Zurück ins Buffyverse

Wer über Buffy schreibt

Im Haus meiner Familie gab es insgesamt sieben Fernseher. Anders als für die Eltern der meisten Schulkameraden und Kameradinnen war es für meine nie ein Problem, dass meine Schwester und ich fernsahen. Und das taten wir oft, eigentlich immer. Direkt nach der Schule und bis in den Abend hinein. Wir haben einfach alles gesehen, von Talkshows (Arabella, Oliver Geißen usf.) über Gerichtssendungen (Richterin Barbara Salesch u.a.) bis hin zu DIVERSEN Sitcoms und Serien (Wie es mir in den Sinn kommt: Alf, Clarissa (💕), Der Prinz von Bel-Air, Eine schrecklich nette Familie, Eine himmlische Familie, Die Nanny (😍), Roseanne, Full House, Alle unter einem Dach, Wer ist hier der Boss?, Die Bill Cosby Show, Friends (💘), Hör mal wer da hämmert, Sabrina – Total verhext (💫), King of Queens, Alle lieben Raymond, Malcolm Mittendrin, Scrubs – Die Anfänger, Grey’s Anatomy, Die wilden Siebziger, The Big Bang Theory, Wunderbare Jahre, X-Faktor , Buffy im Bann der Dämonen (❤️), Angel – Jäger der Finsternis (❣️), Charmed, Beverly Hills 90210, OC California, Gilmore Girls (✨), Gossip Girl (😎) und und und – jetzt mal ganz abgesehen von den vielen Animes: Sailor Moon, Pokémon, Digimon, Dragenball Z etc. pp., geschweige denn Trickfilm-Serien, Hey Arnold!, Rockos modernes Leben usw. usf.). Manches in vielfacher Wiederholung. Twin Peaks, Sex and the City, Die Simpson und South Park u. a. – die zu dieser Zeit auch im deutschen Fernsehen liefen – habe ich erst später gesehen.

Als ich auszog, um zu studieren, habe ich den Fernseher (und damit den exzessiven Serienkonsum) ein für alle mal aus meiner nunmehr eigenen Wohnung verbannt, weil ich fand, dass mir in der Summe (ich habe sichtlich nicht sehr selektiv ferngesehen, sondern wahllos einfach alles) Vorstellungen von einem guten, schönen, bedeutungs- oder sinnvollen Leben vermittelt wurden, die mir nicht wirklich entsprachen. Bis heute habe ich keinen Fernseher. Allerdings gab es kinox.to (vorher kino.to, wahlweise movie4k.to), ja, und dann Netflix und Amazon Prime. So viel zum Hintergrund derjenigen, die hier gleich über Buffy the Vampire Slayer schreibt und darüber, wie über Buffy geschrieben wurde.

Warum Buffy, jetzt? Auch bei mir geriet Buffy ein wenig in Vergessenheit, obwohl ich den damaligen Schauspielerinnen und Schauspielern auf Instagram folge und beim Anblick von Sarah Michelle Prince, früher Gellar, immer auch ein bisschen an Buffy denken muss. Da die Serie dieses Jahr ihren 20. Geburtstag feiert und Entertainment Weekly zu dem Anlass eine Reunion organisierte, bei der ein Fotoshooting stattfand, posteten plötzlich alle Bilder von dieser nostalgischen Zusammenkunft. Begleitet wurden sie von Fanbeiträgen unter dem Hashtag #BTVS20.

