Materialisierte Bilder | Hybrid Layers im ZKM

Wenn man sich auf Tumblr durch sein Dashboard scrollt, weiß man nie, wann etwas Kunst ist und wann nicht. Man weiß nie, ob dieses Bild, das da in der Timeline auftaucht, ein in den Weiten des Internets von irgendeinem schrägen User aufgespürtes Werbebild für eine Prothese aus Japan ist, oder nicht doch das Werk eines Künstlers, der sich mit humanoider Ästhetik auseinandersetzt. Man weiß nie, ob ein Produzent oder ein Konsument hinter dem Posting steckt. Man weiß nie, ob das Bild selbstgefunden, selbstgemacht oder einfach nur weiterverbreitet wurde. Man weiß nie, ob es Original, Kopie oder eine Spielart von Readymade ist.

Und all das spielt auch überhaupt keine Rolle. Denn die Bilder auf Tumblr sollen ihre Betrachter nicht kunsthistorisch oder kennerschaftlich, sondern ästhetisch und emotional herausfordern. Und das unmittelbar. Denn sonst wird ein entsprechendes Bild beim Scrollen einfach nicht wahrgenommen. Und das ist – entgegen dem ständigen Beschwören einer Bilderflut – überhaupt keine Naturkatastrophe, sondern ein natürlicher und hilfreicher Wahrnehmungsmechanismus, möglicherweise aber sogar eine produktive Herausforderung für Künstler, die testen können, wie sich ihre Arbeiten an so einem Ort bewähren.

Im Ausstellungsraum, im White Cube und unter wenigen und sorgfältig ausgewählten Arbeiten, kommt eine solche Bildbetrachtung natürlich nicht zustande. Zumal es im Kunstraum (und wenn es plötzlich um Werke geht, die man unter dem Label „Post-Internet“ fasst) nur noch wenige Bilder gibt, die einfach an der Wand hängen, ohne installativen Schnickschnack drumherum. So auch in der Ausstellung „Hybrid Layers“ im ZKM, die sich mit künstlerischen Positionen beschäftigt, bei denen die digitale Welt zurück in die analoge überführt werden soll. ‚Versucht‘, weil ein Gelingen keinesfalls vorprogrammiert ist und ‚zurück‘, weil – wie im Begleitheft zur Ausstellung formuliert – „der Fokus der Medienkunst lange Zeit auf der Überführung der analogen Welt in die Digitalität lag“, bevor Künstler begannen, sich der Rücküberführung zu widmen. Zwischenzeitlich hat sich jedoch vieles entwickelt, vor allem ästhetisch, das nicht aus einer Übersetzungsleistung heraus entstanden, sondern als rein digital einzuordnen ist.

Für viele Künstler und Künstlerinnen der Ausstellung ist die Frage nach der Übersetzung des Digitalen in das Analoge allen voran eine Frage nach der Materialität. Sie spielt insbesondere dann eine entscheidende Rolle, wenn die referierte Ästhetik niemals materiell war, sondern rein digital entstanden oder sogar gedacht worden ist. Zum Beispiel diverse digitale Muster oder Collagen. Und es erweist sich als sehr humorvoll, klug und auch elegant, wenn eine solche Digitalästhetik von der deutschen Künstlerin Delia Jürgens in Konstellationen verschiedener Gegenstände übersetzt wird. Und zwar solcher Gegenstände, die man zunächst überhaupt nicht mit dem Digitalen in Verbindung bringt: Baustoffe, Murmeln oder ein Schlafsack. Dass es der Künstlerin tatsächlich gelingt, mit derartigen Gegenständen einen Schmuddel-Look zu umgehen, der sonst vielen Objet Trouvés innewohnt, ist beachtlich. Vielmehr erschafft sie klare, cleane, spiegelnde, transparente, vielschichtige Ensembles, die bezeugen, dass ‚digital‘ auch einen Stil bezeichnen kann.

