Luxusausstatter oder Muse für alle – wie sich das traditionelle Bild vom Künstler auflöst

Im April 2015 hat Wolfgang Ullrich mit seinem Artikel „Stoppt die Banalisierung!“ in der ZEIT für Furore gesorgt. Bis heute ist der „Streit über Kunstvermittlung“ nicht abgeflacht. Folgt aus der Verabsolutierung der Kunst tatsächlich ihre Trivialisierung? Wie viel Exklusivität braucht Kunst, um einerseits nicht ins Banale, andererseits nicht in einen bloßen Lifestyle abzudriften? In zwei neuen Büchern fragt Wolfgang Ullrich aus unterschiedlichen Perspektiven, wie sich das traditionelle Bild des Künstlers, seine Kunstwerke und die Funktion des Museums verändert haben. Ein Gespräch über „Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust“ und „Der kreative Mensch. Streit um eine Idee.

Sofrischsogut: In den nächsten Tagen erscheinen gleich zwei neue Bücher von Ihnen. Während Sie in „Siegerkunst“ einen neuen Typus des Künstlers identifizieren, charakterisieren Sie in „Der kreative Mensch“ das Museum als „Kreativitätsagentur“. Braucht eine Kreativitätsagentur Siegerkunst oder hat das Museum als Ort für teure Kunst ausgedient?

Wolfgang Ullrich: Letzteres. Schon länger ist offensichtlich, dass Museen zu den Leidtragenden der Entwicklungen gehören, die auf dem Kunstmarkt stattfinden. Die hohen Preise verhindern eine Ankaufspolitik, die den Anspruch verfolgt, halbwegs abzubilden, was in den letzten Jahrzehnten an Kunst entstanden ist und für relevant befunden wurde. Damit aber müssen Museen ihr Selbstverständnis neu definieren, was sicher nicht leicht fällt. So nehmen manche Häuser gerne Leihgaben oder Schenkungen an, um entstandene Lücken zu schließen. Sie machen sich damit aber von Sammlern und Künstlern abhängig, die Leihgaben jederzeit widerrufen können oder eine Unterstützung an Bedingungen knüpfen, die ihren eigenen Interessen oft viel mehr dienen als denen des Museums.
Die Krise des Sammelns, in die Museen geraten sind, beschleunigt aber nur einen ohnehin schon seit mehreren Jahrzehnten zu beobachtenden Funktionswandel, der aus der Demokratisierung sowie Ökonomisierung der Gesellschaft folgt – daraus, dass vor allem Kreativität zu etwas geworden ist, das alle haben wollen und alle haben sollen, um erfolgreich sein zu können.

Sofrischsogut: Können Sie den Funktionswandel des Museums einmal näher beschreiben? In welchem Verhältnis steht das Museum zum Gut „Kreativität“?
Wolfgang Ullrich: Die neue Identität der Museen besteht zunehmend darin, sich als Kompetenzzentren für alle Fragen rund um Kreativität zu profilieren. Statt aber, wie früher, die Kreativität der Künstler zu verwalten, ist das Museum nun Medium oder Dienstleister, um sie an die Besucher weiterzugeben. Diese sollen stimuliert und inspiriert, gleichsam angesteckt werden.
Das Museum wird so zur Infektionsstätte für kreative Prozesse. Wo man früher die großen Meisterwerke einfach nur stolz präsentierte und darauf setzte, dass die Besucher kommen, um demütig zu staunen, genügt das heute nicht mehr. Was als Kunstvermittlung vor einigen Jahrzehnten sehr bescheiden begann, erlangt eine zunehmend zentrale Stellung innerhalb des Museums. Sie brauchen sich nur mal Architekturpläne zeitgenössischer Museen anzuschauen, um zu entdecken, dass die Räume der Kunstvermittlung mittlerweile einen erheblichen Teil der Gesamtfläche einnehmen. Und aus Kunstvermittlung ist längst Kreativitätsvermittlung geworden.

Sofrischsogut: Davon bleiben wohl auch Ausstellungen nicht unbeeindruckt. 

