Jürgen Tellers neuer Streich: Kanye, Jürgen & Kim

In der denkbar unmöglichsten Weise präsentiert sich Jürgen Teller vor der Kamera in Designprodukten von Dolce & Gabbana, John Galliano und Co.: ungelenk auf Steinhaufen kletternd und durch Bäche watend. Dabei sollten doch eigentlich Kanye West und  Kim Kardashian die Provokationsträger sein. 
Die Fotostrecke „Kanye, Juergen & Kim“- wieder eine kleine Revolution der Modefotografie?

Kim Kardashian posiert vor einer Weide in der französischen Provinz, in einem Kleidungsstück, das vor allem an die prothesenhaften Kostüme von Cindy Sherman aus den späten 80ern erinnert. Kim hat blondes Haar und Gänsehaut, dem Stand der Sonne zufolge ist später Nachmittag. Auf der gegenüberliegenden Seite stochert Jürgen Teller mit Nordic Walking Stecken in einem kleinen Fluss, in Unterhose, Daunenjacke und Strickmütze, zu einer anderen Tageszeit. So beginnt das Sonderheft „Kanye, Juergen & Kim“ des System Magazine.

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Die Landschaft erscheint als fade Kulisse, angesichts des Glamour-Paar. Und alles wirkt so, als hätte man sich mehr von dem Kontrast ‚High-Society auf dem Land‘ erhofft. Etwas in der Art von „The Simple Life“ zum Beispiel, einer von 2003-2005 ausgestrahlten TV-Serie, in der Paris Hilton und Nicole Richie für das einfache Leben ihren gewohnten Luxus aufgeben mussten. Während die Serie vorführte, wie glamourös die beiden Damen und wie derb das Landleben tatsächlich sind, unterdessen in den Werbebildern die Provinz zu einer stilvollen Kulisse avancierte, passiert in der Bildserie von Jürgen Teller vorerst nichts. Doch gerade das macht die Attraktivität der Bilder aus, die den Betrachter zunächst ratlos zurück lassen.

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Auf dem Cover des Sonderheftes flankiert der Schriftzug „Kanye, Juergen & Kim“ das sich küssende Paar in Nahaufnahme. Kanye, Juergen & Kim? Es scheint, als wolle sich Jürgen Teller in den Mittelpunkt rücken, angesichts seiner drohenden Rolle als fünftes Rad am Wagen. Aber eigentlich geht es – wie immer – um ihn. Mehr denn je schreibt sich Teller in die Bildserie ein: auf keiner Doppelseite fehlen er und seine rote Daunenjacke. Und selbst wo er nicht eigens das Bild beehrt, spürt man förmlich seine Anwesenheit.

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Stattdessen wirken die Posen von Kim unbeholfen, widersprechen teilweise der Logik ihrer im Mai erschienenen Selfie-Sammlung „Selfish“. Ihre Pose vor einer Geröllhalde wurde daher als bleibende Irritation nicht ganz zufällig viel rezipiert und in kürzester Zeit zu einem Mem.
Doch Kim liebt schließlich nicht nur sich selbst, sondern auch Kanye, meint man dem Heft zu entnehmen. Und dann hebt Jürgen, in die Kamera grinsend und auf den Knien sitzend, neben dem herrschaftlich anmutenden Porträt der beiden seinen Ehering auf, der ihm gerade heruntergefallen sein muss. Was als merkwürdiger Zufall inszeniert ist, liest man ganz nebenbei als Kommentar oder assoziiert skurrile Beziehungsgeflechte. Die Bilder erzählen jedoch, dass in der unvorbereiteten Kulisse alles ganz gewollt zufällig von statten gegangen ist.

