Der Künstler George W. Bush

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Hochschulprofessorin unterhalten und zwar über den „Professionalisierten Künstler“ – einen Text, in dem ich die These aufstelle, dass Kunst immer weniger als Berufung wahrgenommen wird, sondern vielerorts zu einem Beruf geworden ist, den man erlernen und schließlich ausüben kann. Wir haben uns viel über diese Behauptung ausgetauscht, dann bekundete sie mir ihr Bedauern: Viele ihrer Studierenden beschäftigten sich eher mit den Trendthemen in Gesellschaft und Politik, als sich zum Beispiel mit interessanten biografischen Details auseinanderzusetzen. Trendthemen wie etwa der Flüchtlingskrise, in jedem Fall aber solchen, die den Relevanzkriterien von Förderprogrammen entsprächen.

Ein paar Wochen später wurde ich andernorts zum Klassentreffen von Meisterschülern der Malerei eingeladen. Hier bot sich mir ein gegensätzlicher Eindruck: Obwohl die Studenten allesamt figurativ und anspielungsreich malten, verfolgten sie damit keinerlei gesellschaftspolitischen Zweck. Auf Nachfrage stellte sich jedoch heraus, dass es sich bei ihren Arbeiten durchaus um eine Auseinandersetzung mit biografischen Details handelte: Nämlich mit einer Biografie, die nicht von politischen Großereignissen wie Weltkriegen oder der Wende geprägt war.

Vor dem Hintergrund dieser beiden Geschichten – der ersten über die Unmöglichkeit einer ‚biografischen‘ Kunst und der zweiten über die Unmöglichkeit einer politischen Kunst – haben mich die aktuellen Gemälde des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten George W. Bush überrascht wie erfreut. Denn sie sind unabwendbar beides: biografisch und politisch. Publiziert hat er die aktuellen Arbeiten in seinem ersten Bildband: „Portraits of Courage“.

Mehrere Stunden täglich arbeite George W. Bush in seinem Atelier, schreibt seine Frau Laura im Vorwort. Darin skizziert sie auch – mit Augenzwinkern – den künstlerischen Werdegang ihres Mannes, der kurz nach seiner Präsidentschaft zu malen begann: „Jeder Künstler fragt sich, was oder wen er malen soll. Anfänglich spezialisierte sich George auf das Portraitieren unserer Haustiere. Aber sie posierten nicht sehr engagiert und gaben auch sonst kein produktives Feedback. Dann begann er mit Selbstportraits und dachte darüber nach, wer in den vergangenen Jahren einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen hatte.“ Der Untertitel des Buches verrät, wer das ist: „A Commander in Chief’s Tribute to America’s Warriors“. Es sind die Kriegsveteranen. Und zwar jene, die nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in Afghanistan und ab 2003 im Irak stationiert waren – und als deren Oberbefehlshaber George W. Bush fungierte.

Bereits 2014 stellte Bush eine Reihe von Portraits aus. In „The Art of Leadership“ sah man die Gesichter großer Politiker, darunter Angela Merkel und Wladimir Putin. Die Ausstellung sollte seine Rolle in der internationalen Diplomatie reflektieren. In verschiedenen Interviews dieser Zeit verwies Bush auf sein Vorbild, ebenfalls ein malender Politiker: Winston S. Churchill. Und auch dieser kam erst ziemlich spät, im Alter von 40 Jahren, zur Malerei. Schließlich gehörte sie zum bevorzugten Zeitvertreib des englischen Adligen und britischen Premiers. Es war sein Buch „Painting as a Pastime“, das Bush nach eigenen Aussagen zum Malen inspirierte. Darin stellt Churchill unter anderem folgende Analogie auf: “painting is like fighting a battle.” (1)

Links: Landschaftsmalerei von Churchill; rechts: Landschaftsmalerei von Eisenhower.

