Hilfe, mein Radio lebt! Via Lewandowsky in Leipzig

Dieser Beitrag wurde zuerst auf der ehemaligen Website von art – Das Kunstmagazin veröffentlicht. 

Übersinnliche Phänomene und verlassene Tatorte: Via Lewandowsky inszeniert im Leipziger Museum für Bildende Künste eine Geisterbahn mit weltpolitischem Anspruch.

 

Die erste Folge der Mystery-Serie „Akte X“ von 1993 versammelt ein Potpourri bekannter übersinnlichen Phänomenen: ein Radio macht sich selbstständig, eine Zahlenanzeige auf der Uhr spielt verrückt, es gibt unerklärliche Stromausfälle und Dinge, die sich an Orten befinden, wo man sie nie vermutet hätte. Als die FBI-Agenten Mulder und Scully auf einer Landstraße von einem merkwürdigen Licht geblendet werden, steigt ersterer aus dem Wagen und malt ein großes rotes X auf die Straße. „Was hat das zu bedeuten?“ fragt die nüchterne Wissenschaftlerin Scully. „Ach, vermutlich gar nichts“, antwortet der abergläubische Mulder, nicht ohne ironischen Unterton.

Etwa so könnte sich auch ein Besuchergespräch vor den Arbeiten Via Lewandowskys im Museum für Bildende Künste in Leipzig anhören. Auch dort gibt es sich verselbstständigende Gegenstände wie ein qualmendes Radio, ein wisperndes Megaphon oder einen zuckenden Baseballschläger. Daneben zurückgelassene Tatorte, etwa ein gedeckter, aber abgebrannter Esstisch. Was hat das zu bedeuten? – Vermutlich gar nichts. Und um Vermutungen geht es hier: Überall gibt es Gleichungen mit X, die Fragen offen lassen.

Gruselkabinett mit Zeitschaltuhr

In fünf Räumen ist es der Ausstellung mit dem vielsagenden Titel „Hokus Pokus“ gelungen, auf sehr unterschiedliche Weise Narrationen zu erzeugen. Hierfür wurden Arbeiten Lewandowskys aus den Jahren 1995 bis heute zu kleineren und größeren Inszenierungen gruppiert, die gemeinsam neue und umfangreichere Bildräume ergeben.

Die Ausstellung eröffnet mit einer großen schwarzen Bodenplatte, auf der 18 Objekte auf weißen Galerie-Sockeln arrangiert sind. Es ist eine Bühne, die der Besucher betreten muss, um sich die Arbeiten im Detail anzusehen. Er wird zum Protagonisten eines Spiels, der erschrickt, wenn ein Radio plötzlich zu spielen beginnt und sich gruselt, wenn es so aussieht, als würde sich in einem der Sockel ein Mädchen mit schwarzen Haaren verstecken. Da ist man schnell bei Horrorfilmen wie „The Ring“.

Auch der nächste Raum ist als große Installation zu deuten, die vor allem aus sechs bühnenbildartigen Einbauten besteht. Zur Andeutung von Räumlichkeit dienen Lewandowskys „Schöne Ecken“ von 2006. In ihnen wurden verschiedene Arbeiten zu Interieurs arrangiert, in denen es zu spuken scheint. Überragt werden die Arbeiten von einem schwankenden Hochsitz. Während es im ersten Raum ein Rätsel bleibt, wie den Gegenständen ihre Verselbstständigung möglich ist, sind im zweiten Raum alle Hilfskonstruktionen mit ausgestellt – bis hin zu Verteilern und Zeitschaltuhren.

Weltpolitik und Verschwörungstheorien

Hat die Ausstellung mit Gegenständen und Geschichten begonnen, die sich kulturell einfach verorten ließen – assoziiert man etwa eben noch den Hochsitz mit deutscher Jagdkultur -, geht es im zweiten Teil weltpolitischer zu. Dort befinden sich vor allem Werke, die seit 2013 entanden: ein Zelt, ausrangierte Computer und ein arabischer Schriftzug bezeugen einen globalen Blick und lassen sogar an Verschwörungstheorien größeren Ausmaßes denken.

