Jeff Koons & Neue alte Kunst im Netz | Top Ten (Teil 2)

In vielen Vorgärten findet man den sogenannten „Gazing Ball“. Sein zerbrechliches Material – meistens dünnes Glas – mutet transzendent an. Es spiegelt sich in ihm die umliegende Natur. Mikrokosmos und Makrokosmos vereinigen sich in der zarten Kugel.

Jeff Koons benutzt schon lange die Qualitäten solch feiner Materialien für seine Arbeiten, man denke zum Beispiel an die überdimensionalen Objekte aus hauchdünnem Edelstahl. Diese Adaption darf durchaus als Ready-Made eines alltagskulturellen Materials verstanden werden, genauso wie Koons auch inhaltlich vor allem Pop- und Alltags-Ikonen referiert.

2013 kombinierte Koons den uns aus den heimischen Vorgärten bekannten „Gazing Ball“ mit skulpturalen Objekten. Dabei handelte es sich einerseits um Kopien berühmter Skulpturen der Kunstgeschichte, wie beispielsweise den antiken Herkules Farnese, dem der Gazing Ball auf die Schulter gesetzt wurde, sowie Phänomenen der Pop- und Alltagskultur, wie etwa Lady Gaga, der Koons die Kugel zwischen die Beine legte.

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Er macht damit demonstrativ keinen Unterschied zwischen High- und Low Art. Gleichberechtigt werden sie adaptiert und mit einem Gazing Ball versehen. Längst sind die Werke vergangener Hochkultur in die Popkultur eingegangen und von der Internetkultur regelrecht absorbiert.

Das klingt auch in seiner aktuellen Gemälde-Serie an, die ebenfalls den Titel „Gazing Ball“ trägt oder als Fortführung seiner Skulpturen zu verstehen ist. Nun versieht Koons Kopien berühmter Gemälde mit der reflektierenden Kugel. Zum Beispiel (wen sonst) die Mona Lisa. Er veränderte ungeniert ihre Größe, schließlich – so das Statement – ist sie auch nur die Version eines Bildes unserer Kultur. Nicht mehr und nicht weniger ideell wertvoll wie etwa ein Pink Panther. Oberhalb der übereinander geschlagenen Hände der Mona Lisa hat Koons eine Halterung anbringen lassen, auf der ein Gazing Ball steht – mit dem Clou, dass sich der Raum und vor allem der Betrachter nun mit im Bild befinden. Soweit eine alte Idee.

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Interessanter Weise liegt Koons mit dieser Arbeit genau im Trend. Jedoch keinem aus der Kunstwelt. Vielmehr erleben die alten Meister im Internet seit einigen Jahren eine Renaissance, insbesondere indem sie verändert und damit auch aktualisiert werden. Mashups und Meme aus den Werken der bildenden Kunst sind nicht mehr weit von der Popularität eines Katzenvideos entfernt.

These paintings in their own time were some of the greatest masterpieces in western art history, but in this time, this moment, they’re most powerful as they are in this state of gazing” (Jeff Koons in einem Interview mit dem Guardian) – das haben sich wohl auch zahlreiche Internetnutzer gedacht, als sie wilde Kopien, Collagen oder Gifs von den „greatest masterpieces“ produzierten.

Doch wer hat die Kunstgeschichte am besten erneuert? Es folgt Teil zwei der „Top Ten der neuen alten Kunst im Netz“. Wie schneidet wohl Jeff Koons in einem solchen Ranking ab?

10. Julien de Casabianca

„Moved from museums walls to the street“ heißt es auf der offiziellen Website von „Outings Project“ des französischen Künstlers Julien de Casabianca. Das erinnert an Woody Allens Filmkalssiker „A Purple Rose of Cairo“, bei dem ein Filmstar plötzlich aus der Kinoleinwand steigt und sich mit seinem Schauspieler auf offener Straße duelliert. Zwar bilden mit Graffiti beschmierte Wände einen aufregend neuen Kontext – zumindest auf den Fotografien – im Stadtbild dürfte es jedoch eher untergehen.

 

9. Lilah Ramzi

Auf ihrem Blog „Part Nouveau“ sucht Lilah Ramzi die Vorbilder für gegenwärtige Modekreationen. Diese findet sie meistens in der Kunst. Das überrascht zwar nicht, die Parallelen zu sehen, ist jedoch trotzdem sehr spannend und eine wertvolle Fundgrube.