Leider ist die Serie nicht mehr auf Netflix verfügbar, auf Amazon Prime gibt es nur die ersten beiden von insgesamt sieben Staffeln, weshalb sie nicht so oft angesehen werden kann, wie sie bei Verfügbarkeit angesehen werden würde und/oder sollte. Es scheint mir daher vonnöten, kurz daran zu erinnern, wie die Handlung von Buffy und ihr Personal gestaltet ist und wie die Serie beginnt. Zugleich ein Appell, noch ein letztes Mal ein DVD-Set zu bestellen…

Die erste Staffel beginnt damit, dass die 16-jährige Buffy Summers mit ihrer alleinerziehenden Mutter Joyce Summers in die scheinbar typische kalifornische Kleinstadt Sunnydale zieht. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Das Städtchen ist über dem sogenannten Höllenschlund (Hellmouth) gelegen, der Brutstätte aller Mächte der Finsternis. Buffy, auf den ersten Blick ein ‚normales‘, ‚weißes‘, Upper-Middle-Class-Highschool-Mädchen, stellt sich auf den zweiten Blick als eine Vampirjägerin (Slayer) und zugleich als ‚die Auserwählte‘ heraus. („Aus jeder Generation wird ein Mädchen auserwählt. Eine Jägerin, die sich allein dem Kampf gegen Dämonen und Vampire, gegen die Mächte der Finsternis stellen muss.“, erfährt man jedes Mal im Vorspann.) Eigentlich möchte Buffy – und dieses Motiv zieht sich als Geschichte über die Sehnsucht, gesellschaftlichen Idealbildern zu entsprechen, daran aber zu scheitern, in immer wieder abgewandelter Form durch die gesamte Serie – am liebsten ein ganz normales Mädchen sein, das ein ganz normales Leben führt, mit Schule, Sport, Freunden und Jungs. Ein alter (männlicher) Orden, der Rat der Wächter (Watchers Council), erlegt ihr aber die Bürde des Auserwähltseins auf. Daher ist Buffy zunächst auch nicht erfreut, als sie gleich an ihrem ersten Schultag in der Bibliothek ihrem Wächter, Rupert Giles, begegnet. Giles ist jedoch nicht nur ihr Wächter, sondern auch ihr Trainer in Wissen wie Kampftechniken, später enger Freund und Vaterfigur.

Aber auch das ‚Normale‘ hält Einzug in das Leben der mutigen wie einsamen Buffy, nämlich in Gestalt ihrer Freunde: der klugen Außenseiterin, Computerhackerin, und – wie man später miterleben wird – maßlosen Hexe Willow Rosenberg und dem liebe- und humorvollen, zugleich unsicheren Xander Harris – zusammen bilden sie die sogenannte Scooby Gang. Zu viert kämpfen sie gegen das Böse, dabei gibt es immer eine Art Monster der Woche, das den Handlungsanlass für die Folge bietet, sowie das abstrakte Urböse, das in jedem steckt und letztlich unbesiegbar ist.

Andere wichtige Figuren der Eingangs-Staffel seien hier nur erwähnt: Cordelia Chase, nur auf den ersten Blick eine arrogante Schulkönigin; Angel, ein Vampir mit Seele und Buffys erster Freund, zugleich sind die beiden das große Liebespaar der Serie. In den kommenden Staffeln stoßen dann weitere Charaktere hinzu, die ebenfalls nur kurz genannt werden sollen: Daniel Osbourne, genannt Oz, Willows erster Freund und ein Werwolf; Kendra, die zur Jägerin berufen wird, als Buffy für wenige Sekunden tot ist; Faith, die zur Jägerin berufen wird, als Kendra stirbt und im Verlauf der Serie ‚böse‘ wird; Spike, ein sarkastischer, ständig von Liebeskummer angetriebener Vampir, der im Serienverlauf zunächst ‚impotent‘ gemacht wird, indem ihm ein Chip eingesetzt wird, der bei Gewaltausübung Schmerzen auslöst; später erkämpft er sich aus Liebe zu Buffy eine Seele, die beiden sind kurzzeitig ein Paar; Riley Finn, Buffys zweiter Freund, Mitglied einer militärischen „Initiative“, die Dämonen jagt; Tara, eine Hexe und Willows zweite Freundin – die schönste und romantischste, außerdem lesbische Liebesbeziehung der Serie; Dawn, wird als Buffys jüngere Schwester in der fünften Staffel eingeführt, ist aber (anfangs) eigentlich ein mystischer Schlüssel; Anya, eine Ex-Rachedämonin und zwischenzeitlich Xanders Freundin; u.a.

