Pretty in Pink and Blood

 

Tavi

Als Tavi Gevinson 2008 mit ihrem Blog „Style Rookie“ online ging, ahnte man noch nicht, welcher Erfolg die damals 11-Jährige ereilen würde. „I plan on posting pictures in the future, but for now, I’m just getting started.“ schreibt sie in ihrem ersten Beitrag am 31. März 2008. Es dauert nicht lange, bis Bilder hochgeladen werden. Eines zeigt sie in einem karierten Hemd mit Haarband, posierend in einem Heizungskeller. „My classmates called me a hippie“, schreibt sie zwei Tage später auf ihrem Blog und weiter: „I’m not offended by this. Lately 70’s is a style I’ve been trying to impersonate. But come on kids, if you wanna insult me, come up with something better!“

Bei dem ersten Fotoshooting für ihren Blog „The Style Rookie“ posiert die elfjährige Tavi in einem Heizungskeller. Es ist 2008.

Tavi experimentiert. Sie ist in einer Schauspielgruppe und bekommt vor allem anhand der Kostüme ein gutes Gespür für die Jahrzehnte. Dabei fotografiert sie sich und ihre Freunde in den jeweiligen Bühnenoutfits, fragt sich, ob sie das im Jahr 2008 immer noch tragen würde. Und wenn nicht, was dazu fehlt. Es folgen immer neue Fotoshootings, die Kinder modeln vor der Kamera wie ihre Vorbilder. Das machen viele andere ModebloggerInnen auch. Doch bei Tavi ist mehr Ernst und zugleich mehr Ironie im Spiel. Von Anfang an ist sie professionell: obwohl sie keine eigene Kamera und keinen eigenen Computer hat. Ihre Klamotten sind entweder Kostüme, vintage oder aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter. Sie ist mutig und hat keine Angst vor Peinlichkeiten.

„My clothes are probably the only way for me to seem intellectual. I would never read a book by Freud, and we all know that“ – Tavi schlüpft in verschiedenste Rollen, dabei bemüht sie sich immer, professionell zu sein. (Es ist immer noch 2008)

Immer wieder muss sich Tavi für ihr Alter rechtfertigen. Man traut einer mittlerweile 12-Jährigen weder ein solches Gespür für Mode noch ihren sprachlichen Witz zu. Bloggt da vielleicht ihre Mutter? Nur die Vogue sieht das ganz anders. Nicht mal fünf Monate nach ihrem ersten Blog-Beitrag wird Tavi von Teen Vogue zum „Blogger of the Moment“ gekürt.

Von Beginn an fasziniert Tavi alles Niedliche: pastellene Töne, blumige Muster und mädchenhafte Schnitte. Sie trägt und kommentiert die Sachen aber immer mit Brechungen und kombiniert sie mit einem trockenen Humor, um nicht den Anschein zu erwecken, es handle sich hier lediglich um eine kindliche Neigung.

Sie veröffentlicht Bilder, die sie inspirieren: Lina Scheynius, David Bowie, Tarot-Karten, Hexenkulte, Louis Bourgeois, Cindy Sherman. Sie interessiert sich für das Genre Modefilm und schreibt fiktive Drehbücher für zukünftige Lady Gaga-Musikvideos. Sie bekommt viel Resonanz. Irgendwann sind es so viele Interview-Anfragen, dass sie auf ihrem Blog verkündet, fortan keine mehr anzunehmen. Weder für die Vogue, noch für irgendeinen benachbarten Blog: „I know having a lot of press is helpful if I want to become a designer or stylist when I’m older, but I’m more leaning towards being in a band and then becoming an elementary school teacher. Or a cat, so I can have 9 lives and be everything I want.

2009
2009/10

Ihre Lieblingsband zu dieser Zeit ist „Hole“, eine Grunge-Band, die, nachdem sie 1989 von Courtney Love gegründet und 2002 offiziell aufgelöst wurde, gerade ihre Wiedervereinigung feiert. Hole wurde häufig in die Nähe der „Riot Grrrls“ gerückt, die in den 90er Jahren und als subkulturelle Bewegung in der Punkszene eine neue feministische Welle auslöste. Courtney Love wird zu einem ihrer Vorbilder. Nicht wegen der Drogen oder Affären, sondern wegen allem, was „raw and loud and careless“ an ihr ist. Gleichzeitig gefallen ihr die Teenie-Filme der 80er und 90er Jahre: „Pretty in Pink“, „Breakfast Club“ oder „Clueless“. Außerdem Gwen Stefanie.