Vielleicht hat das auch Dwight D. Eisenhower, ebenfalls ein Mann, der seine erste Karriere im Militär machte, so empfunden, als er mit 60 Jahren zu malen anfing. Wie bei Churchill sind auch die meisten seiner Arbeiten Landschaftsgemälde – daneben malte er aber auch das ein oder andere patriotische Portrait. Doch während die künstlerische Betätigung bei Eisenhower nur geringfügig zu einer Vermenschlichung seiner umstrittenen Figur als Präsident geführt haben dürfte – in dem Sinne, als der Wunsch, zu malen, per se bedeuten muss, dass er ein inneres (Gefühls-)Leben besitzt –, scheinen die Bilder von Bush auf den ersten Blick gezielt gegen das Image des Mannes, der den „Krieg gegen den Terror“ angeführt hat, gegen die Formel „Bush Lied, People Died“, anzugehen. Wie sonst könnten die Portraits jener Veteranen, deren Schicksal er selbst zu verantworten hat, verstanden werden? Zumal auch die Erlöse des Buchverkaufs in Bushs Military Service Initiative eingehen, die sich für eine Wiedereingliederung von Veteranen in die Zivilgesellschaft einsetzt.

Diese Bilder wurden 2013 von einem Hacker veröffentlicht.

Als die ersten Gemälde von George W. Bush Anfang 2013 in die Öffentlichkeit gelangt sind – darunter ein Selbstportrait in der Badewanne, das sogleich zum viralen Hit im Internet wurde –, war das nicht gewollt. Der rumänische Hacker Marcel Lazar hatte sich Zugang zu den E-Mail-Konten der Familie verschafft und die Bilder der zum Teil unfertigen Gemälde in einer Nachricht von Bush an seine Schwester entdeckt und veröffentlicht. Daraufhin zogen seine ersten künstlerischen Versuche viel Spott auf sich. Bush hingegen nahm das nicht allzu ernst, er lerne ja noch. Bonnie Flood, seine Lehrerin kommentierte: “His whole heart was in it.” (2) Und wenn man ehrlich ist – zumindest ich habe das schon in Anbetracht seiner ersten Arbeiten so empfunden – haben sie etwas Rührendes in ihrer Unbeholfenheit, die zugleich mit einem gewissen Stolz einhergeht: überhaupt künstlerisch aktiv zu sein.

Natürlich gab es auch Autoren, die Bush wie folgt kritisierten: „No, George W. Bush’s paintings tell us nothing about Iraq.“ (3) Und wenn man nur die Bilder kennen würde, ließe sich nicht von der Hand weisen, dass sie banal zu sein scheinen: politisch wie biografisch. Andererseits jedoch sind sie allesamt Ausdruck privater Leidenschaften, zu denen nun mal Haustiere, Mountainbiking und Golf ebenso zählen wie das Militär. Das erfährt man auf Instagram oder in Interviews.

 

Darüber hinaus vollendet seine künstlerische Karriere – die man spätestens mit diesem Buch auch als solche bezeichnen darf – die Geschichte seiner Biografie zu einer Art Happy End. Die Geschichte eines Mannes, der im Schatten des Vaters und später des Bruders aufgewachsen war, der als Cheerleader und nicht als Mannschaftskapitän eingesetzt wurde, dem man bis heute unterstellt, dass sein Wahlsieg manipuliert und er als Präsident nur eine Marionette war. Der mithilfe einer Lüge über Massenvernichtungswaffen im Irak einen Krieg anzettelte, der überflüssig gewesen wäre. Und vor allem: Der als Persönlichkeit nie ganz ernst genommen wurde.

Eines jedoch war, ist und bleibt unbestritten: Dass Georg W. Bush an das Militär als Selbstverständlichkeit und den Krieg als Maßnahme glaubt. Und dass dieser Glaube aus seiner Sicht eine der größten Leistungen ist, die es gibt. Eine Leistung, die bereits tausende von Soldaten erbracht haben: an das Militär zu glauben, auch wenn man darunter leidet, Freunde und Mitstreiter sterben sieht. Auch wenn man sich selbst dazu entschieden hat. Und auch wenn das Militär in der breiten Öffentlichkeit und den etablierten Medien an Ansehen verliert.