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8. Inge Prader

Die österreichische Künstlerin Inge Prader stellt fotografisch die Bilder Gutav Klimts nach. Als lebende Bilder wären die aufwendigen Inszenierungen sehr interessant, als Fotografien wirken sie jedoch wie banale und eher einfallslose Neuinszenierungen.

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7. Roma Strazzi 

„There’s a fine line between genius and insanity“ kündigt der 16-jährige Roma Strazzi seinen Instagram-Account an. Das sagt jedoch mehr über das Selbstverständnis als über die darauf folgenden Bilder aus: zum Glück. Denn seine Collagen strotzen gerade nicht vor künstlerischer Ambition, sondern sind intuitive und humorvolle cultural clashs.

6. Toni Futura

Toni Futura erzeugt keinen cultural clash. Denn seine Kombinationen sind so treffsicher, dass sie füreinander bestimmt zu sein scheinen. Galt womöglich sogar Edvard Munch als Vorlage für die berühmte Rasierwasser-Szene in dem Weihnachtsklassiker „Kevin allein zu Haus“? Es zeigt sich, wie sehr einige Bilder der Kunstgeschichte bereits zu Ikonen der Popkultur geworden sind.
Auf seinem Instagram-Account postet Futura auch sonst Collagen mit Kick-Off-Qualität („creating simple images with a twist“). Seinen Tumblr bespielt er hingegen mit eigenen Fotografien.

5. Eileen Henry

Eileen Henri lebt in Los Angeles und veröffentlicht auf ihrer Website mit dem Titel „Texts from your Existentialist“ Bilder der Kunst- und Filmgeschichte, die mit einer Messanger-Sprechblase collagiert sind. Darin stehen mit „existentialistisch“ charakterisierte Sinnsprüche, die auf die zahlreichen Schriftbilder des Internets anspielen, in denen Traurigkeit und Depression zelebriert wird. Ihre Bilder sind nur formal lustig, da die Stimmungen der Texte denen der Bilder zu sehr entsprechen.

 

4. Jeff Koons „Gazing Ball“

Interessant wird Jeff Koons‘ Werkserie „Gazing Ball“ eigentlich erst auf Instagram. Dort wird sie zur Bühne und Motivation für #artselfies und #museumsselfies. Unter dem Hashtag „#gazingballpaintings“ laden Nutzer ihre Spiegelbilder hoch. Da bereits die sich spiegelnden Edelstahlfiguren für ebensolche Selfies hergehalten haben, ist das sicher kein Zufall, sondern meisterhafte Strategie.

 

3. Svetlana Petrova & Zarathustra, the cat

Now that’s what we call a masterpuss“ bewirbt Oxford Mail über Amazon das Buch „Fat Cat Art“, das 2015 zur gleichnamigen Webseite herausgegeben wurde. Dort werden nicht nur Werke der bildenden Kunst gepostet, in die eine dicke orange Katze hineinkopiert wurde. Vielmehr ist die Website als ein Gesamtkonzept zu verstehen, als eine detailreich kreierte Fiktion, die von einer Katze als Muse erzählt: „Our main passion is to sit for the great artists. Only great artists can appreciate Our generous body and sublime soul.“
Fat Cat war von Anfang an auch Merchandising. Auf der Website werden neben den Bildern als Prints oder Postkarten auch Leinwanddrucke oder Kalender verkauft. Die offengelegte (kommerzielle) Strategie, zwei Lieblingsthemen des Internets – Katzen und alte Kunstwerke – zusammenzubringen, schmälert den Witz jedoch nicht.

Good morning, people. #cat #cats #morning #breakfast #food #tasty

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2. Zeren Badar

Die Fotografien von Zeren Badar sind echte Kick-Off-Bilder. Sie sind einfach, intuitiv und inspirieren zum Nachmachen. Die alten Meister werden zu Gestaltungselementen. Nicht zufällig nennt er die Serie „Zufallsserie“ (Accident Series). In einem Interview mit Ignant gibt er an, eine „neue Art des Stilllebens“ schaffen zu wollen. Das klingt ein bisschen aufgesetzt.

 

1. Kajetan Obarski

Hi. I made some gifs“ begrüßt Kajetan Obarski die Besucher seiner Facebook-Seite. Seit November 2015 postet er auf seinem Tumblr „Kiszkiloszki“ Gifs, in denen die Protagonisten alter Meister peinlichen bis brutalen Situationen ausgesetzt werden. Das ist weniger respektlos, als deutlich wird, dass Figuren, die lange Zeit sehr unnahbar angemutet haben, auch nur Menschen sind. Angenehm bescheiden und wirklich lustig.

 

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