„Meine Bilder leben verschiedene Leben“ ◆ Interview mit Signe Pierce

Mit ihrem Film „American Reflexxx“ gelang der New Yorker Künstlerin Signe Pierce der Durchbruch. In Amerika besitzt sie längst „Microfame“, so nennt man dort erfolgreiche Internet-Persönlichkeiten. Seit etwa 2011 ist sie mit „Sleazeburger“ auf Tumblr aktiv und hat dort über 50.000 Fans als Follower. Sie ist Popstar und Künstlerin in einer Person, produziert Poster für ihre Fans – darunter vor allem Teenies – und gleichzeitig Kunstwerke für das Museum.

„My name is Signe Pierce, translated like piercing signs“, stellt sie sich vor. Und ihre Kunst ist wie sie: voller Zeichen, Stereotype und LA-Kitsch. Eine verheißungsvolle Vorstellung im Realen. Und eine, die sich nie verändert, sondern immer wieder neu formiert.

Am 12. Juli traf ich Signe Pierce in Berlin.

Zu einem Interview über Netzkunst, Soziale Medien und die Metamoderne.

Photos © Philipp Baumgarten

Sofrischsogut: Signe, Du lebst in New York, Deine Arbeiten beschäftigten sich aber vor allem mit Los Angeles. Was interessiert Dich an dieser Stadt?

Signe Pierce: Eigentlich bin ich in der Wüste, in Arizona, geboren. Dort lebte ich sechs Jahre lang. Dann zog ich als Kind nach Kalifornien. Und lebte dort für sechs Jahre. Und dann zog ich nach Maryland, lebte auch dort für sechs Jahre. Zum Studium zog ich nach Manhattan. Und lebte dort für sechs Jahre. Nein, sieben. Aber ich habe dieses brennende Bedürfnis, nach Kalifornien zu gehen. Meine Kunst wohnt dort. Ich muss einfach Palmen sehen und Neonlichter. Also ging ich wieder dorthin zurück und es war großartig. Ich liebe LA für all die Gründe, warum es andere verachten. LA hat einen sehr schlechten Ruf. Man hält die Leute für dümmlich. Aber ich mag LA und es inspiriert mich. Denn einerseits gibt es diese stilisierte Traumwelt, andererseits kann es auch sehr schrecklich und gewaltsam sein.
Anfang des Jahres hatte ich dann eine Reihe von Ausstellungen in New York. Es ist so viel passiert in meiner Karriere. Deshalb lebe ich jetzt wieder dort._MG_8141-2

Sofrischsogut: Du machst viel auf Tumblr und hast dort eine große Fangemeinde. Was ist das besondere daran und wie benutzt Du es?

Signe Pierce: Ich habe 2011 begonnen, mich für Tumblr zu interessieren. Damals habe ich an der Kunstakademie in Manhattan Fotografie studiert, mich aber immer mehr mit Performance und dem Internet als künstlerisches Medium beschäftigt. Ich habe auf Tumblr viele andere Fotografen und Künstler verfolgt, die das soziale Netzwerk als eine Art Fernseh-Reality-Show betrieben haben und ihr Leben dort live ausstrahlten. Leute wie Molly Soda, die heute auch eine gute Freundin von mir ist. Aber zu dieser Zeit kannte ich sie noch nicht persönlich. Ich schaute ihr nur zu, folgte ihrem Tumblr, sah, wie sie das Internet als Medium benutzte. Wie sie einfach etwas machte, lebte und für die Kamera performte – jeden Tag. Tumblr scheint mir authentischer und echter zu sein, als einfach ein Portfolio auf der Website hochzuladen. Was ich an Tumblr mag, ist diese fließende Präsentation, die in chronologischer Reihenfolge zeigt, was ich sehe. Es ist wirklich ein Stück von meinem Leben, eine Erweiterung meines Auges. Und genau daran bin ich als Künstlerin interessiert: ich möchte zeigen, was mir passiert und was ich sehe, und all das perfekt aussehen lassen. Ich versuche mein Leben als Kunst zu leben, und Tumblr ist ein guter Ort, um zu erforschen, was ich den Leuten aus meiner Perspektive mitteilen möchte.

Sofrischsogut: Du sagst, Tumblr ist „authentisch“ und „real“. Kann es trotzdem als künstlerisches Medium verwendet werden? Oder ist es doch nur eine Präsentationsfläche?