Das intellektuelle Fan-Heft (wissenschaftliche Sammelbände zu Buffy)

Ich bin nicht allein, wenn ich aus einer Liebhaberperspektive über eine der aus meiner Sicht besten und klügsten Serien überhaupt schreibe. Wenn ich das richtig sehe, so wurde über kaum eine Serie von so vielen Intellektuellen mit so viel Emotionalität geschrieben und dies zugleich mitreflektiert. Und das nicht nur im Kontext der von Rhonda V. Wilcox und David Lavery herausgegebenen, seit 2001 publizierten Online-Zeitschrift Slayage (die sich ausschließlich und wissenschaftlich mit Buffy beschäftigt). Mit den sogenannten Buffy Studies ging und geht darüber hinaus der Wunsch einher, die Serie genauso zu studieren und zu erforschen wie Literatur – womit sie einerseits repräsentativ für die Bestrebungen stehen, Popkultur (darunter auch das sogenannte „Quality TV“) wissenschaftlich zu erfassen. Die Autoren und Autorinnen unterscheiden sich aber in ihrem Verhältnis zum Untersuchungsgegenstand von manch anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die sich mit popkulturellen Artefakten auseinandersetzen: Denn sie schreiben häufig (manchmal unbemerkt) aus der Perspektive des Fans. „I had never quite been seduced by a television show before„(1), erzählt Roz Kaveney, eine britische Kulturkritikerin und Herausgeberin des ersten wissenschaftlichen Sammelbandes über Buffy: Reading the Vampire Slayer.

So auch die Autoren und Autorinnen des Sammelbandes Horror als Alltag. Texte zu ‚Buffy the Vampire Slayer’, 2010 herausgegeben von Annika Beckmann, Ruth Hatlapa, Oliver Jelinski und Birgit Ziener. Die Serie sei eines der „schönsten und berührendsten Produkte […], das die Popkultur je hervorgebracht hat“(2) schreiben die Herausgeber*innen im Vorwort. Außerdem sprechen sie von Buffy als einem „ideologiefreien Kunstwerk“(3). In dem Beitrag von Lars Quadfasel bleibt die Fan-Position nicht unreflektiert, wenn er schreibt „Liebe, so heißt es ja schließlich, macht blind; und in Bezug auf die Liebe, die der akademische Betrieb für Buffy entwickelt hat, gilt das zweifelsohne.“(4) Und schließlich eröffnet auch Dietmar Dath seinen Beitrag in demselben Sammelband mit der Behauptung: „[…] was ich daran liebe, darüber könnte ich dickleibige Bände schreiben.“(5) Der Sammelband als intellektuelles Fan-Heft.

Warum Dietmar Dath über Buffy schreibt

Dietmar Dath hatte zu dieser Zeit bereits einen dickleibigen Band (mehr oder weniger, 320 Seiten) über Buffy geschrieben und zwar zum Ende der Serie, 2002 (veröffentlicht 2003): Sie ist wach. Über ein Mädchen, das hilft, schützt und rettet.

Ein fantastisches Buch (zumindest für all jene, die ebenfalls intellektuelle Buffy-Fans sind und zugleich die Fähigkeit besitzen, lange Textpassagen ohne größere Hemmungen bei Bedarf zu überfliegen), nicht nur wegen vieler gescheiter und spitzfindiger Beschreibungen und Beobachtungen, sondern auch deshalb, weil Dath sein eigenes Betroffensein, seine Bewunderung gegenüber der Serie und darüber, was das für den Untersuchungsgegenstand bedeutet, seitenlang thematisiert, Schwärmereien gleichermaßen zulässt – dabei aber keinesfalls an intellektuellem Scharfsinn einbüßt.