Sie stellt Fashionshows vor und ist dabei virtuos, weiss immer eine treffende popkulturelle Referenz. In einer Givenchy-Show erkennt sie die detailreiche Bildwelt von „Jumanji“ wieder.

Die Riot Grrrls, Pretty in Pink, Clueless, Gwen Stefanie, Courtney Love, Virgin Suicide: Tavis Bildwelt
Die Riot Grrrls, Pretty in Pink, Clueless, Gwen Stefanie, Courtney Love, Virgin Suicide: Tavis Bildwelt

Plötzlich trägt Tavi Markenkleidung, die Bilder werden professioneller und sie bekommt Einladungen von Designern wie Karl Lagerfeld und zur New York Fashionweek. Sie ist jetzt 13 Jahre alt, offen und unbeständig, denn sie weiß: „In five years, the iPhone will be Oldy McOldster from Oldsville, Oldesota. And tumblr then will be like xanga now. Who knows where fashion blogging will be. Point is, things are changing.“ Sie rezensiert Modemagazine. Bissig, präzise und voller Ironie. Wenn sie des Frauseins überdrüssig wird, nennt sie sich Thomas und kleidet sich als Mann.

Sie lebt schon früh nach dem Slogen „Girl Power!“ und trägt Sweatshirts mit der Aufschrift „Feminist“. Im Juni 2010 veröffentlicht sie einen Leserbrief an die Frauenzeitschrift „Seventeen“, deren Covertitel „THE PARTY DRUG THAT CAN MAKE YOU FAT & UGLY“ Tavi entsetzt hat: „Pop culture and the media, two things teenagers especially breathe, have quite a bit to do with the way teenage girls are expected to value beauty over all else. You, Seventeen, do too, and you have an influence, so use it.“ Viel lieber liest sie ein Modemagazin aus den 90ern: „Sassy would be needed today.“

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Rookie

Im gleichen Jahr, Tavi ist nun 14 Jahre alt, kündigt sie ein Magazin-Relaunch an, zusammen mit Jane Pratt. Pratt hatte in den 80er Jahren das Printmagazin „Sassy“ gegründet, das 1996 – zufällig dem Geburtsjahr von Tavi – eingestellt wurde. Daraus wird im Jahr darauf das Teenager Online-Magazin „Rookie“. Ohne Pratt, aber mit mehr Selbständigkeit.

Rookie, 2011
Rookie, 2011

Rookie war inhaltlich und formal das Ergebnis der gesammelten Bild- und Textwelt ihres Blogs seit 2008. Es wird (hauptsächlich) von jungen Frauen für junge Frauen – oder besser Mädchen – geschrieben. Sie benutzt ganz selbstverständlich die Teenie-Ästhetik verschiedener Jahrzehnte und Szenen: vom Twiggy- bis Kinderwhore-Style. Darin festgelegte Frauenbilder zu erkennen und als solche zu identifizieren ist nun kein privates Interesse mehr, sondern öffentliches Anliegen.  Sie weiß, dass es nur darauf ankommt, wie man Bilder anwendet, das heißt, sie in entsprechende Kontexte setzt, und bebildert ihre manchmal emotionalen und manchmal überaus trockenen bis zynischen Artikel virtuos.

 

Petra 

Auch Petra Collins war ein Fan von Tavi’s Blog und hatte sich deshalb für die erste Ausgabe des neuen Online-Magazins „Rookie“ mit dem Thema „Beginnings“ beworben. Am 5. September und kurz vor ihrem 18. Geburtstag wurde die erste Fotostrecke veröffentlicht. Sie zeigt schöne Mädchen in ungewöhnlich individuellen Schulmädchen-Uniformen. Fast wirken die Frauen wie ein Hybrid aus früheren Stereotypen. Denn sie sind weder naiv-kindlich, wie etwa Britney Spears in ihrem Musikvideo zu „Baby one more time“, in dem sie ebenfalls eine Schuluniform trägt. Sie sind aber auch nicht sexualisiert oder verrucht, wie einst Courtney Love während ihrer Kinderwhore-Phase.
Bis zu vier Fotoshootings im Monat macht Petra für Rookie, meistens entstehen sie an ihrer eigenen Schule.

Das Schulmädchen als bloßes Stereotyp? Petra Collins fotografiert die Mädchen ohne den männlichen Blick, aber auch ohne Programmatik.
Das Schulmädchen als bloßes Stereotyp? Petra Collins fotografiert die Mädchen ohne den männlichen Blick, aber auch ohne Programmatik.