Delia Jürgens, We thought they are Windows, but actually they are Mirrors, 2017 

Die im ZKM ausgestellte Installation von Jürgens heißt „We thought they are Windows, but actually they are Mirrors“, und man müsste eigentlich ergänzen „but at the end they are windows.“ Denn dass hier so könnerschaftlich der Blick auf die verwendeten Gegenstände, ihre originäre Daseinsform, ihre Funktionen, Kontexte und sogar ihr Aussehen verstellt wird, ermöglicht doch eine ganz neue Perspektive, und ist – sosehr die Täuschung erst einen Spiegeleffekt vermuten lässt – ein Fensterblick in die Gegenwart.

Delia Jürgens, We thought they are Windows, but actually they are Mirrors, 2017

Während Delia Jürgens Bilder materialisiert, die zuvor noch kein assoziiertes Material besaßen und somit erstmals als Objekte auftreten – ihr Original ist digital –, repräsentieren die Bildvorlagen der niederländischen Künstlerin Rachel de Joode klassische Materialien der bildenden Kunst. Indem sie die Bilder von Ton und Haut auf neue und sehr eigene Bildträger transportiert (die zwar zweidimensional sind, dem Betrachter jedoch dreidimensional erscheinen), verleiht sie ihnen eine ganz neue Form und deutet das Potential neuer künstlerischer Medien bereits an, das in der benachbarten Arbeit von Aleksandra Domanović schließlich ganz zum Thema wird.

Rachel De Joode: Here I am and things that exist. Ow! XIV, 2015; links: Image courtesy of the artist and Galerie Christophe Gaillard; rechts: privat

Ihre Installation besteht aus großen bedruckten durchsichtigen Folien, die von der Decke hängen. Auf ihnen sind Skelette, Beckenknochen, Drucker und 3D-Scanner abgebildet. Letzterer ist auch das Medium, mit dem die Ursprungsbilder entstanden sind. Auch hier wurde zunächst etwas Analoges (Skelette etc.) ins Digitale übertragen (mithilfe eines 3D-Scanners) und schließlich wieder in den analogen Raum überführt, indem die 3D-Modelle auf die transparenten Folien gedruckt wurden. Und auch hier geht es darum, Bildern eine Haptik zu verleihen. Das funktioniert nicht zuletzt deshalb sehr gut, weil die Skelette transparente Trenchcoats tragen (Zhoras ikonischen Plastikmantel aus dem Film „Blade Runner“) und damit als einziges Bildmotiv mit genau dem Material umgesetzt sind, das ihnen auch sonst eigen ist.

Aleksandra Domanović, Untitled, 2015

Neben „Blade Runner“ ist noch eine andere Referenz wichtig für die Installation von Domanović: Die früheste bekannte Abbildung einer Druckerei und Buchhandlung, und zwar auf einem 1499 entstandenen Holzschnitt von Matthias Huss. Darauf zieht ein Totentanz durch die Druckerei – eine symbolische Darstellung der Sorge vor den Folgen der damals neuen Medien. Wie auch heute gegenüber dem Internet und der digitalen Kultur beklagte man während der Erfindung des Buchdrucks den Gedächtnisverlust, der mit Büchern einhergehe. Aber Aleksandra Domanović belässt es nicht bei dieser Lesart, sondern kommentiert sie in der Art der Darstellung und in motivischen Details ironisch. Insgesamt zeugt die Arbeit, wie vieles der Post-Internet-Art, von einer gelassenen, kulturoptimistischen Haltung gegenüber neuen Medien. Umso mehr fehlen derartige Positionen – nur nebenbei bemerkt – in einer Ausstellung wie „Luther und die Avantgarde“, die zur gleichen Zeit in Wittenberg, Berlin und Kassel läuft und in der sich unterschiedliche Künstler und Künstlerinnen mit dem Buchdruck auseinandersetzen, dabei jedoch fast immer nur zu kulturpessimistischen Darstellungen gelangen.

