Lautlos Sprechen: Schrift-Bilder

Im April diesen Jahres hat die 20-Jährige Fotografin Peyton Fulford auf ihrem Tumblr „abandoned love“ eine Serie von acht Bildern veröffentlicht, in denen sie Schriftzüge auf Bannern vor Hausfassaden inszenierte. Die Schriftzüge sind als Zitate gekennzeichnet, auf deren Urheber sie mit einem Link verweist. Die Banner und Fotografien hat sie selbst angefertigt.
Am 26 März 2015 hatte die 17-Jährige Milly Cope, die im Internet durch ihre Selbstportraits Aufmerksamkeit erzeugte, eine Serien von abfotografierten Zetteln veröffentlicht.
Auf einem dieser Zettel stand in drei Varianten „You are enough“ – der die Vorlage für Fulfords erfolgreichstes Bild werden sollte.

Das Zitat von Cope war eine Einsendung gewesen, zu der Fulford wenige Wochen zuvor aufgerufen hatte. Sie suchte nach „private thoughts, diary entries, text messages“, um aus diesen dann nach Anleitung Banner herzustellen und sie fotografisch zu dokumentieren.

Die Idee zu diesem Projekt, schreibt die junge Fotografin auf ihrem Tumblr, kam ihr durch die Begegnung mit der Arbeit „things i told the internet, but didn’t tell my mom“, die Anna Ladd 2013 angefertigt hatte. Im Gegensatz zu den anderen Bildern auf ihrem Tumblr – die durchschnittlich zwischen 3 und 10 notes bekommen haben – erzielte die Schrift-Serie 134,611 notes, wurde aber gleichzeitig von zahlreichen Tumblr-Blogs neu eingestellt, auf denen die Einzelbilder mit durchschnittlich 200.000 notes honoriert wurden.

Anna Ladd: „things i told the internet, but didn’t tell my mom“, 2013
Anna Ladd: „things i told the internet, but didn’t tell my mom“, 2013

Natürlich kam nicht nur Fulford auf die Idee, die Serie von Anna Ladd für sich zu adaptieren. Und dass es sich nur um eine Adaption handelt, hat sein Ansehen keinesfalls geschmälert, vielmehr erhält sie Anerkennung für ihre inspirierende Wirkung: „your work is so beautiful and inspiring. i’ve been in a creative rut“. Es scheint, als würde trotz der Selbstbeschreibung als Fotografin nicht mehr der Anspruch erhoben werden, Originale zu erzeugen.

Doch Anna Ladd ist weniger der Anfang, als der Höhepunkt eines Phänomens, das die sozialen Netzwerke durchzieht: die Inszenierung von Schrift im Bild.
Diese Form der Inszenierung hat allen voran praktische Gründe. Denn auf Social Media-Plattformen wie Instagram und Tumblr  wird immer häufiger mit Bildern kommuniziert. Statt mühevoll eine Nachricht in das Handy einzutippen, sendet man lieber ganz nebenbei ein aussagekräftiges Bild. Lassen sich bei Tumblr noch Sätze in ein vorgegebenes Textfeld eintippen, dessen Gestaltungsmöglichkeiten sich jedoch in Grenzen halten (weder Schriftart noch Größe können verändert werden), ist bei Instagram nur zulässig, was die App selbst generiert: Bilder und Videos. Zwar können auch zuvor entstandene Bilder verwendet werden, doch müssen diese genauso den Weg durch die App beschreiten. Texte können dementsprechend nur im Bildformat auf Instagram erscheinen.

Daher empfindet man Schrift-Bilder noch immer als Trick, Rahmenbedingungen zu umgehen und die gängigen Bildprogramme in ihren Möglichkeiten auszutesten. Gleichzeitig eignet sich die Inszenierung von Schrift aber auch dafür, selbst banale oder sehr direkte Sprüche im Lichte der Kreativität erscheinen zu lassen – unter dem scheinbar viele noch immer den Impressionismus und Expressionismus, zumindest aber sichtbare Farbaufträge, versteht.

Tatsächlich hat die Hintergrundgestaltung inhaltlich meist nicht viel mit dem Text zu tun. Vielmehr ist es zu einer Herausforderung geworden, Schrift besonders einfallsreich zu inszenieren, nicht nur indem man mit Photoshop auf ein vorhandenes Bild schreibt. Zahlreiche Bildtypen haben sich in diesem Zuge durchgesetzt: Gemeinheiten, die auf einen aufwendig gebackenen Kuchen geschrieben werden; Intimitäten, die in die Haut eingeprägt oder ohnehin schon tätowiert sind; oder eben bunte Hausfassaden, vor denen melancholische Liebesbotschaften angebracht sind, wie bei Fulford. Auf Instagram findet man solche Bilder vor allem unter dem Hashtag #inspirationalquote und versteht dies nicht selten als eine Aufforderung, selbst ein solches Schriftbild zu inszenieren. Und das funktioniert, wie das obige Zitat bewiesen hat: „i’ve been in a creative rut“.

An diesem kreativen Höhepunkt angelangt, stellen sich Fragen angesichts der Art und Weise der Verbindung von Bild und Schrift. Die durchaus einmalig zu sein scheint – obwohl Texte in Bilder zu integrieren ein altes Verfahren ist, das bereits von der Vasenmalerei in der Antike oder mittelalterlichen Buchminiaturen bekannt ist. Meistens war das Verhältnis jedoch durch eine entsprechende Anordnung (Schrift über oder unter dem Bild) angezeigt und damit deutlich, ob das Bild die Schrift illustriert, oder die Wörter das Dargestellte beschreiben. Gängige Formen der Konkurrenzbeziehung – welches Medium dient dem anderen – sind auf diese Art von Schriftbildern nicht anwendbar.

Die Integration von Schrift im Bild ist vor allem in Werbeplakaten gängig. Doch besteht darin meist ein ebenso ungeklärtes Verhältnis der Dominanz. Bilder und Wörter befinden sich im Dialog: auf die Feststellung „Machos sind so cool.“ reagiert Heidi Klums erstes Topmodel Lena Gercke mit einer Fingerstellung, die das Maß angibt.

Werbeposter / Anti-Raser-Kampagne des DVR
Werbeposter / Anti-Raser-Kampagne des DVR

In der Kunst dient die Einbettung der Schrift beispielsweise der Ergänzung bereits im Bild angelegter Narrationen. So erzeugen die eingefügten Schriftzüge und Wortfetzen in Anselm Kiefers „Varus“ historische Assoziationen. Hölderlin und Kleist werden zu Augenzeugen an einem Tatort, der längst verlassen ist. Sprache ist hier ein für das Verständnis notwendiger Bildinhalt.

Anselm Kiefer:
Anselm Kiefer: „Varus“, 1976

Eine dialogische oder grundsätzlich assoziative Verbindung von Schrift und Bild lassen sich bei den Schrift-Bildern der Social Media nicht feststellen. Die Bildhaftigkeit der Schrift ist hier vielmehr Notwendigkeit für eine Kommunikation im Netz, die dem Mündlichen gleicht. Sie ist keine Feststellung, sondern Ausdruck. Sie ist eine Geste, die anzeigt „You are enough“. Die Inszenierung der Schrift ist dabei die Betonung: Milly Cope’s „You are enough“ sieht unsicher aus. Wohingegen der Unterton von Fulfords Bild als nüchterne Feststellung interpretiert werden kann. Gleichermaßen können neue Kontexte, die durch das Rebloggen erzeugt werden, Nuancierungen der Betonung vornehmen. Eigentlich ganz wie beim Sprechen, nur lautlos.

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