Bilder ohne Intention

 

Warum Sartres Großvater auf Instagram alt ausgesehen hätte

Jean-Paul Sartre beschreibt in seinem Buch „Die Wörter“, das er als autobiografische Schrift ausweist, seinen Großvater. Dieser „hatte das Glück und das Unglück, fotogen zu sein; seine Fotografien überschwemmten das Haus: da es noch keine Momentaufnahmen gab, hatte er es sich angewöhnt, zu posieren und lebende Bilder zu stellen; alles diente ihm zum Vorwand, seine Bewegungen zu unterbrechen, in schöner Haltung zu erstarren, zu Stein zu werden; innig genoß er diese Augenblicke voll Ewigkeit, die ihm zu seinen eigenen Standbild machten.

Sartres Großvater, gänzlich ein Mann des 19. Jahrhunderts, mochte es als Wertschätzung verstanden haben, durch die Fotografie selbst zu einem „Standbild“ zu werden. Denn Standbilder sind länger haltbar als Jene, die sie darstellen, und auch die Fotografie vermag es, das, was sie abbildet, zu überleben. Sartres Großvater hatte in der Fotografie insofern eine Strategie gefunden, unsterblich zu werden. Ein Wunsch, den sich bis dahin nur Auserwählte erfüllen konnten. Und ein Wunsch, der eng an den Glauben an die materielle Welt geknüpft ist.
Oder kann es ein stärkeres Bild für die Macht des Materiellen geben als das Standbild? Nicht zufällig erlebt dieses im 19. Jahrhundert eine Blüte, denn außer im Zuge der Erfindung der Fotografie äußerte sich das Bedürfnis nach Dauerhaftigkeit und Manifestation auch im zeitgleich aufkommenden „Denkmalkult“.

Angesichts der Menge an Bildern, die gegenwärtig täglich produziert werden, ist die Frage, ob Fotografie noch ein Standbild erzeugen kann, obsolet geworden. Und da es noch kein wirksames Alternativkonzept gibt, jenseits der materiellen Kultur Unsterblichkeit zu erlangen, wird die zunehmende Unfähigkeit der Bilder, ein Medium der Erinnerungskultur zu sein, vielerorts als Verlust interpretiert. Die neuen Techniken im Umgang mit Bildern werden als Naturkatastrophen wahrgenommen: Bilderfluten strömen auf uns zu, brechen über uns zusammen und hinterlassen nichts weiter als Chaos, Überforderung und Vergessen. Zugleich unterstellt das Sprechen von Bilderfluten, sie würden das, was bereits existiert, zerstören.

Wurde Bildern früher in Bezug auf Kommunikation, Bildung oder Erziehung Passivität vorgeworfen, nimmt man die heutige „Macht der Bilder“ als aktive Bedrohung wahr. Das geht sogar so weit, dass selbst Bilder, auf denen beispielsweise friedliche Szenen einer Mutter-Kind-Beziehung abgebildet sind, als Provokation empfunden werden. Während Bilder, die provozieren wollen, entweder in der Medienlandschaft untergehen oder  Anschläge zur Folge haben, sind harmlose Szenen des Privatlebens  Anlass für Internetdebatten und Shitstorms ungeahnten Ausmaßes. Die Diskriminierung, die von diesen Bildern auszugehen scheint, wurde bei der Erstellung und Veröffentlichung der Bilder in keiner Weise intendiert. Wie kann es aber sein, dass sogar Bilder provozieren, die gar nicht provozieren wollen?

Hierfür ist die Kontextverschiebung verantwortlich, die stattfindet, wenn das private Bild im öffentlichen Raum auftaucht. Das herkömmliche Verständnis vom Publizieren – Veröffentlichen – unterstellt dem Publizierten eine Auswahl und Intention. Doch spielt die Frage, warum und was publiziert wird, gerade für die privaten Bilder keine Rolle mehr, da grundsätzlich alles publiziert wird. Damit ist zugleich die Vorstellung, es müsse einen nachvollziehbaren Grund für die Erstellung und Publikation von Bildmaterial geben, überholt. Besonders deutlich wird dies bei Instagram, wo (meistens) private Bilder einer mehr oder weniger großen Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, die oftmals nicht mehr wollen, als das zu sein, was sie sind: ein natürlicher Umgang mit der Welt, in der wir leben. Der Grund dafür, Bilder für Instagram zu machen, unterscheidet sich nicht wesentlich von dem Grund, sich am Morgen die Haare zu kämmen.
Laura Ewert hat in der Welt die Instagram-Bilder als Provokation wahrgenommen. Aber produziert Instagram tatsächlich ein „Wettrüsten im Privaten“? Gibt es eine „Instagrammisierung des Alltags“? Ist das wirklich eine nennenswerte Beobachtung, oder beschreibt es im Grunde nicht einfach die Funktionsweisen unserer Konsumkultur? Worin besteht das Problem?

Victor Hugo on Instagram
Victor Hugo on Instagram

Vielleicht liegt das Problem im Konzept der Authentizität verborgen. Schließlich zeichnen sich die Bilder auf Instagram (meistens) gerade dadurch aus, dass sie suggerieren, Bilder des Alltags – also authentisch – zu sein. Ganz im Gegensatz zu den Zeiten von Sartres Großvater, der seine Posen noch preisgeben durfte. Der das demonstrative Posieren als ein Statement verstand, das sich im Wissen um den Blick der Anderen und deren Erwartungen konstituierte. „Eigentlich trug er die Erhabenheit ein bisschen stark auf: er war ein Mann des 19. Jahrhunderts, der sich, wie viele andere Männer, Victor Hugo selbst nicht ausgeschlossen, für Victor Hugo hielt.“ Und Sartres Großvater inszenierte Victor Hugo, und vermutlich gelang ihm dies in einem einzigen Foto, das nicht einmal über seine Inszenierung hinwegtäuschte, sondern diese sogar zum Thema hatte.

Verleugnen dagegen die unzähligen Bilder des Alltags ihre Inszenierung und werden deshalb letztlich doch als etwas mit einer Intention wahrgenommen, die sogar adressiert ist? Ja und nein. Ja, insofern Authentizität immer über eine Inszenierung hinwegtäuscht. Auch Victor Hugo spielt Victor Hugo. Nein, insofern heutige Inszenierungen des Authentischen nicht mehr in einem einzelnen Bild stattfinden. Inszenierungen – gerade im privaten Bereich – konstituieren sich immer im Wissen um die Entstehung vieler Bilder.  Bilder provozieren also erst dann, wenn man sie aus ihrem Kontext, aus ihrer Chronologie und aus der Gesamtinszenierung, der sie entstammen, isoliert.

Ein neuer Umgang mit Bildern, die privat entstanden sind und in die Internet-Öffentlichkeit platziert wurden, könnte so aussehen, dass man Bilder in ihrer Gesamtinszenierung begreift und aufhört, ihnen eine Intention zu unterstellen. Insbesondere dann, wenn man sich von ihnen provoziert fühlt. Oder man stellt sogar selbst mit vielen Bildern experimentell Zusammenhänge her, um sich in einer solchen Praxis zu üben. Ganz so, wie es beispielsweise auf Tumblr gemacht wird, denn dort herrschen Bilder zumeist nur im Plural.

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