Der Künstler als Fan

Jessica Zaydan war ein leidenschaftlicher Fan der Backstreet Boys. Wie viele Mädchen in den 90ern war sie verliebt in Nick Carter, kreischte auf Konzerten der Band, sammelte Poster und bastelte Plakate. In Tagebüchern wurden die Mitglieder der Backstreet Boys zu Hauptprotagonisten der Phantasiewelt einer Jugendlichen, die noch alles vor sich hatte und für die noch alles möglich schien. Eines dieser Tagebücher beginnt mit dem simplen Satz: „Von nun an heiße ich Jessica Carter.“ Darin erzählt sie eine Geschichte, die sich wohl viele Mädchen dieser Zeit ausgemalt haben dürften: zufällig begegnet ihr an einer Bushaltestelle Nick Carter, der gerade mit den Backstreet Boys ein Konzert in der Heimatstadt von Jessica gegeben hat. Als er sie sieht, verliebt er sich unsterblich in seinen Fan, nimmt sie mit nach Florida (zu seinen Eltern!) und verbringt dort mit ihr einen – hier kann man sich dem Bravo-Jargon der Zeit bedienen – heißen Flirtsommer.

Jessica Zaydan als Backstreet Boys Fan. Ausschnitt aus ihrer vielteiligen Arbeit "Never Break Your Heart"
Jessica Zaydan als Backstreet Boys Fan. Ausschnitt aus ihrer vielteiligen Arbeit „Never Break Your Heart“, 2015

Das war vor etwa 20 Jahren. Heute ist Zaydan Meisterschülerin bei der Fotografin Tina Bara und hat sich für ein Kunstprojekt auf eine Reise in die Vergangenheit begeben. Gebucht hat sie ihre Zeitreise über „rose tours“, die alljährlich einen „BSB Cruise“ anbieten. Dabei handelt es sich um eine Kreuzfahrt mit den Backstreet Boys, auf der man für etwa 1500 Dollar mit seinen Stars über die Meere schifft, Konzerte hört, Selfies macht und Twister spielt. Nicht nur die Backstreet Boys stellen sich für Kreuzfahrten zur Verfügung, es scheint vielmehr ein neues Format für jene Prominente zu sein, die von A auf B abgestiegen sind. In einem filmischen Zusammenschnitt dieser Reise, der mit den selbst eingesprochenen Tagebucheinträgen vertont ist, hat Zaydan ihre Fan-Vergangenheit künstlerisch bearbeitet.

Videostill von "Never Break your Heart"
Videostill aus „Never Break your Heart“

Auch Peter Blake stellte sich 1961 als Fan dar. Auf seinem „Self Portrait with Badges“ sieht man den britischen Pop-Art Künstler in Jeansjacke mit Buttons und einem Magazin in der Hand, auf dessen Cover Elvis Presley zu sehen ist. Walter Grasskamp bemerkte in seinem Buch über das ebenfalls von Blake stammende Cover des Beatles-Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Heart Club Band“, dass dieses Selbstportrait durchaus ironisch zu verstehen ist. Schließlich war Blake zu dieser Zeit bereits 29 Jahre alt und referiert damit das negative Bild des sogenannten Berufsjugendlichen. [1]

Peter Blake: Self-Portrait with Badges, 1961
Peter Blake: Self-Portrait with Badges, 1961

Seit der Moderne assoziiert man den Künstler – ganz in der Tradition des Avantgardismus und dem damit assoziierten Begriff „Generationskonflikt“ – mit Jugend- und Subkulturen. Waren diese in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch im hochkulturellen Milieu angesiedelt, wo man sich als Bohemien mit hoher Literatur beschäftigte, hat spätestens die Pop Art auch eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Medien- und Alltagswelt gesellschaftsfähig gemacht.  Allerdings blieb dieser Gestus der Logik einer Rebellion gegen bis dahin geltende Konventionen und Regeln verhaftet. So ist auch das Selbstportrait von Peter Blake programmatisch zu verstehen. Er inszeniert sich – gerade in seiner Rolle als Fan – als ein Künstler, der nun nicht mehr das Genie oder der Auserwählte ist, sondern jemand, der sich einer bestimmten kulturellen Gruppe oder Szene zugehörig fühlt. Er ist der coole Künstler, der Trends erkennt und in der Kapital- und Medienwelt mitspielt. Einer, der nicht mehr hungernd unter dem Dachboden haust, sondern sich durchaus auch eine Maisonette vorstellen kann.

