Die Ordnung der Bilder

Der folgende Beitrag wurde publiziert in „Der Greif – A Process“.
Click here for english version! (Beitragsbild: Sibylle Springer)

Bilder werden gesammelt, geordnet, in Ensembles zusammengestellt und präsentiert. Daran beteiligt sind allen voran die Hauptakteure des Kunstbetriebes: Kuratoren produzieren Sinn durch die Konstellation von bereits Bedeutung tragenden Objekten. Gerhard Richter stellt seine private Bildsammlung auf Tableaus zusammen und präsentiert diese als Kunst. Aby Warburg versuchte durch die Zusammenstellung von entsprechenden Motiven in einem Bildatlas, dem Mnemosyne-Atlas, das Nachleben der Antike vorzuführen, Bildkonstellationen als kunstwissenschaftliche Praxis anzuerkennen und eine Möglichkeit zu bieten, Sinn anders und neu zu generieren.

Diese sehr unterschiedlichen, oftmals experimentellen Verfahrensweisen mit Bildern werden heute vielerorts eher als kreative Praxis gedeutet, denn als wissenschaftliche Methode oder Medium einer Erinnerungskultur. Bedeutende Kunstausstellungen des zwanzigsten Jahrhunderts werden mitunter selbst als Kunstwerke verhandelt. Der Kurator sieht sich zunehmend als Künstler. Sammlungen werden nicht mehr nur als eine Kulturpraxis verstanden, sondern werden gleichermaßen selbst zu einer Kunstform erkoren.

Ferner lassen sie dadurch die drei Logiken der Wissensordnung hinter sich, die Foucault als zentrale Denkmuster herausgearbeitet hatte: Das Denken in Ähnlichkeiten, wie es in Kunst- und Wunderkammern nachvollzogen werden konnte. Der Blick der Differenzierung, dem er den enzyklopädischen Sammlungen der Aufklärung zusprach, die eine möglichst vollständige Erfassung von Quellen, Tieren und Pflanzen vorantreiben sollte. Und letztlich das Zeitalter des Geschichtsdenkens, das sich bis heute in historischen Museen niederschlägt. Foucault fragte sich bereits 1966, ob und – wenn dem so ist – in welchen neuen Ordnungsmustern wir denken.

Wie konstituiert sich Bedeutung, wenn die Ordnungen der Logik von künstlerischen Praxen Folge leisten? Wenn Ordnung als kreativer Prozess verstanden werden will. Wenn Ordnung womöglich reiner Willkür entspringen darf. Wenn die Ordnung selbst mit der Bedeutung gleichzusetzen ist? Werden dann neue Formen des magischen Denkens entstehen, wie es Foucault aus den Zusammenstellungen der Wunderkammern herausgelesen hatte?

 Eine Hotelzimmerwand

Viele Einzelbilder (im Plural)

Felix Thürlemann prägte für die kalkulierte (An)ordnung von Bildern den Begriff des hyperimage, der an den Diskurs des hypertext in der Literaturwissenschaft anschließen sollte. Dieser war eine Reaktion auf die im Internet entstandenen Verfahren des Verlinkens und Copy and Pastes. Das hyperimage macht Glauben, ein großes Bild aus vielen Einzelbildern zu sein, folgt dabei aber gleichzeitig der Logik des gaze, des Blickregimes, das Lacan vom view, dem Blick, unterscheidet. In seiner Statik verfehlt der Begriff jedoch die Dynamik der sich durch andere Kontexte immer wieder neu konstituierenden Bilder. Ein hyperimage ist am Ende eben doch ein image. Und das suggeriert eine Abgeschlossenheit, die nicht immer zutreffend ist. Und zugleich deutlich macht, dass es einer entsprechenden Kategorisierung bedarf. Die Vorsilbe hyper hingegen charakterisiert die Konstellationen recht präzise als Generierung von Bedeutung, die über ein bloßes Addieren hinausgeht.

Werden Einzelbilder auf Tableaus angeordnet, zeigt sich vor allem eines: Ähnlichkeit, unabhängig davon ob sie visueller Natur ist, bleibt immer unbegrenzt. Denn Ähnlichkeit, wie auch Differenz wird erst produziert, wenn sie auf eine andere Ähnlichkeit oder Differenz verweist. Sie existiert nicht in sich selbst, sondern letztlich nur in der Konfrontation. Zugleich sind die Anhäufungen von Bestätigungen, Enttäuschungen, Überraschungen und Konventionen – wie sie innerhalb der Tableaus zu entstehen vermögen – unendlich. Insofern liegen das Fundament der Bilder und die Verfahrensweisen mit Bildern auf sandigem Boden. Sich auf sandigen Boden zu begeben kann aber auch mutig sein und Weitblick bezeugen: So dekonstruiert die stete Neuanordnung von Tableaus den Mythos von der unmittelbaren Verständlichkeit der Bilder. Dieser (alte) Glaube, dass Bilder verständlicher seien als andere Medien, zugänglicher sind als ein Text beispielsweise, setzt nicht nur eine Ähnlichkeit von Bild und Objekt voraus, sondern gleichermaßen die Vorstellung, Bilder würden, wie spezifisch diese auch sind, immer das Gleiche bedeuten. In jeder Zeit und in jedem Raum.

Natürlich ist dieser Irrglaube längst schon als Irrglaube identifiziert worden. Und insofern finden die fotografischen Arbeiten keine Entwertung, sondern eine Aufwertung. Sie halten verschiedenen Kontexten stand und befreien sich auf diese Weise von der Determination des Autors, der es zulässt. Der sie in einen demokratischen Raum schickt, um sie darin wiederum einer Diktatur auszusetzen.

Nicht das Eigenleben der Bilder bewirkt ein magisches Denken. Sondern ihre Ordnung.

Immer noch im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit: Das Kunstwerk hat sich seiner Aura wieder ermächtigt. Nicht, indem es zu seinem Status des Originals, des Einzelbildes, zurückgekehrt ist, sondern gerade dadurch, dass es sich mit anderen Bildern konstellieren lässt.

 Ausstellung der Autorin © Lars-Ole Bastar

Literatur:

  • Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Suhrkamp Verlag: Frankfurt a.M. 1974. Französische Erstauflage (Les mots et les choses) 1966.
  • Lacan, Jacques: Seminar XI: The Four Fundamental Concepts of Psychoanalysis. W.W. Norton and Co.: NY & London 1978.
  • Thürlemann, Felix: Mehr als ein Bild. Für eine Kunstgeschichte des hyperimage. Wilhelm Fink Verlag: München 2013.

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