Der große Tumblr-Guide

Ich habe im Moment 19 Tumblr-Blogs. Auf manchen sammle ich Bilder nach Motiven, auf anderen kreiere ich einen spezifischen Humor, übe mich an Ausstellungsformen, befriedige meine Schaulust und exponiere mich selbst oder zumindest Teile von mir, ohne dass es jemand bemerken würde. Denn selbst meine besten Freunde kennen nur einen meiner Tumblr-Blogs und sollen auch nur den einen kennen. Diesen – man kann ihn als ein Foto-Tagebuch beschreiben – gibt es seit 2010. Damals war ich 20 und habe nur wenig eigene Bilder hochgeladen, sondern meistens den anderen beim Posten und Rebloggen zugesehen. Es war – und ist es für mich noch immer – ein aufregendes und unerschöpfliches Chaos. Voller Bilder, die mir imponieren, mich inspirieren und die ich bestaunen oder verachten kann. Und Bilder, deren Existenz ich zuvor wohl nie für möglich gehalten hätte. Zum Beispiel ein Ukrainer, der ein Hakenkreuz turnt. Überhaupt lösen sich hier, im geschützten Raum der Anonymität, kulturelle Grenzen auf wunderbare, manchmal aber auch schockierende Weise auf. Wenn eine Muslima beispielsweise lieber nackte Frauen als verschleierte postet. Oder sich Anime-Trends aus Japan plötzlich unter die 90er Jahre Ästhetik US-amerikanischer Tumblr-Girls mischen. Und ja, natürlich gibt es auch eine ausgeprägte und ebenso unübersichtliche Pornoszene.

Mein bisher erfolgreichstes Tumblr-Bild hat derzeit über 8000 Notes. Auf ihm ist ein Wasserfall in Nahansicht abgebildet. Ich habe mich oft gefragt: warum. Warum dieses – zugegeben etwas langweilige – Bild. Überhaupt frage ich oft nach dem Warum und suche nach einer Ordnung im Chaos. Obwohl ich weiß, dass auf Tumblr am Ende doch immer der Zufall regiert.

Das gefällt mir gut. Auf diese Weise ist Tumblr auch ein Ort, an den man sich nicht satt sehen kann. Ein Ort, der inhaltlich und formal in seiner Vielfalt viele andere soziale Netzwerke oder Blogging-Systeme übertrifft. Tumblr kann für jeden zur unermüdlichen Quelle werden. Man muss sich nur zurechtfinden.

Deshalb gibt es hier meinen persönlichen Guide durch die Tumblr-Welt:

Für Liebhaber von Internet-Kuriositäten 

Tumblr ist ein Kuriositätenkabinett. Wo nicht zensiert wird, kann alles gemacht werden. Die Perlen dieser Kuriositäten sammelt zum Beispiel the-weird-wide-web.  Dort findet eigentlich alles, was das Internet an Absurditäten zu bieten hat, einen Platz.

Aber Tumblr hat auch seinen ganz spezifischen Humor, der nur schwer nachzuvollziehen ist, weil er sich auf kleine situative und oft auch zwischenmenschliche Momente bezieht und weil Tumblr-Blogger darin ihre Sonderstellung in der Social-Media-Landschaft thematisieren. Elspeth Reeve beschreibt das in ihrem fantastischen Longread über Tumblr-Teens.

Solche Tumblr-Blogger charakterisieren sich selbst gern als Nerds. So Meow, der sich als „pokemon master, nintendo freak, crazy cat lady, photomanipulator, computer scientist, britney stan“ vorstellt. Oder Kelley, die sich mit folgendem Zitat beschreibt: „Perhaps one did not want to be loved so much as to be understood.“

Für die Kinder der Neunziger und (New) Feministinnen 

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Tumblr ist auch ein Archiv. Zwar kein so geordnetes wie beispielsweise Pinterest, aber dafür ein überraschendes. Plötzlich siehst du irgendwo dieses Foto der beiden Olsen-Twins und es erwischt dich einfach. So muss sich Roland Barthes gefühlt haben, als er vom punctum gestochen wurde. Auf einmal kommen tiefliegende Erinnerungen an die Oberfläche: Ashley und Mary-Kate in ihrer Rolle in „Full House“. Und dann findet man sich im Kinderzimmer seines Elternhauses wieder und es läuft MTV.

Das passiert zum Beispiel immer wieder auf dem Tumblr von Niki Takesh. Sie hat einen Faible für die Neunziger, Britney Spears und Klapp-Handys und wurde damit zu einer Tumblr-Berühmtheit. Etwa so wie ihre Kolleginnen Petra Collins, Tavi Gevinson oder Signe Pierce.

Für Retro Kids und Liebhaber der Popkultur

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Die 80er. Es ist nicht nur das Jahrzehnt der Superstars – von Michael Jackson, Madonna und co. – sondern auch jenes, in dem der Computer in die Werbewelt Einzug hielt. In den fantastischen Interieur- und Werbebildern von palmandlaser, lässt sich das gut nachvollziehen. Und wer von dieser Bildwelt nicht genug haben kann, der sollte im Anschluss noch kruma und popular sizes besuchen.