Dath ist bekanntermaßen Kritiker von vermeintlicher Objektivität in den Wissenschaften. Egal, ob innerhalb der Natur- oder Kulturwissenschaften. Daher überrascht nicht, wenn er sich über wissenschaftliche Autoren und Autorinnen lustig macht, die beispielsweise Buffy mit Kierkegaard lesen („Erklärt wird wenig: nicht Kierkegaard mit Buffy, nicht Buffy mit Kierkegaard“(6)). Ein „Sandwich“ nennt Dath das: „Warum nicht das, was man weiß, auf das draufpacken, was man mag?“(7);  anders formuliert: „Fernsehen plus Bildung gleich wilde Behauptungen.“(8) In der Rezension eines anderen mittlerweile vielrezipierten Sammelbandes, Fighting the Forces – What’s at stake in Buffy the Vampire Slayer(9), 2002 von den Initiatoren der Buffy Studies – Rhonda V. Wilcox und David Lavery – herausgegeben, spricht Dath von „tranigem Cultural-Studies-Gewäsch und humorlosem Rekonstruktionskram“(10). Er glaubt dem bloßen wissenschaftlichen Interesse am Popgegenstand, an Buffy, nicht. „Solche Kundschafterinnen und Boten der professoralen Gelehrsamkeit […] schreiben dann meist ein Zeug, das mit jeder Zeile verrät – oder unredlich behauptet, also lügt – daß sie nie selber Angst vor dem Alien hatten […].“(11)

Aber Dath – man könnte nun meinen, er schlägt sich ganz auf die Seite der Fans – möchte auch nicht „den viel zu vielen abstoßenden Idioten in Fankreisen recht[]geben, oder auch nur entgegen[]kommen, […] die gelehrte Beschäftigung mit populärer Kunst verbieten möchten und auf Fremdwörter nicht gut (und meistens auch nicht vernünftig deutsch) zu sprechen sind.“(12) Was will Dath also, wie will er über Buffy schreiben? Angemessen, das heißt: nah dran und minus der Verleumdung von Betroffenheit, zugleich aber ohne dabei nur Fan zu sein. „Das Ziel dieses Aufsatzes über Buffy […] ist sehr ehrgeizig: Er soll nur Sätze bringen, die ich für wahr halte.“(13)

Was Dietmar Dath so gut an der ‚Wahrheit‘ gefällt, ist, dass sie ohne den Anspruch auf Objektivität auskommt. Das ist wiederum der Grund, warum Dath so versessen auf Buffy ist: weil es in der Serie immer wieder genau darum geht: die (manchmal partielle) Ausblendung der Objektivität, um zu einem Ziel, um zu einem Sieg zu gelangen. Am eindrücklichsten zeigt sich das in der Folge Normal Again, die auch als Leitfaden für das Dath-Buch fungiert. In Normal Again befindet sich Buffy plötzlich in einer psychiatrischen Anstalt wieder, die das bisherige Dasein als Auserwählte und Jägerin – an dem wir Zuschauer bis dahin (mehrere Staffeln à circa zwanzig 45-min-Folgen) so hingebungsvoll partizipiert haben und an dessen Wahrhaftigkeit trotz Vampiren, Dämonen und übersinnlichen Kräften keinesfalls gezweifelt wurde – als Folge einer psychischen Krankheit darstellt. So klischeehaft dieses Motiv auch klingen mag, es war wirklich ein überraschender Moment, der die Serienlogik und das, was die Serie als ‚wahr‘ und ‚objektiv vorhanden‘ (Vampire etc.) präsentierte, plötzlich mit unserer sonstigen, alltäglichen Vorstellung davon konfrontierte, was wir für logisch und wahrscheinlich halten. Machte es nicht viel mehr Sinn, dass die übersinnlichen Kräfte und Wesen nur reine Fiktion, Einbildung waren? Das fragen sich nicht nur die Zuschauer bei der Folge, sondern auch Buffy innerhalb der Serie. Am Ende wird offengelassen, was wahr ist, Buffy entscheidet sich gegen eine objektive Wahrnehmung und dafür, in jener Welt zu bleiben, die sie persönlich für wahr hält (die Welt der Vampire) – zur großen Erleichterung der Zuschauer.

