Andy Warhol VS Instagram | inter/VIEW

„Andy Warhols Werke nahmen genau jene Diskurse vorweg, die seine Kunst heute unmöglich machen würden“ heißt es in der März 2017- und zugleich Jubiläumsausgabe von inter/VIEW. Tatsächlich werden große Teile seines Werkes gegenwärtig als Filter-Effekte verwendet, andere – etwa Selbstportraits, die aus heutiger Sicht an Selfies erinnern mögen – sind so selbstverständlich geworden, dass man kaum noch rekonstruieren kann, was sie in ihrer Zeit bewirkt und ausgelöst haben. Warhol als Kunst wäre heute unmöglich und Warhol heute würde sich vielleicht etwas anderes ausdenken als Selfies.

Dennoch wird ständig behauptet, Andy Warhol sei der Vordenker von Social-Media-Plattformen wie Instagram. In einem Essay für inter/VIEW frage ich mich, wie es zu der These kommt und ob sie wirklich so richtig sein kann. Ein Ausschnitt:

„Wenn Warhol versuchte, den Alltag festzuhalten, fotografierte er nicht nett dekoriertes Essen, sondern die Klospülung. Und als er seine Polaroidaufnahmen machte, hielten die meisten Menschen Bilder, auf denen nackte Männer zu sehen sind, die sich aneinander reiben, als Frauen verkleiden oder Masken tragen, für verrückt und abstoßend. Mit seinen Bildern hatte Andy Warhol unbekanntes Terrain betreten, und dass er sich dabei an der Ästhetik der Massenmedien und am Hollywoodglamour orientierte, dass er Kunst mit Kommerz gleichsetzte, hat Zuschauer wie Betrachter provoziert.

[…]

Andy Warhol ist mit den glamourösen Filmdiven der 40er- und 50er-Jahre groß geworden. Damals war die Medienwelt noch eine Gegenwelt zum Alltag der Nachkriegszeit, ein Sehnsuchtsort, wo die Ödnis des täglichen und oftmals ärmlichen Lebens in Vergessenheit geraten sollte. Woody Allen reflektiert in seinem Film „The Purple Rose of Cairo“, der in den 30er-Jahren spielt und in dem eine Filmfigur plötzlich aus der Leinwand steigt, über Schein und Sein, Illusion und Realität, die Vor- und Nachteile von Verdrängung. Davon kann heute nicht mehr die Rede sein, hat sich doch der Anspruch endgültig durchgesetzt, in den (sozialen) Medien müsse der Alltag repräsentiert sein – und keine unerreichbaren Ideale, die mehr Frustration über die eigene Unzulänglichkeit hinterlassen als pure Lust am Glamour.

[…]

Erwartete man glamouröse Diven, lieferte Warhol verzerrte Masken. Forderte man Originalität, konterte Warhol mit endlosen Reproduktionen. Wollte man Kunst, gab Warhol banalsten Pop. „Warum soll ich originell sein? Warum kann ich nicht nicht originell sein?“, soll er den Kunstkritiker David Bourdon in den frühen 1960er-Jahren gefragt haben. Seine künstlerische Strategie war immer die Gegenstrategie: Warhol wollte immer das Gegenteil von dem, was Konsens ist. Instagram aber ist: Konsens.“

Der vollständige Essay kann im Magazin oder  jetzt auch online bei inter/VIEW gelesen werden: Hier entlang.

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