Signe Pierce: Mich beschäftigt eher, wie der Körper als Leinwand fungieren kann. Ich würde sagen, der Körper ist die Kunst und die sozialen Medien sind die Galerie. Sie sind die Institutionen, zu denen wir gehen können, um uns Kunst anzuschauen.

Sofrischsogut: Das würde bedeuten, es handelt sich lediglich um eine Transformation. Was sonst im analogen Raum passiert, wandert in den digitalen?

Signe Pierce: Ja und nein. Das Thema „Transformation“ ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Was das betrifft, kann „reality art“, wie ich es nenne, auch widersprüchlich sein. Einerseits handelt es sich bei meinen Bildern wirklich um das, was ich sehe. Ich spiele aber auch mit meiner eigenen Wahrnehmung und versuche, die Realität zuzuspitzen, sie zu akzentuieren und damit phantastischer, märchenhafter aussehen zu lassen. Denn das ist meine Perspektive. Wenn ich also von Realität spreche, meine ich eine verstärkte Version von dem, was wirklich ist.

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Sofrischsogut: Eine verstärkte Version der Realität sind auch Stereotype und Kitsch. Welche Rolle spielt Kitsch in Deiner Arbeit?

Signe Pierce: Während meines Studiums habe ich viel über Kitsch nachgedacht. Und dabei bin ich fast durchgedreht. Ich dachte: warum stehe ich so auf diesen Kitsch? Warum ich? Es ist so banal. Und ja, manchmal ist es auch banal. Und ja, ich hatte schon immer ein gutes Gespür für kitschiges Flair, die Farben und schmierige Dinge. Ich habe einmal ein Bild von einem Donut gemacht in dem Dollarscheine stecken – „Cheap Thrills“ – und manche Leute mögen dieses Bild, weil es kitschig ist. Kitsch sells. Aber andere finden das Bild auch interessant, weil sie es als Statement zu dem typischen LA-Kapitalismus ansehen: glänzende Donuts und Geld und bunte Farben sollen Gefühle erzeugen, wo sonst keine wären.
Mir ist also bewusst, dass meine Arbeit kitschig ist. Aber ich bemühe mich auch, über das dahinter verborgene Konzept zu informieren, die Funktionen und Mechanismen. Ich möchte aber auch nicht abstreiten, dass meiner Arbeit auch eine Kitsch-für-Kitsch-Dimension innewohnt. Kunst für die Kunst und Kitsch für den Kitsch. Es macht Spaß und ich persönlich mag ja Humor. Ich mag Kunst, die keine Angst hat, einen zum Lachen zu bringen. Ich muss nicht die ganze Zeit konzeptuell sein.

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Sofrischsogut: In gewisser Weise gehört das auch zu Deinem „Reality Art“-Konzept.

Signe Pierce: Ja, genau! Manchmal ist das Leben kitschig. Manchmal ist es sehr ernst. Und manchmal ist es lustig.

Sofrischsogut: Wie definierst Du „Reality Art“? Was bedeutet dieses Label im Kontext digitaler Kunst?

Signe Pierce: Die meisten definieren mich als Performance-Künstlerin oder Netzkünstlerin. Aber ich würde mich selbst nicht so bezeichnen. Denn mein Medium ist immer die Realität. Manchmal inszeniere ich zwar Bilder im Studio, aber ich bevorzuge es eigentlich, sie auf der Straße zu machen. Mir geht es um die Realität, in der ich mich befinde. „American Reflexxx“ habe ich zum Beispiel auf der Straße performt. Dabei geht es aber nicht um mich als Performance-Künstlerin, sondern um die Reaktionen der anderen, um die gesamte Szene. Ich bin nicht diejenige, die den Film so großartig macht. Sondern es ist die gegenwärtige Realität von jedem um mich herum. Aber ich verehre eben auch das Konzept der Fiktion. Die Welt ist so chaotisch, es passiert so viel – das ist verrückter als jede Fiktion.

Sofrischsogut: Verstehst Du Dich als Post-Internet-Künstlerin?