Wie über Buffy, über Pop, schreiben?

Als ich Buffy das erstemal – und zwar wöchentlich im Fernsehen – gesehen habe, war ich noch ein Kind, und als Kind kann man so einer Serienlogik ganz schön aufsitzen. Man hielt all das, was man gesehen hat, für immer wahrscheinlicher, bis man sich Bücher über Magie und Zauberei kaufte, dann Tarotkarten, und sich schließlich mit seinen kleinen Freunden zum Gläserrücken verabredete und darauf wartete, dass irgendwas heraufbeschworen wird. Aber immer hat man jemandem unterstellt, das Brett absichtlich bewegt zu haben. So richtig wollte man am Ende also doch nicht daran glauben, wenn etwas zu wahr geworden ist. Und klar: Genau das kann einem als Erwachsenen auch bei einem wissenschaftlichen Weltbild passieren.

Als jemand, der schreibt, denkt man viel darüber nach, warum man etwas schreibt. Woher das Bedürfnis, hier auf meinem Blog über eine Fernsehserie zu schreiben, die vor 20 Jahren ausgestrahlt wurde und über die schon so viel geschrieben wurde, dass ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen habe? Man möchte ja auch relevant sein, etwas machen, das von Bedeutung ist, einen Sinn hat. Was soll das, was will ich? Die erste Motivation, wenn man über Popkulturelles schreibt, ist Aufwertung. Man will und man kann leicht beweisen, dass Buffy trotz rundgeföhnter Pony-Frisur und kurzem Rock kein Trash ist, sondern „Quality TV“. Dass es absolut Sinn macht, sie genauso zu studieren wie ein literarisches Werk der Hochkultur. Aber: da sind sich mittlerweile die meisten einig, das wurde schon zu oft, mit zu vielen Pop-Produktionen gemacht (Ok, bei Gossip Girl steht das meines Wissens noch aus).

Das ist auch der Grund dafür, dass in beinahe sämtlichen Aufsätzen im Sammelband Horror als Alltag über mindestens eine Seite erklärt wird, dass niemand noch „ernsthaft […] davon [spricht], dass Kulturindustrie nur Massenbetrug, dagegen Kunst die hohe Weihe“(14) sei, oder dass „[s]ich ernsthaft mit sogenannter trivialer oder Massenkultur zu beschäftigen, […] längst nicht mehr den Ruch des Subversiven [versprüht] […]. Der geisteswissenschaftliche Betrieb fürchtet heutzutage kaum etwas mehr, denn den Ruf, als Hort der Hochkultur zu gelten“(15) – und das gilt heute, sechs Jahre später, umso mehr. Warum sollte man das also immer wieder schreiben? Wenn doch so selbstverständlich ist, dass Popkulturelles genauso wie Hochkulturelles behandelt wird und umgekehrt. Weil die Erklärung des einem zum anderen ein Machtgestus ist (wie jede Auf- oder Abwertung), mit dem man nicht in Verbindung gebracht werden will. Insofern schreibt man sich mit der „ob ‚high‘ oder ‚low‘ spielt doch sowieso keine Rolle mehr“-Formel davon frei. Natürlich spielt das aber sehr wohl noch eine große Rolle, wie ich in gegenwärtigen Gesprächen über Buffy bemerke („Was, Buffy? Diese total ungruselige, dämliche Teenie-Serie aus den 90ern?“).

