Double Take | Eine andere Geschichte der Fotografie

Manche Bücher geraten in Vergessenheit. Leider gehört Richard Whelans „Double Take“ zu dieser Sorte. Doch damit geschieht ihm Unrecht. Eine Buchempfehlung.
Zwei identische Wohnhäuser, die mit markanten Holzleisten verkleidet sind. Vor ihnen erstreckt sich eine dominante Plakatwand, der Himmel ist weiß, als sei er ausgeschnitten. Das Bild scheint unverwechselbar zu sein: Es ist eine der berühmtesten Fotografien des amerikanischen Fotografen Walker Evans, die in den 30er Jahren entstand, als er an jenem Projekt der Regierung teilnahm, für das er in Hale County verarmte Pächterfamilien fotografierte. Die Bilder wurden zu Ikonen der sozialdokumentarischen Fotografie. Der scharfe und zugleich mitfühlende Blick Walker Evans sollte unvergleichlich bleiben. Oder etwa nicht?FSA/8b29000/8b293008b29355a.tif

Es erstaunt, dass das Foto gar nicht von Evans, sondern von John Vachon ist. Dieser hatte sich 1938, zwei Jahre nach der berühmten Fotografie seines Vorgängers, auf die Suche nach dessen Motiv begeben. Als er das Häuserpaar in Atlanta auffand, wählte er jedoch nicht exakt den gleichen Ausschnitt, sondern änderte ihn gerade so viel ab, dass ein neues Foto entstehen konnte, aber auch so wenig, dass die Referenz zu Evans stark genug blieb.

Evans vs. Vachon
Evans vs. Vachon

Richard Whelan war Herausgeber von „Portfolio“ und „Art and Auction“ als er 1981 das Buch namens „Double Take – A Comparative Look at Photographs“ publizierte. Darin versammelt Whelan eine ganze Reihe sich ähnelnder Bildpaare: das gleiche Motiv, von unterschiedlichen Fotografen abgelichtet. Nur manchmal beziehen sie sich, wie im Beispiel Evans-Vachon, aufeinander. Auch zufällige Begebenheiten führen zwei Fotografen an denselben Ort. Und während der Lektüre stellt man immer wieder fest, dass es einfach Motive zu geben scheint, die den fotografischen Blick auf sich ziehen. Ohne dass man dabei erklären könnte, wieso.
Whelan erzählt die Geschichten hinter den Bildern, und diese sind reich an Informationen, amüsant und spekulativ. Bei seiner Recherche ist er ganz nebenbei auf 62 nahezu unbekannte Fotografen gestoßen, die zum Teil Jahre vor den populären Doppelgängern Motive für sich entdeckten und formale Experimente anstellten.

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Bis heute ist das Buch vielerorts unbekannt, obwohl es eine überaus interessante Perspektive auf die Geschichte der Fotografie einnimmt. Denn sie ist weder dominiert von prominenten Fotografen noch von einer peniblen Chronologie. Er fokussiert hingegen Motive, die Schnittmengen sichtbar machen, und erfasst damit eine soziale Dimension der Fotografie. Wo diese sonst entweder im objektiv-dokumentarischen oder subjektiv-künstlerischen Bereich verortet wurde, findet Whelan einen Weg, einer anderen Motivation Evidenz zu verleihen: der sozial-kommunikativen.

Das mag nicht spektakulär anmuten aus einer Zeit heraus, in der man im Internet beinahe täglich déjà vu-Erfahrungen macht und das Aufspüren von Motiv-Konjunkturen zu einen wesentlichen Bestandteil des Erfolgs aktueller fotografischer Arbeiten gehört. Insofern ist es erstaunlich, wie zeitgemäß die Fragen sind, die das Buch aus den frühen 80er Jahren visualisiert. Welche Rolle spielen eigentlich solche Doubles? Bestärken sie das populäre Original oder beeinträchtigen sie dessen Einzigartigkeit? Welches Bild ist besser und warum? Wie viel Aufmerksamkeit widmet man dem Doppelgänger und welchen Status besitzt dieser eigentlich?

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Da sich das Verhältnis jedes Mal anders darstellt – früher wie heute – ist es nur folgerichtig, dass Whelan jedem Paar seinen eignen Raum gewährt. Die Geschichten können zum Teil kaum unterschiedlicher sein.  Und es ist schon fast rührend anzusehen, wie viel von der Zufälligkeit, die wir heute fast täglich erleben und entdecken, schon damals angelegt war. Wie bestimmte Motive einfach fotografiert werden wollen, weil sie so eindrucksvoll oder besonders sind. Wie Bilder zu Kommunikationsmedien werden, indem sie auf bereits vorhandene reagieren.

Im Vorwort beschreibt Cornell Capa – ja, der kleine Bruder von Robert Capa – Whelans Buch wie folgt: „It is a visual adventure that amuses and instructs. In an odd sort of way, it is like photography, a magical process that is crammed through and through with unexpected pleasures und surprises.“ Genau so ist es.

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5 Comments

  1. Stefan B. Adorno

    Danke für diesen Hinweis.

    Dass es dergleichen geben müsste, ist mir erst mit dem Aufkommen solcher Bilderdienste wie Flickr bewusst geworden. Damals fand ich das gleiche Motiv, das ich in einer vollkommen unspektakulären Gegend von Tokyo aufgenommen hatte.

    Natürlich kratzt das am Ego des Fotografen. Man denkt sich ja gerne ganz einmalig mit seiner Kamera.

    Aber eigentlich liegt es in der ‚Natur‘ der Fotografie und wird nur noch durch die Ausweitung der digitalen Verbreitung enorm verstärkt.

    Es kann nicht mehr lange dauern, dann wird es Software geben, die zu jedem Bild seine Doubles finden wird.

    Dann kommt es zu einer Art Meta-Fotografie. Find ich gut.

    Stefan

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    1. annekathrinkohout

      Eigentlich gibt es diese Software auch schon, schließlich zeigt einem die “Google Bildersuche” bereits optisch ähnliche Bilder an. Das funktioniert zwar noch nicht einwandfrei, aber ich habe schon einige Male interessante Zusammenhänge zwischen Bildern entdecken können!

      Beste Grüße!

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      1. Stefan B. Adorno

        Stimmt. Das hatte ich vergessen. Ich habs gleich mal bei Google ausprobiert. Zwar hat es das Foto auf meiner eigenen Webseite entdeckt, aber sonst nur ungefähr ähnliche Bilder gefunden. Noch nicht einmal aus der gleichen Stadt. Ich werds mal weiter testen.

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