Wolfgang Ullrich: Ja, der Charakter von Ausstellungen ändert sich: Dem Publikum werden z.B. Making-of-Dokumente präsentiert, um an einem Schöpfungsprozess teilhaben zu können. Oder man legt mit Filmen oder zusätzlichen Exponaten dar, wovon der Künstler zu seinem Werk inspiriert wurde. Man bietet den Besuchern aber auch mit vielfältigen Veranstaltungsformaten an, selbst tätig zu werden und sich ausgehend von einem Werk auszuprobieren, mit Material umzugehen, eigene Empfindungen auszudrücken. Es kommt immer häufiger vor, dass die Arbeiten, die in Workshops der Kunstvermittlung entstehen, sogar ebenfalls in den Ausstellungsräumen gezeigt werden, oft im selben Display wie die musealen Werke. Das wirkt natürlich umso motivierender auf die aktiven Besucher.

Sofern die Werke der Künstler aber vor allem Anlass sind, den Besuchern eigene kreative Erfahrungen zu bereiten, ist es auch nicht mehr so wichtig, ob es sich dabei um kanonische, sorgfältig gesammelte, millionenschwere Kunst handelt. Oft ist sogar eine Kunst ergiebiger, also inspirierender, wenn sie eine bestimmte Werktechnik exemplarisch anwendet, einen gut kopierbaren Stil besitzt oder ein Thema plakativ in Szene setzt.

Sofrischsogut: Worin unterscheidet sich eigentlich Siegerkunst von Museumskunst?

Wolfgang Ullrich: Siegerkunst dürfte die erste Art von Kunst seit zwei Jahrhunderten sein, die nicht mehr – oder zumindest nicht mehr primär – für das Museum geschaffen wird; vielmehr reagieren die Künstler darauf, dass private Sammler, Investoren, Superreiche diese Kunst kaufen. Fast immer ist es eine Kunst, die sich zu Repräsentationszwecken gut eignet. Und so wie ein Adeliger der Renaissance mit Kunst seine ‚sprezzatura’, also durchgängige Souveränität demonstrieren wollte, geht es den meisten, die sich heute mit Kunst umgeben, darum, die eigene Coolness unter Beweis zu stellen. Dass sie zu den Siegern der Gesellschaft gehören – zu den Reichen und Erfolgreichen –, gibt ihnen ein Gefühl von Überlegenheit und Unangreifbarkeit. Und sie genießen es, das auszuleben. Dies gelingt besonders gut mit einer Kunst, die in irgendeiner Hinsicht einen trashigen Charakter hat, sei es, dass sie handwerklich nachlässig gemacht ist, aus billigen Materialien besteht oder ein triviales, banales oder obszönes Sujet besitzt. Je teurer diese Kunst ist, desto weniger nachvollziehbar ist der Preis für die große Mehrheit der Menschen. Damit aber erscheint derjenige, der so viel Geld dafür ausgibt, unheimlich und rätselhaft, er kann sich maximal vom Mainstream distanzieren, alle anderen mit seinem Verhalten verunsichern. Genau das aber ist die Qualität von Coolness. Siegerkunst ist also nichts fürs Gemüt, in ihr geht es nicht um Empathie oder guten Geschmack, sondern letztlich immer um eine Spielart der Formel ‚trashig’ x ‚teuer’ = ‚cool’.

Bild_Interview_2Sofrischsogut: In „Der kreative Mensch“ sprechen Sie hingegen vom „Künstler als Muse“. Ist das nur in der Museumspraxis – zum Beispiel der Kunstvermittlung – angekommen? Oder auch schon im Selbstverständnis der Künstler?

Wolfgang Ullrich: Tatsächlich scheint es mir, als würde sich das herkömmliche Bild vom Künstler als genialem Außenseiter aktuell in zwei Richtungen hin auflösen. Neben den Siegerkünstlern, die keine Außenseiter mehr sind, sondern als Marktstars in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, gibt es die Künstler, die weniger wegen ihrer Werke als wegen ihrer inspirierenden Aura geschätzt werden – die also, statt die eigene Begabung auf die Schöpfung von Meisterwerken zu konzentrieren, die Aufgabe übernehmen, die kreativen Begabungen anderer zu stimulieren. Richtet sich der Siegerkünstler an eine kleine Elite, so ist der Künstler als Muse einer kreativitätssuchenden Mehrheit zugewandt. Entwickelt sich das Selbstverständnis bei vielen Künstlern nur in eine Richtung, so gibt es aber auch einige, die beide Bedürfnisse gleichermaßen bedienen wollen, die also einerseits wie neue Hofkünstler Aufträge für repräsentative Werke annehmen, andererseits aber etwa ihre Making-of-Prozesse so transparent machen, dass das inspirierend für viele wirkt, die ihrerseits gerne etwas gestalten. Olafur Eliasson ist exemplarisch jemand, der Siegerkünstler und Muse zugleich ist.