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So steht dort beispielsweise ein schwarzer Turm aus 43 Paletten mit einem Einschlagloch und dessen Splittern. Im Beiheft, das die Arbeiten durch poetische bis komische Kommentare von Lewandowsky ergänzt, heißt es zwar, dass „Thuja (Ritzeratze)“ an einen Baum erinnern soll, der zur Harzgewinnung angeritzt wurde. Tatsächlich kommt man jedoch kaum umhin, an das vom Flugzeug getroffene World Trade Center zu denken und die Splitter als Trümmer zu deuten. Nicht zuletzt, weil ein leuchtender arabischer Schriftzug in sichtbarer Nähe zum Turm Assoziationen zu den nach 9/11 aufgekommenen Verschwörungstheorien verstärkt. Oder outet man sich bei derartigen Interpretationen vielmehr selbst als Verschwörungstheoretiker? Ach, vermutlich nicht.

Krippenfiguren mit Sprengstoffgürtel

In Kiel wurde der arabische Schriftzug mit dem Titel „Nimbus, Limbus“ mit einer anderen Arbeit kombiniert: „Der Herzensmacher“. Sie zeigt eine Werkbank, auf der offensichtlich erzgebirgische Weihnachtsdekoration aus Holz hergestellt wird. Aus einem kleinen Radio hört man den Verkehrsmelder, was den Glauben erzeugt, der Tisch sei eben erst verlassen worden. Zwar scheint die Szene vertraut zu sein, doch hat man längst begonnen, nach Ungereimtheiten zu fahnden. Und man wird fündig: Die kleinen Krippenfiguren tragen Sprengstoffgürtel um ihre Hüften.

Und doch beschäftigt sich Lewandowsky in seinen Arbeiten deswegen nicht mit Politik im engeren Sinne. Vielmehr interessieren ihn die Bedingungen politischer Diskurse: Welche Art von Glauben und medialen Inszenierungen liegen ihm zugrunde? Welcher Aberglauben? Wie schnell lassen sich Evidenzen erzeugen, einzig indem gefestigte Denkbilder abgerufen werden? Und wodurch werden sie wieder unglaubwürdig, zu „Hokus Pokus“ eben? Der Anspielungsreichtum Lewandowskys ist enorm facettenreich und beschwört immer neue Bilder und Vorstellungen herauf. Die Inszenierung der Räume machen diese Vorstellungen erlebbar. Denn durch sie werden die Arbeiten zu Bühnenbildern und die Besucher zu Protagonisten, die Entdeckungen machen, Bezüge erschließen und diese eigens auf ihre Glaubwürdigkeit hinterfragen.

Der Betrachter als moralische Instanz

In mehrfacher Hinsicht sind die Arbeiten und ihre Präsentation erfrischend. Nicht nur, dass sie – man kann es nicht anders sagen – unterhaltsam sind, vor allem in der dargebotenen Ausstellungsinszenierung. Sie haben zudem auch keinerlei Hang zu übermäßiger Moralisierung. Im Gegenteil: Wo Lewandowskys Arbeiten politisch werden, weisen sie auf den Betrachter zurück, der selbst entscheiden soll, ob die Geschichte wahr ist oder falsch.

Das unterscheidet ihn wesentlich von gegenwärtiger politischer Kunst, die weniger mit Fragen als mit Antworten, weniger mit Entscheidungen als mit Aufforderungen zu tun hat. Hier werden zum Glück keine Bilder von toten Flüchtlingen nachgestellt wie bei Ai Weiwei. Und hier wird auch niemand mit Kleidung beworfen, die in Flüchtlingsheimen abgegeben wurden, wie im Theaterstück „2099“ vom „Zentrum für politische Schönheit.“ Natürlich ist das Thema trotzdem präsent, wie könnte es anders sein, in einer Stadt wie Leipzig, in der jeden Montag die Rechtspopulisten von Legida demonstrieren gehen, während Hubschrauber am Himmel kreisen. In einer Zeit, die mehr denn je nach Verschwörung klingende Wahrheiten in den Medien zutage fördert.

Es muss als Leistung anerkannt werden, dass Lewandowsky all die politischen Assoziationen, die seine Arbeiten durchaus produzieren, gerade bei denen aufkommen lässt, die sie auch empfangen wollen. Kein Zeigefinger und keine ambitionierte Aufklärung. Da wird plötzlich sichtbar, was Kunst im Vergleich zu Politik eigentlich kann. Nämlich auf die Frage nach irher Bedeutung mit einem „Ach, vermutlich gar nichts“ zu antworten – und das ironisch meinen.

 

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