Über unterschiedliche Umgangsformen in Hochkultur und Populärkultur

● Zum Hören des vollständigen Beitrags: Podcast unter dem Text ●

Der neue Beitrag für die Reihe „Hohe Kultur“ ist heute auf dem Blog der Pop-Zeitschrift und dem Merkur erschienen.

Der vollständige Text kann hier oder hier gelesen werden. Auf dieser Seite gibt es einen Auszug:

„Im ersten Beitrag des Kooperationsprojekts von der Pop-Zeitschrift und dem Merkur, hat Thomas Hecken Leitfragen zum Thema „Hohe Kultur“  formuliert. Eine davon war, ob die Unterscheidung von Hochkultur und populärer Kultur – sosehr man ihr auch ein Ende nachsagt und so wenig man noch von ‚hoch‘ oder ‚nieder‘ in Bezug auf Kultur spricht – nicht doch stillschweigend verlängert wird. Zwar signalisiere der Aufstieg von populärer Kultur, dass es keine hohe Kultur im bildungsbürgerlichen Sinne mehr gebe, doch würden noch immer in Kultur- und Kunstorganisationen Urteile gefällt und Auswahlen getroffen.

Es gibt noch ein anderes Indiz dafür, dass die Unterscheidung von ‚high‘ und ‚low‘, ‚hoher‘ und ‚niederer‘ Kultur erhalten geblieben ist. Dieses Indiz spürt man insbesondere im Umgang mit Artefakten auf, im Blick darauf, welche Dimension der kulturellen Produktion verehrt und wie diese Verehrung praktiziert wird. Kurzum: in der Fankultur. Umgekehrt lässt sich am Umgang mit verschiedenen Artefakten sogar ablesen, wann es sich um Populär- und wann um Hochkultur handelt.

Nirgendwo treffen Hochkultur und Populärkultur sowie die dazugehörigen Bewunderer und Fans so stilsicher aufeinander wie jedes Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse. Während üblicherweise in den Hallen 2 bis 4 die Verlage ihre neuen Bücher präsentieren, Autoren interviewt und Lesungen abgehalten werden, findet in Halle 1 die Manga-Comic-Con statt. Dort sorgen allen voran Cosplayer für Aufsehen – Fans, die in aufwändiger Kostümierung ihre liebsten Protagonisten darstellen. Außerdem werden Sammelfiguren, Kuscheltiere, Kartenspiele und vieles mehr verkauft, worauf verschiedenste Comic-Helden abgebildet sind. Beide Teile der Buchmesse sind Ausdruck einer Verehrungskultur – die sich allerdings jeweils ganz anders ausprägt. Auf der einen Seite, in Halle 2 bis 4, zeigt sich die hochkulturelle Verehrungskultur in einem Kult um den Autor als Schöpfer. In Halle 1 ehrt man hingegen weniger die Autoren der Comics und Serien als vielmehr ihre Protagonisten: die Helden der Geschichten, die – möchte man es nüchtern ausdrücken – Produkte (statt der Produzenten).

In diesen gegensätzlichen Kulten drückt sich die Vorstellung aus, Hochkultur nehme das Geistige und Gelehrte ins Blickfeld, woraus sich bis heute das intellektuelle Selbstverständnis speist, während sich Populärkultur mit dem im weitesten Sinne Greifbaren – ob im Materiellen oder im Gedanklichen – abgebe. Dafür steht insbesondere die genieästhetische Beschreibung und Inszenierung des Autors seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, etwa in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ von Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck aus dem Jahr 1797. Dort heißt es: „Die Begeisterungen der Dichter und Künstler sind von jeher der Welt ein großer Anstoß und Gegenstand des Streites gewesen. Die gewöhnlichen Menschen können nicht begreifen, was es damit für eine Bewandtnis habe […]. Sie reden von der Künstlerbegeisterung als von einem Dinge, das sie vor Augen hätten.“ Die „gewöhnlichen Menschen“ interessieren sich also nicht für das Unbegreifliche und Überzeitliche der Kunst (oft im Wortsinn von Hochkultur verwendet), so die beiden Autoren, sondern für die „Dinge, die sie vor Augen haben“ – und das ist in einer Doppeldeutigkeit zu verstehen: was sie (intellektuell) begreifen können und was sie (materiell) greifen können – auch, um damit wiederum selbst tätig zu werden, um zu konsumieren (etwa Merchandise-Produkte) oder sogar zu produzieren (etwa beim Cosplay oder in der Fanart).

[…]

Wo die Unterschiede zwischen ‚hoher Kultur‘ und ‚niederer Kultur‘ liegen, leitet sich also vom Umgang mit den jeweiligen Artefakten ab. Auch wenn es kategoriale Verschiebungen und Grenzauflösungen gegeben hat und man nicht mehr von ‚hoch‘ und ‚nieder‘ spricht, hat sich am Verhalten gegenüber den Artefakten wenig geändert. Zugleich wird das Wissen um das entsprechende Verhalten instrumentalisiert, um gezielt Grenzen aufzubrechen.

Tatsächlich dürfte es ein Beispiel geben, bei dem das auch zu gelingen scheint: die Balloon-Figuren von Jeff Koons. Insbesondere deren Ikone, der Balloon Dog, ist – ob als Designfigur, Poster oder Spardose – längst wieder in die Populärkultur zurückgewandert und wird auch entsprechend verwendet. In die Dose kommt Geld, die Figur landet auf dem Fensterstock, das Poster wird an die Wand gepinnt. Und durch eine Kooperation von Jeff Koons mit Snapchat ist es nun auch möglich, in der Virtual Reality Selfies vor den Balloon-Skulpturen zu machen. Mit vielen Mitteln wird also versucht, Konsum, Interaktion und neue Bildproduktionen anzuregen – mit dem Ziel, das zuvor von der Populärkultur in die Hochkultur transferierte Objekt (indem man es exklusivierte, ins Museum stellte und damit den Umgang verweigerte) wieder zu popularisieren. Und auch hier geht der Weg über den Umgang und Gebrauch: über den Aufbau eines Fan-Verhältnisses.“

 

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