Mit weichen Herzen in den Glaubenskrieg

„This whole show is about celebrating life.“ Das ist der Satz, mit dem Madonna ihr Konzert in Stockholm am 14. November – dem Tag nach den Anschlägen in Paris – eröffnet. Dabei war die häufigste Reaktion der Popstars, die Konzerte in Europa vorerst abzusagen. Mit den Worten “This is the first direct hit on music that we’ve had in this so-called War on Terror“ legte Bono von U2 ein Konzert der Band auf Eis. Die Foo Fighters stoppten ihre gesamte Europa-Tournee: „In light of this senseless violence, the closing of borders, and international mourning, we can’t continue right now.“ Auch sonst war es still, sehr still, sei es in den social media, den Konzerthallen oder auf den Straßen.

Echte Gefühle

Trotz der 45.000 Besucher war es auch bei dem Madonna-Konzert still. Die von ihr initiierte Schweigeminute hat viele Tränen produziert, auch bei dem Superstar selbst. Doch eigentlich, so erklärt sie in der vorab gehaltenen, herzzerreißenden Rede, will sie gar nicht schweigen. Nicht deshalb, weil sie ein Rebelheart ist, sondern weil gerade das Schweigen Ziel der terroristischen Anschläge gewesen sei: „They want to shut us up. They want to silence us. And we won’t let them, we won’t never let them.“

Nun könnte man dies für eine fadenscheinige Ausrede halten, weil das ertragsreiche Konzert nicht ausfallen sollte. Doch spätestens als die Schweigeminute endet und Madonna unter Tränen ihren Song „Like a Prayer“ zu singen beginnt – einzig mit einer Akustik-Gitarre – spielt das alles keine Rolle mehr. Unter dieser emotionalen Berührung fühlen sich plötzlich alle wieder am Leben, in Freiheit, in der Welt. Da war er wieder, der Gänsehauteffekt, den man wohl wenige Minuten zuvor noch als Anmaßung empfunden hätte. Es ist ein kurzer Befreiungsschlag der Sprachlosigkeit, die von den Anschlägen hinterlassen wurde. Im Moment der Gänsehaut ist alles echt. Wenn sich die Haare aufstellen, ist die Reaktion im Körper angekommen.

Kritik am weichen Herz

Doch Madonna erntet auch Kritik: all das sei nur eine PR-Aktion gewesen. Die Tränen seien nicht echt, weder ihre eigenen, noch die der Fans. Es sind die üblichen Emotionen, die dazu aufgewendet werden, eine Scheinwelt zu erzeugen oder zu erhalten. Warum Madonna nicht ein Konzert in Syrien gegeben hätte, fragt sich ein Facebook-User und zielt damit auf die Folgenlosigkeit derartiger Engagements.
Dass Konsum und ihre Medien nur Scheinwelten erzeugen, ist seit ihrer Existenz Gegenstand kulturpessimistischer Kritik. Denn was, wenn die Pseudo-Umwelt in eine Krise gerät, oder gar ausgenutzt wird? Die Gesellschaft des Spektakels kann nur enttäuschen, unsere Kultur des Vergnügens ist Selbstentfremdung und produziert nur leere Versprechungen und falsche Gefühle.

Doch noch ein weiterer Vorwurf richtet sich gegen die Liason von Popkultur und Politik. Popkultur darf durchaus als künstlerische Ausdrucksform verstanden werden, die, wenn sie sich in die Sphären außerhalb des Kunstschaffens begibt, ihre eigene Kunsthaftigkeit diskreditiert. Das ist auch der Grund für die immense Kritik an Großprojekten wie Benefizkonzerten, die in ihrer Opulenz schnell das Politische absorbieren. Steht jedoch das Politische im Zentrum, ist es die Musik, die zum hübschen Beiwerk herabgewürdigt wird.

Tatsächlich lässt sich der Besuch von Benefizkonzerten nur schwerlich als politisches Engagement bezeichnen. Vielleicht ist das aber auch nicht nötig. Tatsächlich verfehlt die Zurschaustellung des „weichen Herzes“, ausgedrückt in überschwänglichen Emotionen, oft das politische Kernproblem. Vielleicht entspricht das der Popkultur aber auch so gut – die Dekadenz falsch verteilter Spendengelder oder die Oberflächlichkeit, mit der politische Diskussionen geführt werden – dass zumindest die Glaubwürdigkeit beibehalten wird. Und Pop- wie Konsumkultur sind dann besonders glaubwürdig, wenn sie Freiheit und Gleichheit suggerieren.

Popkultur als Religion der westlichen Welt 

Madonnas Musikvideo zu „Like a Prayer“ von 1989 hatte wegen seiner blasphemischen Szenen Elternverbände und Kirchenväter geschockt. Die Infragestellung des Lebens, brennende Kreuze und Madonna selbst, die sich erst als Gekreuzigte darstellt und anschließend beginnt, sich halbnackt auf einem Kirchenaltar zu räkeln – all das sollte als Akt der Befreiung gegen jede Form der Determination gelesen werden. Gegen Idealismen, Rassismus und herrschende Konvention. Gleichzeitig zelebrierte sie einen neuen Glauben: den an die Freiheit und Selbstbestimmung. Insofern ist das Musikvideo keinesfalls Blasphemie, sondern allen voran ein Glaubensbekenntnis.

Durch den Fankult, Konzertbesuche und inzwischen durch die sozialen Medien wurde Popkultur zu einer Teilhabekultur. Sie hat eigene Riten ausgeprägt und es jeden einzelnen ermöglicht, sich in eine (Sub)kultur einzuschreiben. Denn einzig durch die Teilnahme an etwas, das bedeutend ist, erlangt man auch selbst Bedeutsamkeit. Dadurch wird existenzieller Sinn gestiftet, auf ganz ähnliche Weise, wie ihn sonst die Religion zu stiften vermag.