Auch im Produktdesign früherer Jahrzehnte ist der Retro-Faktor hoch. Eine umfangreiche Sammlung mit lauter Fundstücken hat B22 Design zusammengestellt.

Von Literatur bis Trickfilmen findet man bei Anachronic Soul eigentlich alles, was die Popkultur zu bieten hat. Hier lohnt sich vor allem das Stöbern auf der Archivseite, denn die Bilder sind nicht immer gut kuratiert.
Schöne und witzige Portraits seiner Lieblingsstars aus den 70ern, 80ern und 90ern gibt es auf vintagesalt. Und alle, die in den 90ern groß geworden sind, erleben auf women oh the 90s echte Flashbacks. (Hashtags anklicken!)

Für Modemädchen

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American Apparel ist ein Klassiker der Mode-Tumblr-Blogs. Relativ früh hat das Label seine Fotografien unter die Bildwelt von Tumblr gemischt. Und die unaufgeregte Kleidung an Frauen, die zwar schön sind, aber längst nicht mehr gängige Ideale repräsentieren, fügt sich noch immer perfekt ein: auch wenn American Apparel außerhalb des Netzes einen rasanten Abstieg hingelegt hat, der Ende 2015 mit der Pleite endete. Dem Tumblr hat man weder Fall noch Neuanfang angesehen.

Der beste Mode-Tumblr den ich kenne, würde man erstmal gar nicht als solchen erkennen. Ikoriza kombiniert ausgefallene (Haute-Couture-)Kleidung virtuos mit Naturaufnahmen, Design, Gifs oder pornografischen Bildern. Manchmal sinnlich, ein anderes Mal bedrückend, aber immer atmosphärisch.

Für Fans von bedeutungsschwangeren Kunstwerken 

Wenn einem Kunst nicht deutlich genug nach viel Bedeutung aussehen kann, dann ist man bei Theories of the deep understanding of things genau richtig. Der Titel bricht ironisch mit seinen Inhalten, die immer dann am interessantesten sind, wenn das deep flat wird und umgekehrt. Am ehesten findet man bedeutungsschwangere Kunstwerke in der zeitgenössischen Kunst. Damit beschäftigt sich zum Beispiel i am walking contradiction oder contemporary art daily.

Für Kunsthistoriker 

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Nie waren Kunstwerke früherer Epochen so gefragt wie heute und auf Tumblr. Hier sind sie endlich keine Werke mehr, vor denen man Ehrfurcht haben muss, sondern einfach nur Bilder – so wie alle anderen auch. Viele solcher Bilder findet man zum Beispiel bei centuriespast oder auf pintoras. Letzterer postet nur Bilder von Künstlerinnen. Auch sehr gefragt sind Detailaufnahmen von Kunstwerken, wie etwa auf dem Tumblr closeup of painting.

Echte Fundstücke aus mittelalterlichen Handschriften bereitet discarding images auf seinem Tumblr in Detailaufnahmen auf. Mit witzigen Bildunterschriften.

Für Kuratoren 

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Auf dem Tumblr La Petite Mort Gallery kuratiert der kanadische Galerist Guy Berube die Arbeiten seiner Künstler unter Fundstücke aus dem Internet. Leicht martialisch, aber oft mit überraschendem Bildmaterial.

Auf I am Curating werden hingegen Ausstellungssituationen animiert. Leider ist der Tumblr nicht mehr sehr aktiv, sodass man gleich ins Jahr 2014 scrollen muss, um die interessanten Gifs zu sehen. Das dauert aber nicht sehr lange.

Eine richtige Tumblr-Ausstellungsplattform betreibt das Marina Abramovic Institute mit MAI+t. Hier bespielt seit 2013 monatlich ein neuer Künstler den Tumblr mit seinem eigenen Bildprogramm.

Für Männer, die Männer lieben

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Und natürlich genauso für Frauen, die sich liebende Männer lieben. Keine Zensur bedeutet zum Glück nicht nur viele Brüste, sondern auch viele Penisse. Die sind vor allem dann gut in Szene gesetzt, wenn sie von homosexuellen Männern gepostet werden. Oft schwanken Tumblr-Blogs wie Tiziano oder Herrensauna atmosphärisch zwischen sinnlich und heftig, intellektuell und trivial.

Für Anhänger des sex-positive feminism 

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Vielleicht ein bisschen zu programmatisch und direkt ist Grrrls in their Underwear. Trotzdem interessant, weil es die populären und wichtigen Bilder der Szene versammelt. Viel intimer und persönlicher ist hingegen Sass and Curves. „Sassy“ ist ganz frei heraus, was ihre sexuellen Vorlieben (BDSM) betrifft und ihre Selbstportraits sind gerade wegen ihrer Kurven so aufregend.

