Discover Tumblr | Vaporwave

 

Es ist interessant, dass die populärsten Bilder zur Beschreibung des Internets an das Meer verortet wurden. Für Kulturoptimisten war das Internet ein Meer, auf dem man surfen kann, so zum Beispiel für Jean Armour Polly, die im Juni 1992 einen Aufsatz im Wilson Library Bulletin mit folgenden Worten begann: „Today I’ll travel to Minnesota, Texas, California, Cleveland, New Zealand, Sweden, and England. I’m not frantically packing, and I won’t pick up any frequent flyer mileage. In fact, I’m sipping cocoa at my Macintosh.“ Polly, eine US-amerikanische Bibliothekarin, hat den Begriff Internetsurfen in die Welt gebracht. Angeblich kam ihr die Idee, weil auf ihrem Mousepad ein Surfer abgebildet war. Anfangs war das Bild positiv kodiert, das Surfen bezeichnete eine Unbeschwertheit beim Entdecken und Reisen in der globalen Welt des Internets. Zum Ende des Jahrzehnts fiel das Bild jedoch zunehmend der Kritik anheim: aus dem Surfer wurde jemand, der beim Folgen der Links zwar viel Zeit verbraucht, aber dabei nur wenige bis keine (nachhaltigen) Informationen erhält.

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Ein Meer ist das Internet auch in einem anderen Beschreibungsmodus: dem des Eintauchens in (die Tiefen) des Internets. Damit sollte einerseits beschrieben werden, wie schwer das Web zu begreifen ist (noch heute werben Computerkurse mit dieser Formulierung), andererseits seine gefährliche Dimension betont werden. In den Vorformen der sozialen Netzwerke war man nämlich anonym unterwegs, in Chatforen gab niemand seinen bürgerlichen Namen an, sondern Nicknames wie „Sternchen89“. Jenen, die sich mit Chat-Bekanntschaften verabredeten, unterstellte man Leichtsinnigkeit. Das Internet assoziierte man weitgehend mit Pornos und Drogenhandel. Dabei würde man heute, da die meisten im Netz mit bürgerlichen Namen oder geringen Abweichungen auftreten, hinter dem Nickname „NY152“ aus „Email für Dich“ sogar noch eher einen Triebtäter vermuten als seinerzeit.

Doch es gibt auch gegenwärtig Orte im Netz, an denen man sich überwiegend Nicknames gibt – man also in die Unordnung des Internets eintaucht und nicht nur auf seiner Oberfläche surft  – und damit ist nicht das Darknet gemeint. Neben Reddit bleiben vor allem auf Tumblr die meisten Blogger anonym. Nicht zuletzt deshalb, um sich von anderen sozialen Netzwerken abzugrenzen. Während auf Facebook jeder Post als Statement der persönlichen Identität gedeutet wird und Instagram vorwiegend von lifestyle- und fashionaffinen Nutzern dominiert wird, stilisieren sich Tumblr-Blogger gerne als Außenseiter und Nerds. Natürlich sind die Grenzen längst verschwommen, wie es Künstler-Accounts auf Instagram gibt, haben viele Modeblogger auch einen Tumblr-Auftritt. Und doch prägt dieses Verständnis noch immer wesentlich die Inhalte der jeweiligen sozialen Netzwerke.

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Entsprechend wird nirgends so wie auf Tumblr die Frühgeschichte des Internets und seine Entstehungszeit – die 80er und 90er Jahre – zelebriert. Auf der einen Seite: frühe Benutzeroberflächen wie NCSA Mosaic von 1993 und Microsoft Windows 95, die Ästhetik von Pixelgrafiken und Internet-Witze. Auf der anderen Seite: Beverly Hills 90210, Baywatch, der Strand und das Meer als Sehnsuchtsorte der Werbeindustrie. Tumblr ist auch ein Archiv für Popkultur und nostalgischer Bezugspunkt für Generationen, die immer schneller Teile ihres eigenen Lebens als vergangene Geschichte erleben. Wieviele Jahre gab es das Nokia 3310? Und wie alt war man damals?

