Gruppe gibt, die die Deutungshoheit auf allen „Märkten“ im Kunstbereich hat (akademisch, kommerziell, institutionell, usw.).

DIE KÄMPFERIN 💪 Kuratoren sind in vielen Museen wichtiger und angesehener als Vermittler. Dieses Missverhältnis muss sich umkehren!

KURATORIN 🙅 @ DIE KÄMPFERIN 💪Eine Kuratorin ist/sollte immer auch eine Vermittlerin sein. Ansonsten ist sie einfach nur eine Organisatorin.

HISTORIKER 🤔 Eigentlich geht die Entwicklung in der Kunst einen ähnlichen Weg wie im 19. Jahrhundert – es gibt eine zunehmende Akademisierung und die Bedienung von Eliten. Andererseits gibt es in der Kunst schon seit langem eine andere Entwicklung hin zu partizipatorischen Prozessen, die man auch als demokratisch ansehen könnte – sie werden nur nicht wirklich wahrgenommen. Der Kunstmarkt reduziert Kunstwerke auf ihren Produktcharakter – denn da Ephemeres und Soziales nicht verkäuflich sind, tut sich der Markt mit diesen Formen schwer. Es gibt sie trotzdem – oder vielleicht genau deswegen. Kunst demokratisch zu inszenieren, heißt gerade nicht darüber abzustimmen (da ist Arbeit am Demokratieverständnis gefragt).

JOURNALIST 🤓 @ HISTORIKER 🤔 Stimme zu. Trotzdem sitzen die Kuratoren an einer Stelle, an der eigentlich eine Diskussion stattfinden könnte…

HISTORIKER 🤔 @ JOURNALIST 🤓 Diskussionen finden nicht mehr statt, seit es keine Kunstkritik mehr gibt…

JOURNALIST 🤓 @ HISTORIKER 🤔 Und Kunstkritik gibt’s nicht mehr, seit sie nichts mehr bewirken kann…wegen der Kuratoren (u.a.).

HISTORIKER 🤔 @ JOURNALIST 🤓 Für mich hat das sehr viel mit dieser absoluten Individualisierung zu tun und das Buch „Was ist gute Kunst?“ zeigt genau, wie diese funktioniert. Alle Autoren ergehen sich zuerst darin, dass es ja so toll ist, dass alles möglich ist und es keine Beschränkungen mehr gibt. Im Anschluss liefern sie dann ein sehr genaues Bild, was nach ihrer persönlichen Vorstellung gut oder schlecht ist.

DER SCHLAUMEIER 💁 Aber wer soll die Arbeit der Kuratoren denn sonst machen? Die Sekretärin des Kasseler Bürgermeisters? Künstler haben oft weder die Zeit noch die Qualifikation dazu (mit Ausnahmen). Die Entscheidungsgewalt kann immer korrumpieren – oder auch nicht.

JOURNALIST 🤓 @ DER SCHLAUMEIER 💁 Die Modelle von Kunstvereinen sind gefragt, kollektives Kuratieren muss wiederbelebt werden! Künstlergruppen könnten das machen…und dazu soziale Medien einsetzen.

DIE SKEPTIKERIN 😒 Ich bin keine Kuratorin und habe nichts zu verlieren. Aber ich lebe in einer politischen Demokratie, in der am Schluss abgestimmt wird, und kenne die Tücken des Systems. Echt jetzt: kollektives Entscheiden etc. hat in der Kunst noch nie funktioniert. Hört sich super an, doch in der Realität verderben zu viele Köche den Brei. Immer! Es sei denn, man versteht sich blind. Und selbst wenn es so weit kommen sollte, dass sich so ein Konzept in einer alterna(t)iven Community durchsetzt, sind auch im Kollektiv nie alle gleich. Die, die sich besser vermarkten können, rocken das Ding. Meist sprechen sie hochdeutsch.

JOURNALIST 🤓 @ DIE SKEPTIKERIN 😒 Kuratoren gibt es erst seit 50 Jahren. Die ganze frühe Moderne hatte weniger autokratische Auswahlformate – Künstlerkollektive und öffentliche Debatten. Es ist einfach nicht wahr, dass das nie anders funktioniert hat. Diese Ansicht, dass die Leute zu blöd sind, um mitzubestimmen, wird ja auch mittlerweile politisch zusehend fraglich…

DIE OPTIMISTISCHE 😌 Ich schätze kuratorische Arbeit. Kuratoren können gute Geschichtenerzähler sein, unsere Erfahrungen erweitern oder vertiefen. Eine gute Ausstellung unterhält, überrascht und bildet.

DER PESSIMISTISCHE 😨 Und als nächstes schaffen wir die Künstler ab und demokratisieren das Kunst-Machen! Bitte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Es ist wie auf der Bühne, wo das Regie-Theater sich totläuft: So wird es auch den Kuratoren gehen, bis sie zur Vernunft zurückkehren und SINNVOLLE Shows & Themen präsentieren.

DER PESSIMISTISCHE 😨 Glückwunsch, @ JOURNALIST 🤓, wie die Zahl der Kommentare zeigt. Da haben Sie einen Nerv getroffen. Immerhin.