Links: Matthias Huss, danse macabre, 1499; rechts: Aleksandra Domanović, Untitled, 2015

An diesen drei von insgesamt 22 sehr sorgfältig inszenierten Arbeiten, die unterschiedliche Positionen darstellen und allesamt eigene Themen bespielen, wird bereits deutlich, dass die Ausstellung wirklich gut kuratiert ist. Und das hat umso mehr Gewicht, als Kuratoren sonst gerade allerorts unter zum Teil heftiger Kritik stehen. „Schafft die Kuratoren ab!“ ist das Resümee eines kürzlich in der ZEIT erschienen Artikels von Stefan Heidenreich, der daraufhin noch auf seinem privaten Facebook-Account erhitzt und ausführlich diskutiert wurde. Dort kamen interessante Ansprüche an Kuratoren zum Vorschein: „I would say against Academic Curating. Harald Szeemann never went to curating school“; „Eine Kuratorin ist/sollte immer auch eine Vermittlerin sein“; Kuratoren sollen „Kunst demokratisch inszenieren“, Kuratoren dürfen nicht zu „individuell“ sein. Zugleich wird suggeriert, diese Ansprüche fänden nirgendwo eine Erfüllung. Anders in der Ausstellung im ZKM: Die vier Kuratoren von „Hybrid Layers“ – Giulia Bini, Sabiha Keyif, Daria Mille und Philipp Ziegler – schaffen es tatsächlich, ihnen gerecht zu werden. Und das, obwohl diese durchaus widersprüchlich sind. Ja, sie machen vorbildliche Arbeit, nicht zuletzt, weil sie (das übrigens auch eine Forderung von Heidenreich) kollektiv kuratiert haben.

So ist eine gut ausgewählte, sehr aktuelle (Themen wie Brexit, Trump und Co.), verständliche, lehrreiche (was heißt Post-Internet?) und ästhetische Ausstellung entstanden. Zwar sehr beschaulich – aber sie ist auch „nur“ als Teaser für ein großangelegtes Ausstellungsprojekt gedacht: „Open Codes. Leben in digitalen Welten“, die für Herbst dieses Jahres geplant ist. Allerdings kommt dieses Projekt – zumindest für das ZKM, das lange als wichtigster Ort für neue Medien und Gegenwartskunst galt – sehr spät, eigentlich zu spät. Etwa in Anbetracht der letzten Berlin-Biennale, die sich bereits ausschließlich der Post-Internet-Kunst gewidmet hat.

Und die Künstler? Es treten sowohl (bekannte als auch weniger bekannte, Frauen und Männer in ausgewogenem Verhältnis) Künstlerpersönlichkeiten, die sich mit persönlichen wie globalen oder politischen Themen beschäftigen, als auch eine Generation – oder besser eine Szene – in ihrer Geschlossenheit auf. Alle Künstler und Künstlerinnen sind in den 1980er Jahren geboren und damit die ersten Vertreter der „Digital Natives“. Sie erzählen Geschichten von ihren Streifzügen durch das Netz, von ihren Erkundungen in 3D- oder Bildbearbeitungsprogrammen, von Virtual Reality Expeditionen. Die meisten von ihnen erzählen es mit Rauminstallationen, Objekten und Videos. Niemand erzählt mit klassischen Bildern an der Wand.

Yuri Pattison, Free Traveller, 2014

Ganz anders Markus Lüpertz, der im Unterschoss ausgestellt wird und an dessen Werken man somit vorbei muss, um in die Post-Internet-Ausstellung zu gelangen. Auch darüber hinaus ist der „Malerfürst“ durch die dominanten Lichthöfe des ZKM stets präsent und bildet einen Kontrast: Der einzelne Schöpfer großformatiger gestischer Bilder auf der einen Seite und die Gruppe der „Digital Natives“ mit ihren Reproduktionen und Mash-Ups auf der anderen Seite. Vor allem aber fällt im Vergleich auf, wie sehr die jeweiligen Stile von ihrer Haltung und ihrem Thema vorgegeben sind. So erscheint es undenkbar, dass Phänomene der Robotik, Virtual Reality oder einfach nur des Social Web im Stil von Markus Lüpertz erarbeitet werden – und vice versa. Aber eigentlich wäre das der nächste Schritt, um die Unzertrennlichkeit von Inhalt und Form, Thema und Stil aufzubrechen, die der Post-Internet-Kunst innewohnt. Dann ließe sich Digitalästhetik von ihren Inhalten emanzipieren und auch der Malerei wieder eine legitime Chance geben, Phänomene der Gegenwart zu beschreiben.