Nebenbei bemerkt ist ja die Tatsache, dass es sich bei Buffy um eine Horror-Serie handelt – ohne gruselig zu sein –, eine der ersten Indikatoren dafür, dass sie eben nicht typisch ist, dass etwas nicht stimmt. Und durch den umfassenden Sarkasmus und die Selbstironie, der die Serie (besonders stark in den ersten Staffeln) dominiert, wird auch hinreichend gekennzeichnet, dass der fehlende Grusel kein Defizit, sondern gewollt ist. Dass das „Übersinnliche[…] in diesen neuen Pop-Erscheinungen nicht esoterische Spökenkiekerei, sondern wörtlich Über-Sinnliches, also die drastische Übersteigerung von Pubertätsängsten und Sehnsüchten [bedeutet].“(16)

Und was tun?

Was jetzt also tun, mit Buffy, mit Pop? Buffy kann man 1. noch immer ansehen. Und sie ist nach meinem Empfinden genauso empowernd wie vor 20 Jahren. Ganz zurecht bedankt sich Charisma Carpenter (Cordelia) auf ihrem Instagram-Account bei Entertainment Weekly „for honoring and celebrating our little feminist horror show“. Nicht nur, weil Buffy eine weibliche Superheldin ist (die vor Monstern nicht schreiend davonrennt, sondern sich zur Wehr setzt), weil häufiger die Männerfiguren als Lustobjekte vorgeführt werden (Angel ist gefühlt IMMER oberkörperfrei, Spike auch) oder weil die Serie mit dem Sieg über das von dem männlichen Orden auferlegte Schicksal endet, der zugleich die Entstehung einer Art Matriarchat ist (überall auf der Welt können nun unbegrenzt viele Jägerinnen erwachen).

Man kann 2. Buffy-Reaction-Gifs verschicken, ebenso Meme, um an die Schlagkraft der Serie zu erinnern und sie zu aktualisieren. Weil sie nicht nur wichtig ist, sondern auch Kult, und das so bleiben soll. Damit wertet man sie nicht hochkulturell, sondern popkulturell auf, was ganz besonders angemessen ist, weil sie sehr viele Teenager einer Generation – darunter mich – geprägt hat.

Aber sie ist eben auch, 3., historisch. Man denke nur an die unzähligen köstlichen Diskussionen zwischen Giles, dem Bücherwurm und Verächter neuer Medien, und Jenny Calendar. In der achten Folge der ersten Staffel mit dem vielsprechenden Titel I Robot, you Jane (ins Deutsche übersetzt mit Der Computerdämon) wurde die Bibliothek mit einigen Computerplätzen ausgestattet, um damit Neuzugänge zu scannen. Buffy öffnet eine Kiste. „Oh Klasse, ein Buch“, kommentiert sie gespielt gelangweilt ihren Fund. Angewidert bläst sie den Staub vom Buchdeckel („Bäh“) um sich einmal mehr selbstbewusst als unabhängig und randständig von einer Bildungselite zu positionieren.

Immer wieder stellt Buffy in der Serie die Relevanz von Schulwissen und eines etablierten Kanons ironisch infrage. Dem setzt sie Referenzen aus der Popkultur entgegen. (Etwas später in der Folge sagt Buffy zu Giles: “Da ist irgendwas am Kochen, mein Spinnensinn verrät mir das.“ Darauf Giles: „Dein, ähm, Spinnensinn…?“ Und Buffy: „Popkulturanspielung. Tschuldigung.“)

Jedenfalls streiten sich Giles, der dem Zuschauer bereits als Technikskeptiker bekannt ist (er trägt Anzug und Krawatte), und die Informatiklehrerin Jenny Calendar (trägt kurze strubbelige Haare und eine schwarze Lederjacke!) – zu diesem Zeitpunkt noch „Mrs. Calendar“ für Giles, etwas später werden die beiden ein Paar – darüber, was das maßgebende Medium der Zukunft sei. Sie flirten schon ein wenig. Da erhebt ein aggressiver Schüler, Fritz, das Wort: „Das geschriebene Wort ist überholt. Information wird nicht mehr zwischen Buchdeckel gepresst! Sie hat eine neue Form bekommen. Die einzige Realität ist die virtuelle! Wenn Sie nicht online sind, dann sind sie nicht lebensfähig…