Zwar sind Popstars Produkte, die der Kapitalismus begünstigt, wenn nicht sogar hervorgebracht hat, und die sich konsumieren lassen, andererseits aber auch die neue und schöne Realität, die er erzeugt hat. Sie sind wahr gewordene Träume, die Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte. Sie haben gezeigt, wie man ein Rebelheart sein kann, ohne jemanden dabei zu verletzen oder die eigene und fremde Freiheit einzuschränken. Das, was oft als Normierung von Individualität negativ bewertet wurde und wird – weil Trends immer auch Einzigartigkeit vermassen -, schafft auf der anderen Seite Identität. Vor allem aber haben sie eine kollektive Geschichte hervorgebracht, die für viele eine schöne Geschichte ist.

Vergnügen gegen Hunger und Terrorismus?

Für diese schöne Geschichte möchte man kämpfen. Wenn François Hollande die Anschläge von Paris einen „Akt des Krieges“ nennt, meint er damit keinen Krieg zwischen den Nationen. Er meint damit „einen Krieg aus einer anderen Kultur, gegen unsere Art zu leben.“ Diese Art zu leben, mit allen nur möglichen Freiheiten, ist gerade im Gewand der Popkultur zu unserer Religion geworden. Konzerthäuser sind unsere Kathedralen. Der Anschlag auf ein Konzert ist daher der Auftakt eines Glaubenskrieges.

Madonna gibt ihr Konzert, gerade weil es das ist, wogegen sich der terroristische Anschlag gerichtet hat. Man möge es wieder belächeln, aber wie wäre es, diese Art von popkulturellen Ereignissen als Waffe zu begreifen? Verdrängung durch Vergnügen anzuerkennen? Konsum- und Popkultur als Stärke und Machtinstrument zu betrachten? Vielleicht hat Madonna recht: „There is power in unity. We are here to prove it.“

 

Zum Schluss noch einige wenige Versuche, Spenden und Sinn zu stiften, wo andernorts Unverständnis herrscht:

Band Aid: Do They Know It’s Christmas, 1984

Bob Geldof und Midge Ure haben Band Aid, ein Bandprojekt internationaler Popstars, gegründet, um Geld für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien zu sammeln. Durch eine anhaltende Dürreperiode 1984/85 und politische Umstände starben schätzungsweise eine Million Menschen, etwa acht Millionen hungerten. Das Lied „Do They Know It’d Christmas“ sollte entsprechende Spendensummen einnehmen.

 

Live Aid: Benefizkonzert, 1985

Anlässlich des Erfolgs der Band Aid, organisierte Bob Geldof am 13. Juli 1985 ein weltumspannendes Benefizkonzert. Der beliebteste Auftritt stammte von Queen.

 

USA FOR AFRICA: We are the World, 1985

Auch „USA for Africa“ ist ein Bandprojekt für die Hungersnöte in Äthiopien, das sich als amerikanische Version von Band Aid versteht. USA steht für „United Support of Artist“, das im Rahmen des Hilfsprojekt entstandene Lied „We are the World“ stammt von Michael Jackson und Lionel Richie.

 

Nelson Mandela 70th Birthday Tribute Concert, 1988

Das Konzert war Teil einer weltweiten Solidaritätskampagne für Mandela. Am 11. Februar 1990, also 20 Monate später, wurde Mandela aus dem Gefängnis entlassen. Daher nahm man das Konzert auch als eine politisch erfolgreiche Version von Live Aid wahr.

 

NetAid, 1999

13 Jahre nach Live Aid wurde das Projekt NetAid initiiert, das erneut als Kampagne gegen den Hunger in der Welt gedacht war.  Es war das erste Konzert, das live im Internet übertragen wurde.

 

Live 8, 2005

Gleichzeitig an zehn Orten der G8-Mitgliedstaaten sowie in Südafrika fand das Rockkonzert „Live 8“ statt. Der Name lehnt sich einerseits an Live Aid an und wurde auch von dessen Initiator, Bob Geldof, organisiert. Andererseits an den G8-Gipfel, der vom 6. – 8. Juli 2005 in Schottland über den Schuldenerlass für einige der ärmsten Länder Afrikas verhandelte. War Live Aid eine reine Spendensammelaktion, verstand sich Live 8 auch als Demonstration.

 

 

Literatur: Dietmar Schiller (Hrsg.): A change is gonna come: Popmusik und Politik. Berlin 2012.

Zum Beitrag auf derFreitag sowie weiteren Diskussionsmöglichkeiten geht es hier entlang.

3 Comments

  1. keofifty

    „Für diese schöne Geschichte möchte man kämpfen. Wenn François Hollande die Anschläge von Paris einen „Akt des Krieges“ nennt, meint er damit keinen Krieg zwischen den Nationen. Er meint damit „einen Krieg aus einer anderen Kultur, gegen unsere Art zu leben.“ Diese Art zu leben, mit allen nur möglichen Freiheiten, ist gerade im Gewand der Popkultur zu unserer Religion geworden. Konzerthäuser sind unsere Kathedralen. Der Anschlag auf ein Konzert ist daher der Auftakt eines Glaubenskrieges.“

    Vielen Dank für deine sehr guten Beobachtungen zu den Zusammenhängen zwischen den aktuellen Geschehnissen und dem popkulturellen Konzertkontext. Ich finde die Botschaft Madonnas ungeachtet der Frage nach Aufrichtigkeit sehr wichtig und richtig. Es ist wichtig das Konzert als kulturelles Ereignis und Ort der Vergemeinschaftung zu erhalten und sich eben nicht zurückzuziehen ins Private.

    Erik von keofifty

    Gefällt 1 Person

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