Sofrischsogut: In beiden Büchern geht es im Grunde um eine Emanzipation von der Moderne, wenngleich noch immer von ihr gezehrt wird. Siegerkunst lebt zwar noch von dem Image der Avantgardisten, auch wenn davon tatsächlich nicht mehr viel übrig ist. Museen können hingegen nur als „Kreativitätsagenturen“ agieren, solange sie als ein Ort für qualifizierte Kunst wahrgenommen werden. Inwiefern beschreiben Ihre beiden Bücher eine bzw. die gleiche Übergangszeit? Und was kommt danach?

Wolfgang Ullrich: In den beiden Büchern wird eine jeweils andere Dimension dieses von Ihnen erwähnten Übergangs verhandelt, der darin besteht, dass das erodiert und gar verschwindet, was in den beiden letzten Jahrhunderten das Verständnis von Kunst wesentlich geprägt hat. Wird mit der Siegerkunst die Idee aufgegeben, Kunst sei ihrem Charakter nach therapeutisch, sinnstiftend, gesellschaftsverändernd, so verliert sie unter dem Paradigma der Kreativitätsvermittlung ihre Ausrichtung auf Werke. Denkt man das weiter, bedeutet das für die Zukunft, dass es einerseits eine Kunst geben wird, die sich nicht nennenswert von Design, Architektur und Mode unterscheiden wird, die also zu den exklusiven Ereignissen eines Luxus-Lifestyles gehört, während sie andererseits in kreative Atmosphären diffundiert, wo es vornehmlich um das geht, was an inneren Bildern, Gefühlen, Motivationen ausgelöst wird. Je weniger es aber noch Werke gibt und je weniger die kunstreligiösen Aufladungen der Moderne noch eine Rolle spielen, desto weniger wird Kunst auch etwas sein, das hingebungsvoll interpretiert wird oder eine Sonderstellung einnimmt.

Vielen Dank für das Gespräch!

3 Comments

  1. Tanja Praske

    Liebe Annekathrin Kohout,

    das Gespräch mit Herrn Ullrich hat Appetit auf beide Bücher gemacht. Gut. Der Titel „Siegerkunst“ löst bei mir Irritationen aus, wird vielleicht dadurch gerade von mir wahrgenommen.

    Auf den „kreativen Mensch“ bin ich sehr gespannt, vor allem aufgrund der heftigen Diskussion, die Ullrichs Essay in der Zeit: „Stoppt die Banalisierung“ ausgelöst hat. Beachtlich dabei: seine Aufgeschlossenheit der Diskussion in Blogs gegenüber und seine dadurch inspirierte gedankliche Weiterentwicklung zu Museen als „Kreativitätsagenturen“. Bin neugierig, ob davon etwas in seiner Schrift widergespiegelt wird. Die Empörung war groß, vielleicht brauchte es der Polemik, um Museen und auch Kulturschaffende wachzurütteln.

    Wann erscheinen denn die beiden Bücher?

    Schöne Grüße
    Tanja

    P.S.: Merci fürs Verlinken auf Michael Krögers Artikel bei mir!

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  2. Annekathrin Kohout

    Liebe Tanja Praske,
    vielen Dank für den Kommentar. Ich fand es interessant, die beiden Bücher zusammen zu denken, obwohl sie erstmal unterschiedlichen Diskursen entspringen und in unterschiedlichen Kontexten rezipiert werden. Die Aversion gegen „Siegerkunst“ rührt wahrscheinlich daher, weil es sich polemisch anhört und wohl auch anhören soll. Ich finde es hilfreich, diesen Unterschied (zwischen verschiedenen Künsten, die unterschiedliche Felder wie Museum oder Markt bespielen) mitzudenken. Schließlich haben beide Felder sowohl für die Kunstwissenschaft als auch für die Museumslandschaft Konsequenzen. (z.B. https://ideenfreiheit.wordpress.com/2016/01/27/stellungnahme-zu-siegerkunst/)
    „Siegerkunst“ erscheint, wenn ich mich nicht irre, morgen. „Der kreative Mensch“ am 8.März.

    Viele Grüße!
    Annekathrin Kohout

    P.S. Sehr gerne, mal sehen, ob und wie die Debatte sich fortsetzen wird!

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