Giles und Jenny haben sich daraufhin irritiert angesehen, in einem Moment der romantischen Übereinkunft. Aber – und jetzt komme ich zu einem etwas abrupten Schluss: So sieht es leider aus – wenn sie nicht online sind, dann sind sie nicht lebensfähig. Das gilt auch für die sieben Staffeln Buffy the Vampire Slayer. Und da Buffy, obwohl ich im März eine entsprechende Petition unterschrieben habe, nicht wieder auf Netflix ist, auch nicht in Gänze auf Amazon Prime, muss eben zwischenzeitlich darüber geschrieben werden.

Angel, Buffy, Spike – 20 Jahre später bei der Reunion von Entertainment Weekly
Xander, Willow, Tara, Oz – 20 Jahre später bei der Reunion von Entertainment Weekly

 

Anmerkungen

(1) Roz Kaveney: She saved the world. A lot. In: Dies. (Hrsg.): Reading the Vampire Slayer. An unofficial critical Companion to BUFFY and ANGEL. Tauris & Co Ltd, London/New York 2001, S. 1-37. Hier S. 1.
(2) Annika Beckmann et. al. (Hrsg.): Horror als Alltag. Texte zu „Buffy the Vampire Slayer“. Verbrecher Verlag, Berlin 2010. S. 1o.
(3) Ebd. S. 11.
(4) Lars Quadfasel: Frankfurt School, Sunnydale High. In: Annika Beckmann et. al. (Hrsg.): Horror als Alltag. Texte zu „Buffy the Vampire Slayer“. Verbrecher Verlag, Berlin 2010. S. 55-85. Hier S. 55.
(5) Dietmar Dath: Versuch, „Restless“ zu verstehen. In: Annika Beckmann et. al. (Hrsg.): Horror als Alltag. Texte zu „Buffy the Vampire Slayer“. Verbrecher Verlag, Berlin 2010. S. 107-127. Hier S. 107.
(6) Dietmar Dath: Sie ist wach. Über ein Mädchen, das hilft, schützt und rettet. Impflex Verlag, Berlin 2003. S. 19.
(7) Ebd.
(8) Ebd.
(9) David Lavery, Rhonda V. Wilcox (Hrsg.): Fighting the Forces – What’s at stake in Buffy the Vampire Slayer. Rowman & Littlefield, Lanham 2002.
(10) Dietmar Dath: Folgen einer Fernsehverführung. In: FAZ vom 02.09.2002.
(11) Dath 2003, S. 26.
(12) Ebd.
(13) Ebd. S. 27.
(14) Birgit Ziener: Ideologie, Magie und Praxis in Buffy the Vampire Slayer, Annika Beckmann et. al. (Hrsg.): Horror als Alltag. Texte zu „Buffy the Vampire Slayer“. Verbrecher Verlag, Berlin 2010. S. 85-107. Hier S. 85.
(15) Quadfasel 2002, S. 55.
(16) Barbara Kirchner: Wo Teenager lesbisch sind und Vampire verliebt. In: Dath 2003, S. 311-315. Hier S, 313. (Erstabdruck FAZ vom 03.12.2001)

2 Comments

  1. Frau Traumenit

    Ich bin leider erst recht spät an Buffy geraten, habe die Serie dann aber echt zu schätzen gelernt. Ganz klassisch kann man sich fast in jeder Bücherei übrigens die alten „Buffy“ Staffeln ausleihen, was doch für die Serie irgendwie passend ist^^ Danke für den tollen Beitrag!

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