98 Soldaten und Soldatinnen hat Bush portraitiert. Zum Beispiel John Faulkenberry, der in Texas aufgewachsen ist und der Armee beitrat, als er noch zur High School ging. Er sei sich „100 Prozent sicher gewesen, das tun zu wollen“. Nach drei Jahren verlor er sein Bein. Wichtig im Leben ist ihm seine glückliche und gesunde Familie. Das ginge vielen so, schreibt Bush. Auch Bobby Dove verlor im Krieg sein Bein. Doch waren es bei ihm Großvater und Vater, die ihn beeinflusst hatten, zur Armee zu gehen. Bush malt die beiden im Doppelportrait beim Golfspielen.

Besonders in der Resonanz auf das Buch wird der Frust vieler Amerikaner sichtbar, der durch den Ansehensverlust des Militärs entstanden ist. Für die beteiligten Veteranen und alle Soldaten, für die sie Stellvertreter sind, ist dieses Buch wichtig: als ein Medium, das sie wieder in Erscheinung treten lässt. Natürlich zieht es Patrioten an, aber zuallererst ist es ein dankbares und unprätentiöses Buch, das der Bezeichnung „Tribute“ trotzdem alle Ehre macht. Jedem Portraitierten, mit dem sich Bush eigens traf, ist ein persönlicher Text über dessen Geschichte gewidmet. In der Summe hat das Buch eine ähnliche Wirkung wie der Film „Forrest Gump“: Es zeigt das Barbarische des Krieges, Prothesen und leidvolle Blicke, aber auch das im Schicksalhaften Kultivierte, wenn aus den schlimmen Erfahrungen eine Episode in der großen Erzählung des Lebens wird.

Ich habe mich gefragt, ob Malerei hier notwendig ist, oder nicht auch Fotografien ausreichend gewesen wären. Aber tatsächlich besitzt hier die Malerei noch eine Wirkung, die man ihr längst schon abgesprochen hatte: Aufwertung. Zugleich dient sie natürlich auch als Beweis, dass es George W. Bush ernst ist – und das Buch nicht nur ein fader Versuch der „Erlösung“ von seiner (Kriegs-)Schuld darstellt.

Erste Reihe: Portraits von Luc Tuymans; zweite Reihe: Portraits von Marlene Dumas; dritte Reihe: Portraits von Elizabeth Peyton; untere Reihe: Portraits von George W. Bush

Nun könnte man resümieren, dass Bush mit seinen Malereien zu einem vergangenen Kunstverständnis zurückkehrt, in die – übrigens in Amerika noch immer sehr lebendige – Tradition eines banalen Realismus, der am Abbild orientiert ist, am Handwerklichen. Und der im Gegensatz steht zur zeitgenössischen Kunst. Eine Ablehnung dieser stünde zudem ganz in der Tradition konservativer Kritik an Gegenwartskunst. Sind seine Bilder also anti-modernistisch? Schaut man genauer hin, lässt sich kaum abstreiten, dass in seinen Arbeiten auch Strategien der zeitgenössischen Kunst im Spiel sind. Einerseits die Serialität, andererseits das ausgewählt Konzeptionelle, mit dem er an zahlreiche zeitgenössische Künstleransätze zur politischen Porträtmalerei anknüpft. Zu denken wäre hier an Luc Tuymans, Marlene Dumas oder Elizabeth Peyton. Die Portraits von Bush dürfen also durchaus als professionelle Kunst gelten.

„Over the past several months, I’ve painted the portraits of 98 wounded warriors I’ve gotten to know – remarkable men and women who were injured carrying out my orders. I think about them on #VeteransDay and every day“, schreibt George W. Bush auf seinem Instagram Account. Und ob das ernst gemeint ist, oder stilisiert: Die Portrait-Serie gehört zur gelungeneren politischen Kunst dieser Zeit. Was daran liegen dürfte, dass sie zugleich biografisch ist.

 

Anmerkung

(1) Winston S. Churchill, “Thoughts and Adventures: Churchill Reflects on Spies, Cartoons, Flying and the Future”, Painting as a Pastime, ed. James W. Muller (Wilmington, Delaware: Intercollegiate Studies Institute, 2009), S. 323.

(2) http://www.salon.com/2013/03/26/no_george_w_bushs_paintings_tell_us_nothing_about_iraq/

(3) Ebd.

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