Tavi kannte Petra bereits, als diese sich bei ihr vorstellte, denn sie war ein Fan von ihrem Tumblr „Girls and Guns“, der etwa ein Jahr zuvor – an einem Sonntag im Mai 2009 – online gestellt wurde. In dieser Zeit arbeitete Petra für Richard Kern, den sie schon länger für seine Art, Frauen abzubilden, bewunderte. Denn immer – egal welcher Statur oder Hautfarbe – sind sie sinnlich schön, ohne geschönt zu sein. Immer ganz nah an der Haut, dem Haar, dem Gesicht und den Brüsten. Immer sexy, gerade weil sie nicht perfekt sind.

Eines der ersten Bilder auf ihrem Tumblr ist deshalb eine Fotografie von Richard Kern: darauf eine nackte Frau, die rauchend im Badezimmer steht und dem Betrachter in die Augen sieht.

Das Badezimmer wird zu einem vielbesuchten Ort. Dort glauben Petra und viele ihrer Kolleginnen, Natürlichkeit und Intimität vorzufinden. Ihre Bilder erinnern an jene, die einst Nan Goldin in Badezimmern und vor Spiegeln geschossen hat. Doch während Nan Goldin in der Intimität das Drama von Bewusstwerdung, die Unentschlossenheit zwischen Authentizität und Inszenierung, ja auch den Ekel fand, möchte Petra ihre Betrachter nicht mit dem Hässlichen oder Ekligen konfrontieren. Anstatt dessen werden die (körperlichen) Befindlichkeiten der Frauen – wie etwa monatliche Blutungen – auf sinnliche und manchmal sogar süße Weise in Szene gesetzt. Denn im Grunde ist ja gar nichts davon eklig, beschämend oder erschreckend. Dass sich die Bilder dabei vielmehr an einer Werbeästhetik orientieren und oft auch der Werbung – etwa für die eigenen Labels – dienen, gehört zum Programm. Längst hat man der kulturpessimistischen Kritik an der Konsumkultur zugunsten eines Glaubens an die Macht der Werbebilder abgeschworen. Und dieser Macht soll sich bedient werden.

Doch nicht nur das Intime, auch jede Inszenierung der Frau beginnt im Badezimmer: nämlich beim Schminken. Petra fotografiert diese Situation immer wieder. Genau wie jene, die ihr vorausgeht: der kritische und überprüfende Blick in den Spiegel.

Links: Petra Collins; rechts: Nan Goldin.
Links: Petra Collins; rechts: Nan Goldin.

The Ardorous: Pretty in Pink

2011 arbeitet Petra gerade seit einem Jahr für Rookie. Das Magazin hat sich als ein produktives Netzwerk erwiesen, Autorinnen und Fotografinnen unterstützen sich dort gegenseitig und finden damit Gehör. Sie gründet „The Ardorous“ – eine Online-Plattform, die sie als Netzwerk für Fotografinnen, Illustratorinnen, Stylistinnen und Models etablieren will. Als einen Ort, an dem man sich durch gegenseitigen Support bestärken kann und soll.

Gerade bei den Fotografinnen entwickelt sich zusehends eine eigene Ästhetik, die zu einem visuellen Sprachrohr der sogenannten „New Feminism Wave“ wird. Wie bei Richard Kern sind die Mädchen auf den Bildern der Ardorous-Fotografinnen natürlich und süß. Sie tragen bonbonfarbige Unterwäsche und haben samtig weiche Haut. Nicht immer glatt, manchmal sogar pickelig. Das Licht ist warm, die Farben pastellen und die Einblicke intim. Manchmal flackern bunte Lichter auf ihrer Haut, manchmal sind sie mit Glitzer oder Stickern beklebt.

Bilder einer „New Feminism Wave“

Die Fotografinnen, darunter auch Maya Fuhr oder Mayan Toledano, sind Frauen, in deren Märchen zwar keine Aschenputtel oder Hausfrauen vorkamen, dafür aber die Stereotype aus den Teenie-Filmen der 80er Jahre und die Pussycat Dolls der 90er. Frauen, wie Tavi und Petra. Sie sind mit dem Internet aufgewachsen und haben so ständig und uneingeschränkt alle Bilder vor Augen gehabt, denen sie jetzt ein neues Antlitz verleihen wollen. Alte wie neue Filme und Bilder waren für sie schon immer ganz einfach auf YouTube oder Tumblr zu finden. Der Austausch mit Gleichgesinnten jeden Alters und jeder Herkunft ist ihnen selbstverständlich. Das Herstellen von Bezügen und Zusammenhängen aus dem Material, was im Internet zur Verfügung gestellt ist, war ihnen seit jeher ein geläufiges Handwerk. Und Netzwerke sind für all das eine Voraussetzung, gerade für die „New Feminism Wave“ – oder auch „Emanzipation 2.0“ genannt.