Signe Pierce: Weißt Du was? Alle sprechen immer von diesem Begriff. Ich erinnere mich noch daran, als Grimes ihr Album „Visions“ herausgebracht hat und es alle für ein Meisterwerk des Post-Internet hielten. Aber was ist das denn, Post-Internet? Wir sind doch nie so sehr im Internet gewesen wie jetzt! Der Begriff soll eine Kunst bezeichnen, die nach dem Internet kommt. Aber ich finde das widersprüchlich. Einen Begriff, den ich aber wirklich großartig finde, ist Metamoderne. Ich kämpfe für die Metamoderne! Hoffentlich findet der Begriff seinen Weg in die Kunstgeschichte. Viele Künstler, die ich kenne, arbeiten mit den Themen der Metamoderne. Alles, was ich gerade über „Reality Art“ und Fiktion erzählt habe, hat mit diesem Konzept zu tun. Auch Marina Abramovics „The Artist is Present“ fand ich metamodern. Es geht immer darum, Linien zu ziehen zwischen dem, was real ist und was nicht, was Kunst ist und was Realität eigentlich ausmacht. Und diese Linien sind immer fließend.

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Sofrischsogut: Was interessiert Dich so sehr an dem Konzept der Metamoderne? 

Signe Pierce: Die Metamoderne ist ein philosophisch-theoretisches Konzept, das sich neben der und in der Umgebung von der Post-Moderne entwickelt hat. Im Grunde leben wir ja schon seit 40-50 Jahren in der Post-Moderne. Nicht nur weil der Begriff ‚Post-Moderne‘ rätselhaft ist, brauchen wir eben etwas Neues, etwas Anderes, um zu beschreiben, wo wir gerade in der Kunstgeschichte stehen. Gerade in Hinblick auf die verschiedenen Rollen, die das Internet und die aufkeimende Singularität für unsere gegenwärtige Wahrnehmung und Realität spielen. Aber ich denke das Konzept beinhaltet auch wichtige Gedanken über das Verhältnis von Ironie und Ernst und verschiedene metaphysische Aspekte der Wahrnehmung. Für mich funktioniert metamoderne Kunst wie ein Möbiusband: es gibt keine Notwendigkeit, etwas zu beginnen oder zu beenden. Es ist ein fließendes Konzept, das sich selbst nach innen und außen bewegt.

Sofrischsogut: Sind auch Deine Arbeiten nicht abgeschlossene Kunstwerke, sprich eine Kunst ohne Werk? Inwieweit verändern sie sich und breiten sich immer weiter aus?

Signe Pierce: Es ist so cool, wenn etwas nicht abgeschlossen ist. Alles kann wachsen und sich immer wieder verändern, wenn man das möchte. So ist das auch mit meinen Fotos. Zuerst lade ich sie auf Instagram hoch, wenn ich sie aber ausdrucke, sitze ich stundenlang vor dem Computer und bearbeite sie mit Photoshop, damit sie perfekt aussehen. Diese Bilder leben verschiedene Leben. Es gibt verschiedene digitale Ausgaben: Die erste Version ist die Instagram-Version. Die zweite Version ist ein bisschen ausgebessert, etwa für Tumblr. Und die dritte Version ist perfekt, zum Ausstellen oder Drucken. Ich finde das wirklich interessant. Die Dinge können immer wieder aktualisiert werden. Wie Tumblr. Das ist sehr relevant in Bezug auf das Internet. Metamoderne Kunst ist wie das Universum: Sie expandiert ständig.

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Sofrischsogut: Arvida Byström, Petra Collins, Molly Soda und Du, Signe Pierce, werden genannt, wenn es um Netzfeminismus geht. Ihr seid zwar kein Kollektiv, aber ihr arbeitet sehr ähnlich. Du sagtest Molly Soda sei Deine Freundin: wie kommt man im Internet zusammen?