Daher hat momentan ein ästhetischer Trend besonderen Erfolg auf Tumblr: Vaporwave. Eigentlich bezeichnet Vaporwave ein Musik-Genre, das sich etwa seit den frühen 2010er Jahren zusehend im Internet verbreitet und durch eine Vorliebe für Retro (insbesondere aus den 80er, 90er und frühen 00er Jahren), Technikgeschichte, Videospiele und Werbung auszeichnet. Musikalisch bedeutet dies, dass Loops und Samples aus Werbeklängen oder Hintergrundgeräuschen wie Fahrstuhlmusik erstellt werden. Sie möchten damit an die Zwecksounds der 80er und 90er erinnern, wie sie in Kaufhäusern oder Hotellobbys gespielt wurden. Der Name „Vaporwave“ referiert „Vaporware“, einen Fachbegriff für Hard- und Software, die zwar über lange Zeit angekündigt, aber erst viel zu spät oder sogar nie veröffentlicht wurden. Populär wurde der Begriff 1985 mit der Verleihung des „Golden Vaporware Awards“ an Bill Gates für die lange Verzögerung von Microsoft Windows 1.0.

Die Vaporwave Künstler wollen mit ihrer Musik eine Kritik am Kapitalismus üben – und das, indem sie die Massenmedien der Achtziger und Neunziger karikieren. Denn es ist die Zeit, bevor die Computerkultur einsetzt, die Zeit von Fernsehen und Boulevard-Magazinen, die Zeit der großen Popstars – eben die Zeit in der das, was kritisiert werden soll, in seiner Reinform vorliegt: der Kapitalismus. „Is it a critique of capitalism or a capitulation to it?“ fragte Adam Harper in seinem einflussreichen Essay „Vaporwave and the pop-art of the virtual plaza“ von 2012. Darin vergleicht er das Musikgenre mit einem damals sich gerade im Entstehen befindlichen philosophischen Trend: dem Akzelerationismus. Denn beiden ginge es darum, den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Anstatt sich etwas Neues zu überlegen, das zwar durchaus Kritik entfalten kann, aber am Ende doch vom Kapitalismus als neuer Trend absorbiert wird, gilt es bereits vorhandene Mechanismen eskalieren zu lassen, indem man sie beschleunigt oder endlos wiedergibt. Bloß nicht in einigen Jahren zum Soundtrack für eine Haarwaschmittel-Werbung werden.

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Im Januar 2013 ging der Tumblr „Vaporwave Album Covers“ online und brachte den Begriff in eine Welt, die nicht anfälliger hätte sein können für die Ästhetik von Vaporwave. Denn alles, worauf das Musikgenre referierte, lag hier in unkritischen Mengen vor: der ganze Pop mit seinen verrückten Merchandising-Produkten. Ein Erinnerungsort für all jene, die in den 90ern groß geworden sind. Ein Sehnsuchtsort für die Generationen danach, die im 9/11-Amerika aufgewachsen sind, wo alles etwas weniger cool und etwas weniger frei zu sein schien als davor. Für alle hingegen ein nostalgischer Ort, wie auch andere Jahrzehnte ihre nostalgische Wirkung zu entfalten vermögen. Deshalb wurde Vaporwave, wenn auch in seiner kritischen Dimension verkannt, schnell zum Anlass für ein neues und diesmal visuelles Genre. Eine Kombination setzte sich dabei besonders durch: Benutzeroberfläche aus den Neunzigern + Farben und Typografien aus den Achtzigern + antike Skulpturen. Letztere sind besonders interessant, denn sie betonen einerseits das Anachronistische und Surreale der Bilder, dienen andererseits als (für viele) unbesetzte Zeichen, die lediglich eine Aura von Antike oder Klassizismus entfalten.
Die Vaporwave-Ästhetik findet sich auf Tumblr überall wieder. Auf den Blogs von Technik-Nerds, Internet-Künstlern, Pink-Fetischisten oder Freunden der Antike. Denn auf Tumblr haben Bilder nur selten Vorzeichen.

Oft sieht man auf Vaporwave-Bildern übrigens auch das Meer. Eigentlich soll es eine Metapher für die Werbewelt darstellen, man kann aber nicht anders, als es latent und im Windows 95-Fenster auch weiterhin als Sinnbild für das Internet wahrzunehmen. Gerade die Oberflächlichkeit der Medien- und Werbewelt – visualisiert als eine glitzernde Meeresoberfläche – dient dem Eintauchen in dieselbe durch eine Interaktion der Tumblr-Blogger. Denn sie hat, genauso wie die Pastellfarben und die antiken Skulpturen, eine Kick-Off-Qualität, regt zum nach- und weitermachen an. Dadurch verselbstständigen sich die Bilder, übernehmen auf jedem Blog neue Funktionen und erweisen sich als Wegweiser in immer neue Richtungen und Entdeckungen. Eine Kritik kann sich hier zwar nicht entfalten, aber es ist mit Sicherheit auch keine Kapitulation.

 

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