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Während Kim also angestrengt vor Sandhügeln, Wiesen und Traktoren posiert, Kanye lässig vor einem Baum steht oder den Sonnenuntergang beobachtet, ist Jürgen nicht mit Fotografieren beschäftigt, sondern mit einer Nordic Walking Tour. Von Seite zu Seite wandert er mit seinen Stöcken, die ihm manchmal eine Hilfe sind – wenn er beispielsweise durch den Bach watet -, manchmal ein Hindernis – wenn er versucht einen schweren Koffer über einen Steinhaufen zu tragen. Die erfundenen Situationen erzeugen eine Komik, die den Bildern von Kim und Kanye ihre Ernsthaftigkeit nehmen, sie aber keinesfalls parodieren. Sie machen vielmehr die Verlegenheit sichtbar, den jedes Fotoshooting innewohnt, und schaffen es dadurch, Sympathie für das umstrittene Paar zu erzeugen.

Die Situativität wird dabei immer wieder mit Details ausgedrückt, die den Bildern eine überraschende Intensität verleihen: beim Aufheben eines Nordic Walking Steckens bleibt die Jacke von Jürgen in einem Rosenstrauch hängen, drei Kaffeebecher stehen im Vordergrund eines Landschaftsbildes, beim Klettern im Geröllhaufen fällt ein Schuh vom Fuß ab. Details sind bis hin zum Umschlag des Heftes wichtig, dort werden die Farben von Jürgens Socke als gestalterische Elemente wieder aufgegriffen.

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Nicht zufällig, denn es handelt sich um keine übliche Socke, sondern um ein Designprodukt. Das Ganze ist nämlich ein Mode-Shooting. Einmal mehr schafft es Teller, Mode unsichtbar werden zu lassen. Am Ende des Heftes ist man ehrlich überrascht, die lange Liste der beteiligten Modelabels vorzufinden, darunter American Apparel, Dolce & Gabbana, John Galliano, Adidas Originals und viele mehr. Seine Nordic Walking Stecken sind von Craghoppers, Daunenjacke und Strickmütze lassen sich hingegen nicht sofort identifizieren.
Hat Teller anfänglich Modefotografien in seine Fotobücher integriert, werden nun auch seine Modekataloge als Kunstbücher rezipiert. Die immer schon unscharfe Grenze ist ganz verwischt. Teller ist endgültig eingeschrieben in die Mode und hat die Mode eingeschrieben in die Kunst. In der Geschichte der Modefotografie ist es sicher nicht nur deshalb eine kleine Revolution, da sich der Mann hinter der Kamera vor ihr inszeniert. Sondern insbesondere, wie er das tut: in der denkbar unmöglichsten Art und Weise Designprodukte zu tragen, ungelenk auf Steinhaufen kletternd und durch Bäche watend. Dabei sollten doch eigentlich Kanye & Kim die Provokationsträger sein.

Jürgen Teller weiß um seine Rolle als Fotograf, die er immer wieder gekonnt inszeniert: ein glamouröser Modefotograf, der im Herzen das Kind einer Geigenbauerfamilie aus Bubenreuth bleibt. Der in der großen weiten Welt beheimatet ist, aber eine Professur an der Kunstakademie in Nürnberg wahrnimmt. Dabei ist diese Inszenierung jedoch nie im Stil von „The Simple Life“, aber sehr im Stil von „Kanye, Jürgen & Kim“.
„Wir kommen dank Teller Menschen nahe, die unnahbar sind“ schrieb Ulf Poschardt in einem frühen text über Teller. Mit den Augen Tellers konnten auch wir staunend auf die bildhübschen Supermodels und Multimillionärinnen blicken. Mittlerweile schafft Teller Nähe durch Teilhabe. An Erlebnissen in einer Welt, die man erst durch ihn kennenlernen konnte.

Mehr über Kim & Kanye? Für einen Text über „Kimye“, “Brangelina“, „Billary“, „Bennifer“, „TomKat“ & Co. hat Anne Feldkamp mit mir gesprochen. Um zu verstehen, wie Stars von der Prominenz anderer Stars profitieren.

Hier kann der Beitrag für „RONDO“ gelesen werden.

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