Sophia Al Maria: The Litanyr (Detail), 2016, Collection of the artist; courtesy The Third Line, Dubai
Anne de Vries: Submission, 2016, Mixed Media Installation in »dataspheres« © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Foto: Jonas Zilius
Ed Fornieles: Der Geist: Flesh Feast, 2016, video still, Courtesy of the artist and Arratia Beer, Berlin
Aleksandra Domanović, Untitled (Detail), 2015

Titelbild: Riccardo Benassi: Phonemenology — The Umbrella Paradigm, 2015, © Marica Martella, Dario Frettoli

3 Comments

  1. Lisa

    Hallo Annekathrin Kohout,
    ich lese deinen Blog und auch deine Publikationen (z.B. in der POP-Zeitschrift) sehr gerne. Ich mag deine Themenwahl, deinen Schreibstil und deine Herangehensweisen. Du zeigst mir neue Themen und Perspektiven und inspirierst mich weiter zu denken. Danke dafür!
    Die Frage mag vielleicht etwas komisch sein, aber ich finde deine Vita sehr bewundernswert- du bist noch recht jung und hast schon so viel gemacht, wieviele Stunden hat dein Tag? Du hast Germanistik in Dresden, Kunstwissenschaft und Medientheorie an der HfG Karlsruhe und Fotografie an der HGB Leipzig studiert und das alles bis 2015? Mit 25? Ich bin beeindruckt, will hier aber garnicht schleimen. Meine Frage: Könntest du ein bisschen was über dein (akademisches) Werden erzählen? Über deine Studienwahl, deine Positionierung und Festlegung, die Schwierigkeiten dabei und deine Erfahrungen? Vor allem interessiert mich dein Studium an der HfG. Mich würde auch interessieren, wie dein Arbeitsalltag aussieht, wie entscheidest du dich für Themen, wo arbeitest du und was sind deine Pläne?
    Ich will nicht wie ein kleines Fan-Girl rüberkommen, aber das würde mich wirklich sehr interessieren. Ich selbst bin gerade am ausloten, was ich wie will und überlege ein Studium an der HfG Karlsruhe zu beginnen.
    Entschuldige bitte, ich kann mir denken, dass das hier der falsche Ort für so eine Frage ist. Dein Blog steht natürlich nicht für „persönliche Bejubelungen“ und du schreibst ja selbst auch viel mehr wissenschaftlich-journalistisch als über dich. Trotzdem interessiert es mich sehr, so sehr dass ich, auch wenn ich mir gerade wie eine 13Jährige vorkommen, die ihrem Bibi-Idol schreibt, es einfach versuchen und mich über eine Antwort sehr freuen würde.
    Herzliche Grüße
    Lisa

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    1. Annekathrin Kohout

      Liebe Lisa,

      ich freue mich sehr über deine Nachricht und werde dir auf die hinterlegte Mail-Adresse antworten. Vielleicht wird es aber auch hier im Blog irgendwann einen Beitrag zu den von dir gestellten Fragen geben. Ich werde auf jeden Fall über ein mögliches Format nachdenken!

      Herzlich, Annekathrin

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  2. Lisa

    Liebe Annekathrin,
    vielen Dank für deine nette Antwort! Ich freue mich schon sehr auf deine Mail und natürlich auch auf einen Blogbeitrag, falls du dich für ein solches Format entscheidest!
    Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen!
    Herzlichst,
    Lisa

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