Doch im Schatten des Kulturpessimismus ist auch der intellektuelle Künstler herangereift. Vor allem in Deutschland. Dort war man empört, als die „urbane Volkskunst“, welche der britische Kritiker Lawrence Alloway als „POPular Art“ bezeichnete, zu expandieren begann. Besonders anschaulich lässt sich dies in einer Sonderbeilage der Zeitschrift „das kunstwerk“ von 1964 nachvollziehen, in der diskutiert werden sollte, ob Pop den „Ehrentitel Kunst“ überhaupt verdient hat. [2]
Die Urteile fielen vernichtend aus: Pop, das sei der „Coca-Cola-Way-Of-Life“ schimpft H. P. Alvermann, ein Künstler aus Düsseldorf. Als „Phantasielose Banalität“ bezeichnet der Pianist Andor Foldes die Pop Art und die Kunsthändlerin Iris Clert bemerkt zynisch: „Die heutigen Künstler verwechseln die Kunst mit der Mode, [sie] selbst denken nur an eins: Geld zu machen!!!“
Drei Jahre nach dem Selbstportrait von Peter Blake sehnt man sich in Deutschland nach intellektuellen Avantgardisten, die gefälligst leiden sollen – am besten frierend in einer Dachgeschosswohnung.

Thomas Hirschhorn: Altar Otto Freundlich, Berlin 1998
Thomas Hirschhorn: Altar Otto Freundlich, Berlin 1998

Die Inszenierung als Fan innerhalb der Kunst ist also ein Statement. Vor allem gegen überkommene Künstlerbilder. Es dient einer Bestimmung der eigenen Position und eignet sich damit hervorragend zur Selbstinszenierung.
So auch in einer Werkreihe von Thomas Hirschhorn. Von 1997 bis 2006 hat dieser Fan-Altäre in öffentlichen Räumen geschaffen. Nur dass Hirschhorn diese nicht Popstars widmet, sondern den Stars der Hochkultur. Denn seine Altäre richten sich nicht an Madonna oder die Backstreet Boys, sondern an Ingeborg Bachmann, Otto Freundlich oder Piet Mondrian. Dabei bedient er sich formal einem beliebten Medium der Fans und bedauert somit in gewisser Weise die Vorherrschaft der Popkultur in unserer Gesellschaft: Lässt sich Raymond Carver nicht genauso verehren wie Michael Jackson?

Doch zurück zu Jessica Zaydan. Zurück zu den Backstreet Boys. Letztere stammen aus einer Zeit, in der Popstars nicht mehr unbedingt eine Szene markieren oder ein bestimmtes musikalisches Genre bedienen mussten. Popstars dieser Zeit brauchten keine politische Haltung und auch kein rebellisches Potential. Es ist die Zeit der Casting-Shows, der Popstars als Produkte. Zwar gründeten sich die Backstreet Boys nicht in einer Casting-Show, sondern wurden von Lou Pearlman konstelliert, können aber durchaus als Vorbild dessen gelten, wonach man in dieser Zeit in der Popindustrie suchte: konsumierbare Geschmacksrichtungen. Gemein ist jedoch nicht der Musikgeschmack, sondern der Männergeschmack. Lieber blond und soft oder bärtig und rau?

Zaydan gefiel Nick Carter und sie hat ihn unzählige Male in ihrer Phantasie konsumiert. Für einen Teil ihrer Arbeit ließ sie frühe Fotos entwickeln, die sie im Alter von etwa 12 Jahren gemacht hat. Damals fotografierte Jessica Jungs, die sie süß fand. Es ist sicher kein Zufall, dass alle ein bisschen so aussehen wie einst Nick Carter.
So sehr sie ihn auch begehrte, so wenig ist er ihr gegenwärtig dienlich beim Einnehmen einer oppositionellen Haltung. Mit den Backstreet Boys lässt sich keineswegs der Charme des Anders-Sein beschwören, geschweige denn des Rebellischen. Interessanter Weise ist das aber auch längst nicht mehr das Ziel – weder von Jessica Zaydan noch von der zeitgenössischen Kunst im Allgemeinen.

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[1] Grasskamp, Walter: Das Cover von Sgt. Pepper. Momentaufnahme der Popkultur. Verlag Klaus Wagenbach: Berlin 2004.

[2] Zahn, Leopold; Jürgen-Fischer, Klaus (Redaktion): das kunstwerk. the work of art. Eine Zeitschrift über alle Gebiete der bildenden Kunst. 10|XVII. April 1964. Agis-Verlag: Baden-Baden/Krefeld 1964. S. 2.

Die Autorin war ein Fan von Britney Spears.
Die Autorin war ein Fan von Britney Spears.

 

 

 

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