Signe Pierce: Ja, Molly ist eine gute Freundin von mir. Ich bin mir nicht sicher, ob sie das weiß, aber sie wird es herausfinden, vielleicht ja durch dieses Interview: Als ich angefangen habe zu studieren, war ich ein riesiger Fan ihrer Arbeit. Mir gefiel es, wie sie ihren Körper benutzt hat und ihn medial präsentierte. Ich habe mit meinen Bildern begonnen, als ich ihre Arbeit gerade entdeckte. Ich war fasziniert, wie sie „Hyperversionen“ ihrer selbst schuf. Sie nahm sich und ihren Körper, spitzte ihn zu und stellte das ganze online – als Unterhaltung. Das ist die Zukunft der Unterhaltung und die Zukunft der Medien. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich nach dem Studium im Metropolitan Museum gearbeitet habe. Es befindet sich dort Kunst aus allen Epochen und jeden Tag machte ich mir existentielle Gedanken über Kunst. Und am Abend, wenn das Museum geschlossen hatte, lief ich weiter durch das Museum und hatte diese unglaubliche Kunstsammlung direkt vor meinen Augen. Das hat mich wirklich berührt. Ich dachte also die ganze Zeit nach. Über Kunst, moderne Kunst, digitale Kunst, Performance-Kunst und ja, ich dachte auch über Mollys Arbeit nach. Als ich eines Tages im Met saß, erhielt ich eine Freundschaftsanfrage von ihr. Und ich dachte nur: „Oh mein Gott! Diese Künstlerin möchte meine Freundin sein!“ Also wurden wir Internet-Freunde. Das Lustige am Internet ist, wenn du Leuten über eine längere Zeit folgst, dann fühlt sich das auf eine merkwürdige Art nach Freundschaft an. Nach Gegenseitigkeit. Wenn man sich gegenseitig folgt und ähnliche Dinge mag und macht – ja, dann denkt man, es sei Freundschaft. Arvida ist auch eine gute Freundin von mir. Molly, Arvida und ich haben gerade eine gemeinsame Ausstellung in England in der Annka Kultys Gallery. Das war eine großartige IRL/URL-Zusammenkunft!

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Sofrischsogut: Du hast blond gefärbtes Haar, manikürte Nägel, trägst kurze Röcke und bei Deinen Performances ziehst Du Dich aus und deutest Selbstbefriedigung an. Welche Rolle spielt Pornografie für Dich? 

Signe Pierce: Ich sagte ja schon, dass LA meine größte Inspiration sei. Auch deshalb, weil dort die beiden größten amerikanischen Exporte herkommen: Hollywoods Unterhaltungsindustrie – das Kino – und Porno. Die Leute zieht es nach Hollywood, weil sie den amerikanischen Traum leben wollen. Sie möchten Schauspieler werden oder irgendwie berühmt. Oft leben sie aber den amerikanischen Albtraum und werden Pornostar. Die Struktur in LA ist so: Auf der einen Seite sind die Hollywood Hills, das ist die glamouröse Seite, wo die Schönen und Reichen leben. Dahinter, im Tal, ist der Porn. Um in dieses Tal zu kommen, musst du aber auch an den Hügeln vorbei gehen. Das ist eine interessante Metapher. Du musst den Glamour sehen, um die Rückseite – die Backside – zu betreten. Der Porn ist insofern der Backstage von Hollywood. Dieser Himmel in der Hölle ist übrigens auch sehr präsent in meiner Arbeit. Sie ist sowohl inspiriert von der glamourösen Seite als auch von der schmierigen, dunklen Seite. Besonders in Bezug auf Weiblichkeit und Sexualität im Allgemeinen: Die Art und Weise, wie Frauen die ganze Zeit als Objekte agieren. Ich mag es, mich selbst als eine Art Archetyp für diese Perspektive und Wahrnehmung zu inszenieren. Aber ehrlich gesagt sind all diese Dinge – Sex, Fantasie, Begierden – auch wirklich ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Zum Beispiel wenn jemand ein Selfie macht. Ist daran irgendetwas pornografisch? Wenn Andere sehen, dass man ein Selfie macht? Ich schätze schon. All das hat mich dazu inspiriert, den Sleazeburger-Tumblr zu machen.

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Sofrischsogut: Und steht das Verwenden weiblich-pornografischer Stereotype im Widerspruch zu feministischen Zielen?

Signe Pierce: Die Leute tun oft so, als seien sie gar nicht an Dingen interessiert, die sie eigentlich interessieren. Weil sie nämlich Angst haben, was andere von ihnen denken. Ich möchte dem aber keine Aufmerksamkeit geben, ich möchte nicht etwas ausblenden, nur weil es von mir erwartet wird. Daher benutze ich gern Fantasie, Begehren, Schönheit oder Sexualität als Möglichkeiten darüber zu sprechen, was man sich eigentlich vorstellt. Was man sich wünscht, dass es wahr wird. Umgekehrt möchte ich aber auch die negativen Aspekte erforschen, die Frauen widerfahren, wenn sie konstant als Objekt angesehen und degradiert werden. Ich mag es, meine Sexualität zu benutzen. Das ist meine Entscheidung. Es geht um Frauen, die ihre Kraft, ihr Geschlecht, ihre Wünsche und ihre Vorstellungen zurückfordern. Das ist es, was „hypergeschlechtliche“ Charaktere machen. Und, was sie durchmachen.

Sofrischsogut: Vielen Dank für das Gespräch!

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