Für Grenzgänger 

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Wem es nicht pornografisch und gewaltsam genug sein kann, hat wahrscheinlich Spaß an Annabelle Hector, die ihrem Namen alle Ehre macht. Und wer seine Schaulust nur schwerlich befriedigen kann ist bei dem ukrainischen Tumblr idiod genau richtig.

P.S.: Wie das bei Tumblr so ist: von dort aus geht es weiter in immer tiefere Gefilde (folgt den Reblogs).

Für Entdecker

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Eine echte Wunderkammer ist das Wunderwarburgnetz. Der Name verweist schon auf eine freie kulturwissenschaftliche Ambition und tatsächlich findet hier jeder, der sich für Wunderkammern oder Ordnungssysteme interessiert, hilfreiches und zum Teil seltenes Material.

Auch Transoptics ist vage im Bereich der wissenschaftlichen Abbildungen angesiedelt. Daneben gibt es aber auch Architektur, alte Gemälde und Fotografien, die in ihrer Konstellation immer wieder neuen Sinn stiften.

Alte – aber auch neue – Illustrationen, Comic-Strips oder Buchcover kann man zum Beispiel auf Sweet the Sound entdecken.

Eine relativ spezielle Fundgrube für Popkultur ist Anachronic Soul. Dort findet man zum Beispiel das japanische „Twin Peaks“-Cover und Gifs aus dem Teenie-Film „Breakfast Club“.

Für Fotografen und Designer

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Es gibt unzählige fantastische Portfolio-Tumblr-Blogs von Fotografen und Designern. Manchmal sind es sogar zu viele. Hierfür zitiere ich gerne Vivian Fu: „Sometimes I look at all the work around me and i’m so inspired and it pushes me to work harder or to try new things and break out of my shell or to make work even if i don’t view it as being “my work” but just to try it and to have fun and not have to think about it. But then other times i’m just like HOLY FUCK WE ARE USING THE SAME CAMERA AND THE SAME FILM HOW DID YOU GET THAT CLARITY HOW THE FUCK DID YOU GET THOSE COLORS OMG I FUCKING HATE YOU.“

Daher verweise ich am besten gleich auf Netzwerke oder Magazin-Seiten. Für Designer gibt es das mortem Network, von dort aus kommt man auf ausgewählte Tumblr-Blogs im Bereich Design, Fashion und Kunst. Zu diesen Themen gibt es auch bei Erik Watier spannende Fundstücke.

Fotografen können sich hingegen auf Wandering Bears oder Aint-Bad Magazine umschauen und dort sogar eigene Bilder einschicken.

Am besten kuratiert jedoch stuff and son enterprises Fotografien, oft auch zusammen mit Musik.

Für Konzeptuelle

 

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Der Tumblr The Leo is all in the mind macht sich den Infinite Scroll zunutze. Bilder werden so arrangiert, dass sie farblich ineinander übergehen. Das wird jedoch erst beim Scrollen erfahrbar. Ein toller Effekt, an dem man sich aber auch schnell satt sieht.

Anders bei dem Tumblr I’m Google, der eine Art „stream-of-consciousness“ darstellt und ein bisschen an frühe Arbeiten von Peter Piller erinnert. Jedes Bild ist auf Google Bilder-Suche verlinkt und zeigt weitere optisch ähnliche Bilder an.

Reblogs or Context is the New Content macht Gifs aus den Screenshots besonders oft rebloggter Bilder. Der Name ist Programm.

Für crazy Internet Girlz & Boyz

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Auf diesen Tumblr-Blogs blinkt und flimmert es fast überall auf dem Bildschirm und die Inhalte sind mit #cyberart, #seapunk oder #vaporwave verschlagwortet. Die Ästhetik von Screenshots, der Benutzeroberfläche aus den Neunzigern, Farben und Typografien aus den Achtzigern, antike Skulpturen und das alles am besten irgendwie freigestellt und zusammen in ein Gif gepackt findet sich zum Beispiel auf den Tumblr-Blogs von Bernietestarossa oder pnged.

Bei awintyyr geht es hingegen fast schon wieder um Malerei, nur digital und animiert.

Ein besonders schön ausgearbeitetes Template hat webdirt.

Und noch ein paar Lieblings-Tumblr  

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Tolles Webdesign, irre Bilder und einen Katzen-Chat hat Handlegs. Wer sich für Food Photography interessiert sollte unbedingt Fooderotic besuchen. Und Clemens Setz gebe ich als Literaturempfehlung ab („The Secret“ übermalt und besser gemacht). Schöne Frauen schaue ich mir auf Visual Ekstasis an und (post-)internet-Art bei Mentalcrusher.

Mit unter den ersten Tumblr-Blogs, denen ich folgte, war Nico Icon und Amalgammaray und ich besuche sie noch immer.

 

Dieser Guide ist zuerst unter dem Titel „Tumblr was my first love“ auf Endemittezwanzig erschienen.

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