KRITIKER 😡 @ DER PESSIMISTISCHE 😨 Ja, aber um nichts anderes ging es dem Autor offensichtlich mit seiner Provokation: „Kuratieren ist korrupt“…

DIE ABGEKLÄRTE 😑 Provokation und Populismus – in demokratischen Prozessen werden Leute gewählt und ihnen somit eine Aufgabe übertragen. Ob sie es dann gut oder schlecht machen, ist dahin gestellt. Wenn es nicht mehr möglich ist, über demokratische Prozesse Aufgaben zu übertragen, gibt es keine Demokratie mehr, sondern tatsächlich nur noch populistisches Chaos – das betrifft auch den Bereich Kultur.

DER SCHLAUMEIER 2🙇 Es ist gut, wenn Gewohnheiten infrage gestellt werden! Nur: die Lösungsvorschläge helfen auch nicht weiter, weil dann allein Einschaltquoten und Besucherzahlen zum Regulativ werden. Dinge, die erstmal nicht verstanden werden, laufen damit Gefahr unterzugehen. Ich sehe eher eine BetrachterInnen–Krise, zu denen teilweise auch die KuratorInnen gehören.

JOURNALIST 🤓 @ DER SCHLAUMEIER 2🙇 Es geht erst einmal darum, überhaupt dem Betrachter-Kollektiv (zu dem auch Künstler gehören) eine Stimme zu geben, einen Ort der Auseinandersetzung. Nur so kann es eine Debatte geben, die etwas verändern kann.

KÜNSTLER 😪 Ob Kuratoren oder kollektive Prozesse, ist mir aus Künstlersicht egal. Es langweilt mich jedes Mal einfach wahnsinnig, wenn immer neue Theoretiker darüber entscheiden, welche gesellschaftliche Funktion Kunst haben soll. Sei es Armen Avanessian, der glaubt, die Kunst müsse mithilfe des Spekulativen Realismus von den Kulturwissenschaften befreit werden. Sei es der Hype um die künstlerische Forschung. Oder sei es die Befürchtung, kuratierte Ausstellungen seien zu undemokratisch. Mir kommt das hier vor wie die Kongo-Konferenz. Schaut doch einfach mal genau hin, was das spezifische Wissen/Können ist, das Kunst zu bieten hat, was andere „Fachgebiete“ nicht leisten können.

KÜNSTLER 😪 Ich bin auch oft genervt von der scheinbaren Vorherrschaft der Kuratoren. Aber nicht, weil sie die Kunst meistens als einen Fragesteller zu Themen „über etwas“ implementieren – das Interesse am Erforschen von Themen kennen KünstlerInnen ja selbst und respektieren es daher durchaus. Sondern nur, weil sich die Perspektive der Kuratoren (wie auch anderer Theoretiker) oft gar nicht für Themen interessiert, die die Künstler Community durchaus selbst zu generieren in der Lage ist. Da werden die Arbeiten immer nur abgeklopft auf Sujets hin, die zum eigenen Interesse oder Diskurs passen, alles andere bleibt auf der Strecke.

DIE VERSTÄNDNISVOLLE 🙆 Dass Künstler, die nicht Thema-orientiert arbeiten, benachteiligt sind, finde ich auch. Aber es wird auch von den Städten/Ländern erwartet, dass man Ausstellungen macht, die mit „heutigen Fragestellungen“ verbunden sind, dass die Besucher es als relevant ansehen. Der Druck der Politiker (Geldgeber) führt dazu, dass sich die Kunst auf einmal rechtfertigen soll. Und: Der Beruf des Kurators wird romantisiert. In dem Job geht es auch zum großen Teil darum, die Existenz vom Ausstellungsraum zu verteidigen, die Gelder für die Projekte zu finden, und manchmal auch zu putzen, wenn der Gast gerade seinen Rotwein vor die Tür kippt.

JOURNALIST 🤓@ DIE VERSTÄNDNISVOLLE 🙆 Das ist ja Teil des Problems, dass Kuratoren dann auch noch den falschen Leuten gegenüber verantwortlich sind: nämlich nicht dem Publikum.

DIE ENTSETZE 😱 Ja, aber wenn das Publikum, also der Mainstream, DAS Kriterium ist, wird es keine Kunst mehr geben! Denn die ist ja genau das, was der Mainstream nicht ist!

DER SCHLEICHWERBENDE 🤑 Ich hatte letztes Jahr die Gelegenheit, in München eine Ausstellung zu kuratieren, bei der die Künstler sich den Kurator ausgesucht haben. Es war eine interessante Erfahrung, siehe München TV vom 10.06.2016.

DIE GELANGWEILTE 😴 Der Artikel spricht mir und vielen, die ich kenne, aus der Seele. Künstler brauchen keine Kuratoren, Künstler brauchen Vermittler, die ihre Arbeiten in die richtigen Kontexte stellen, und das sind nicht nur zeitgenössische soziale Zusammenhänge, die durch die Benennung platter Stichworte gesellschaftliche Relevanz erzeugen wollen (Stichwort „Flüchtlingsboot“, gähn). Sondern Kontexte, die darüber hinausgehen… Das beherrschen leider nicht viele Kuratoren.

DER RELATIVIST 🙂 Wie immer liegt die Wahrheit in der Mitte. Der Kurator, der sich und seine Wahrheit gottgleich präsentiert, ist das Übel. Aber kluge Vermittler, die einen Ton setzen, Verbindungen aufspüren, Freiräume schaffen und managen (!), mit den Künstlern ringen und selbstbewusst in der Realität der Kunstwelt auftreten, die brauchen wir mehr denn je. Es gibt halt gute und schlechte Kuratoren.

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