2011 initiiert und kuratiert Petra die erste Ausstellung für die Ardorous-Künstlerinnen. Sie heißt „In Bloom“ und referiert einen Liedtext von Nirvana, in dem Genitalien und die Pubertät besungen werden. Auch hier geht es um den Bruch, der entsteht, wenn rosafarbene Slips auf Kurt Cobain treffen. Und wenn hinter dem Slip, auf der jugendlichen Haut, winzige oder wuchtige Schamhaare hervorlugen.

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New Feminism Wave

Zwei Jahre später veröffentlicht Petra Collins auf ihrem Tumblr ein T-Shirt, auf dem eine behaarte, menstruierende Vagina während der Masturbation abgebildet ist und löst damit zum Teil schockierende Reaktionen aus. Für viele war der Anblick – obwohl es sich dabei nur um eine Aquarellzeichnung handelte – abartig und geschmacklos. Für Petra bestätigte sich, dass der Anblick von weiblicher Intimbehaarung oder ihrer Menstruation noch immer tabuisiert war. Andere Kritiker empfanden das Motiv als langweilig: wieviele Feministinnen waren damit schon hausieren gegangen? In der deutschen Medienlandschaft erinnert man an Charlotte Roche.

Gleichzeitig lobte man den Mut zur Hässlichkeit. Leider stellte dieser Fürspruch selbst wieder eine Diskreditierung dar. Zudem resultierte aus ihm eine neue Kritik, die sich an die dargestellten Frauen richten sollte: zu schön und zu glatt seien die Protagonistinnen auf den Bildern von Petra und ihren Kolleginnen.
Dabei geht es ihnen gerade darum, sonst als unästhetisch wahrgenommene Körper oder Genitalien so zu präsentieren, dass sie endlich als schön anerkannt werden können.

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Von links: Arvida Bystrom, Arvida Bystrom, Rhiannon Schneidern & Petra Collins (das Bild, das zur Löschung ihres Instagram-Accounts führte)

Es ist nicht leicht, die Position der „New Feminism Wave“ zu bestimmen. Sie reihen sich nicht ein in die gängigen Diskurse, beziehen keine Stellung zu männlichen Machtstrukturen, der Gleichstellung in Beruf oder Bezahlung. Sie kritisieren auch nicht das Warensystem, identifizieren sich hingegen ungehemmt mit Produkten, die sich nur als „Mädchenprodukte“ klassifizieren lassen.

Doch diese Diskurse können kein Ausgangspunkt für Tavi, Petra und Co. sein. Sie haben im Internet, auf ihren Blogs und in den sozialen Netzwerken gelernt, dass viele Bilder und Produkte, die sonst einer vehementen Kritik ausgesetzt sind, durch einen anderen Umgang und Kontext auch neu und positiv konnotiert werden können. Bedeutungen lassen sich ändern und können schon morgen wieder „Oldy McOldster from Oldsville, Oldesota“ sein, wie Tavi es formulieren würde. Denn jede Festlegung, auch, was Feminismus zu sein hat, ist eine Stereotypisierung. Der Feminismus als Stereotyp kann hingegen nichts bewirken.

Tavi wie Petra haben etwas erschaffen, was viel wesentlicher und nachhaltiger sein kann als einzelne Festlegungen. Sie haben Bilder produziert und populär gemacht, die den weiblichen Blick zu einer Qualität machen, der auch für Männer reizvoll sein kann. An ihnen zeigt sich plötzlich, dass in Zukunft sehr wahrscheinlich auch Männer Frauen zum Vorbild haben werden.

Die Ästhetik der „New Feminism Wave“ hat jedenfalls schon Wellen geschlagen: so hält sich Miles McMillan im Purple Magazine eine Papaya vor seinen Penis und könnte, wäre er kein Mann, auch bei „woman holding fish“ auftauchen. Ganz sexy auch, wie das Schamhaar aus seiner transparenten Badehose hervorlugt.

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Links oben: Maya Fuhr; rechts oben&unten: Jack Pierson featuring Miles McMillan; links unten: via http://womenholdingfish.tumblr.com

 

 

 

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